Menschenrechtsverteidiger warnen vor Boykott des Song Contests

Blog7. Mai 2012, 18:44
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Eine traurige Bilanz anlässlich des internationalen Tags der Pressefreiheit: Alle fünf Tage stirbt weltweit ein Journalist

Der Tod ist allgegenwärtig, auch im Arbeitsbild der Berufskategorie Journalismus. Alle fünf Tage stirbt auf unserer runden, globalen Welt ein Reporter, eine Reporterin. Nicht im Frieden mit sich selbst sondern plötzlich, gewaltsam, irgendwo. Im Dienst eines mitunter tödlichen Berufes, verpflichtet der Informationsfreiheit. Das ist die traurige Bilanz, die Reporter ohne Grenzen anlässlich des internationalen Tags der Pressefreiheit zog.

Der 3. Mai ist inzwischen abgefeiert. Alle, die sich berufen fühlten, meldeten sich zu Wort. Mächtig, wichtig, eindrucksvoll. In Österreich war heimatlicher Qualitätsjournalismus das Hauptthema. Eine sicherlich nie enden wollende, wichtige Fragestellung. In Großbritannien hadert die Medien-Familie Murdoch mit ihrem selbstverschuldetem Schicksal. Die Gier war zu groß, die Murdoch-Latte für journalistischen Respekt vor Menschen zu tief gelegt. Die Macht des Medienimperiums bröckelt. Nicht nur im Vereinigten Königreich, auch in den USA.

Dort startete am 3. Mai Robert McChesney, der Mitbegründer der Organisation "Free Press", eine Murdoch-Kampagne. Ziel ist zu hinterfragen, ob es tatsächlich mit dem Gesetz in Einklang steht, dass Murdoch beziehungsweise seine News Corporation in den USA 27 Sende-Lizenzen besitzt. In Deutschland wird Nick Davis, jener "Guardian"-Journalist, der die Machenschaften der Murdoch-Reporter aufdeckte, zum Träger des diesjährigen Henri-Nannen-Preises gekürt.

Der 3. Mai bewährt sich, wie das diesjährige Resümee zeigt, immer mehr als ernst genommener Mahntag für Presse- und Informationsfreiheit. Wahrscheinlich ist es auch nur noch eine Frage der Zeit, bis dieser Tag auch von Floristen kommerzialisiert wird: Kunterbunte Blumen zu Valentins-, Mutter-, Vatertagen, Maiglöckchen zum Tag der Arbeit am 1. Mai, warum nicht Lorbeersträußchen zum Dritten. Lorbeerblätter verblühen nicht und würzen jedes gute Gericht. Dem subkutanen Zynismus wären keine Grenzen gesetzt.

Mehr Feinde der Pressefreiheit

Reporter ohne Grenzen flicht keine Lorbeerkränze, noch streuen wir Blumen. Wir veröffentlichen Fakten. Die Zahl der Feinde der Pressefreiheit stieg heuer von 38 auf 41. Mehr als bedenklich ist zudem, dass laut unserer Statistik in manchen Ländern gleichzeitig zwei Feinde der Pressefreiheit parallel agieren.

So im Iran Präsident Mahmud Ahmadinedschad gemeinsam mit dem religiösen Führer Ali Chamenei. In Pakistan die Taliban und der staatliche Geheimdienst. In Aserbaidschan Präsident Iicham Alijew und Wassif Talibow, Repräsentant der zu Aserbeidschan gehörenden autonomen Republik Nachitschewan. In Russland der neu gewählte Staatchef Wladimir Putin Hand in Hand mit seinem tschetschenischen Kollegen Ramsan Kadyrow.

Wladimir Putin wurde im Moskauer Kreml neuerlich als Präsident vereidigt. 3000 Gäste sahen ihm zu, wie er den Amtseid auf die Verfassung ablegte. O-Ton Putin: "Ich will alles dafür tun, das Vertrauen von Millionen unserer Bürger zu rechtfertigen." Das staatliche Fernsehen war natürlich auch dabei und berichtete live aus dem Kremlpalast.

Russlands Mauern haben Risse

Weniger feierlich und gesittet ging es seitens der Sicherheitskräfte am Vortag bei den Anti-Putin-Protesten zu. Zwischen 50.000 und 70.000 Menschen waren gekommen, um nochmals gegen Wahlmanipulationen zu demonstrieren. 400 Teilnehmer wurden festgenommen, mindestens 80 schwer verletzt. Mit aller Gewalt waren die Sicherheitskräfte gegen die Demonstranten vorgegangen. Was nicht sein soll, das darf nicht sein. Die Demonstration war, wohl bemerkt, angemeldet.

Dennoch: Russlands Mauern haben Risse bekommen. In einem spannenden Interview erklärt Alexej Simonow, Journalisten-Grandseigneur sowie Hüter von Glasnost und Pressefreiheit, die prekäre Situation der russischen Medien. Nachzulesen wo?

In press.freedom.now, der Zeitschriftschrift für freie Information. Das ist unser neues Magazin, das seit dem 3. Mai auf dem Markt ist und vierteljährlich erscheinen wird. In press.freedom.now berichten internationale Medienmenschen, was sich vor und hinter den Kulissen abspielt. Sie berichten undercover aus Syrien, ganz offiziell aus Ungarn und wie das in Österreich so ist mit "law and order" gegenüber investigativen JournalistInnen. Es lohnt sich, hineinzuschauen und zu lesen.

Baku: Kritische Stimmen werden stumm gemacht

Und was tut sich im kaukasischen Aserbaidschan? Das Land fiebert dem Eurovision Song Contest entgegen. Am 22. Mai ist es soweit. Dann beginnt in der Hauptstadt Baku die viertägige Austragung des Wettbewerbs europäischer Unterhaltungsmusik. Im Vorfeld werden nicht nur Straßen und Fassaden konsequent gesäubert, die Polit-Putztrupps machen auch vor der Medienwelt nicht Halt. Kritische Stimmen werden stumm gemacht. JournalistInnen zunehmend unter Druck gesetzt, zusammengeschlagen, inhaftiert.

Dortige Menschenrechtsorganisationen fordern dennoch dazu auf, den Song Contest nicht zu boykottieren sondern mit entsprechenden Songs auf die extrem schwierige menschenrechtliche Situation in Aserbaidschan aufmerksam zu machen. Österreichs Beitrag heißt bekanntermaßen "Woki mit dem Popo" - Wackeln mit dem Hinterteil. (Rubina Möhring, derStandard.at, 7.5.2012)

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    Protest für Pressefreiheit am 3. Mai in Kuala Lumpur.

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