Ein Tag gegen Diäten

Kommentar8. Mai 2012, 07:00
6 Postings

Rigide Körpernormen treiben immer mehr Menschen in die Depression. Zum Glück kommen die Dicken jetzt auch in Europa in Bewegung

Es gibt inzwischen so viele Gedenktage über das Kalenderjahr verteilt, dass sie ihren eigentlichen Zweck - "Bewusstsein" für ein Anliegen zu schaffen - kaum noch erfüllen können. Beim Internationalen Anti-Diät-Tag, der am 6. Mai begangen wird, wäre das äußerst schade.

Die Britin Mary Evans Young rief ihn 1992 ins Leben, nachdem sie eine Anorexie-Erkrankung überwunden hatte. Sie verfolgte damit das Ziel, möglichst viele Frauen (und Männer) vor den möglichen negativen Folgen einer Diät zu warnen. 

Sensibilisierung nicht geglückt

Eine Sensibilisierung gegenüber der Thematik ist in der Mitte der Gesellschaft und den Mainstream-Medien aber bis heute nicht wahrzunehmen, im Gegenteil: Der schlanke Körper hat sich als Symbol für Gesundheit, Erfolg und Leistungsbereitschaft in den letzten Jahren noch tiefer in unser Bewusstsein eingebrannt.

Gleichzeitig entwickelt sich aber auch in Europa langsam eine Gegenbewegung, die dem Diktat des schlanken Körpers und der kollektiven Abnehm-Hysterie gegenhalten will. Dazu gehört in Berlin z.B. die Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung und in Wien die ARGE Dicke Weiber.

Erstere fordert etwa im Anschluss an die Dickenbewegung in den USA eine gesellschaftliche Würdigung der Vielfalt von natürlichen Gewichtsunterschieden. Das liest sich nicht besonders radikal - bei näherer Betrachtung fällt allerdings auf, dass unsere (massenmediale) Kultur körperliche Vielfalt nicht mehr respektvoll zu repräsentieren vermag.

Dicke als Schuldige und Kostenfaktor

Das fängt schon damit an, dass Dicke inhaltlich als "Schuldige" ihres Körpers etikettiert werden und in Folge als Sündenböcke für die Probleme des Gesundheitswesens herhalten müssen. Auf der bildlichen Ebene werden ihre Körper ausgestellt wie im Mittelalter die Kleinwüchsigen auf dem Jahrmarkt. Das Bewusstsein bei den MedienmacherInnen und RezipientInnen ob dieser bildlichen Gewalt: gleich null.

Aber auch die Darstellung von dünnen, als attraktiv geltenden Körpern wird zunehmend abstoßend. Ein aktuelles Beispiel ist die Hollywood-Romantikkomödie "Die nackte Wahrheit", mit der uns ORF 1 diesen Sonntag beglückte. Da wursteln sich muskelbepackte Männer- und klapperdürre Frauenleiber mühsam ihrem gescripteten Sex-Finale entgegen, ohne auch nur den Anflug irgendeines echten Begehrens vermitteln zu können. Selbiges perlt an der Schablonenhaftigkeit, mit der diese Figuren und Körper präsentiert werden, rigoros ab.

Riots not Diets

Kommenden Samstag findet in Wien die "Zeltstadt der Frauen" statt. Auf dem Ring schlagen Frauen ihre Zelte gegen das Patriarchat auf und fordern eine demokratische Gesellschaftskultur ein. Zur richtigen Zeit werden dort auch die ARGE Dicke Weiber vertreten sein und uns hoffentlich verraten, was jede einzelne Frau auch abseits des "Anti-Diät-Tags" gegen den Schlankheitsterror tun kann. (dieStandard.at, 8.5.2012)

Share if you care.