Medien-Nachhilfe für den Song Contest

7. Mai 2012, 18:15
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Aserbaidschan hat den Song Contest und wenig Ahnung vom Umgang mit westlichen Medien. Deshalb ließ sich die Polizei in Baku von Kollegen aus Wien in die Geheimnisse der Öffentlichkeitsarbeit einweihen

Wien/Baku - Die Einladung kam unerwartet, aber nicht überraschend. Seit der EURO 2008 in Österreich und in der Schweiz gilt die Öffentlichkeitsarbeit der heimischen Polizei als internationaler Maßstab im Umgang mit Medien bei Großveranstaltungen. Also wandte sich vor kurzem auch Aserbaidschan mit der Bitte um Know-how ans Innenministerium. Denn die Polizei in der Republik zwischen Kaspischem Meer und Kaukasus hat erstens von 22. bis 26. Mai den Song Contest zu bewältigen und zweitens wenig Ahnung von westlicher Öffentlichkeitsarbeit.

Abordnung

Also entsandte Wien eine vierköpfige Abordnung nach Baku, die im dortigen Innenministerium den stellvertretenden Hausherren, Oruj Zaloc, und hochdekorierte Generäle vier Tage lang schulten. "Medienarbeit ist dort noch Neuland, viele Beamte stecken in alten Strukturen", umreißt Alexander Marakovits, Abteilungsleiter der Pressestelle im Innenministerium, das Problem.

Deutlicher wird die Organisation Reporter ohne Grenzen. Auf deren Rangliste der Pressefreiheit befindet sich Aserbaidschan auf Platz 162 von 179 gelisteten Staaten. Die Presse in dem vorderasiatischen Binnenland ist alles andere als frei, rund 80 Prozent aller Zeitungen sind staatsnahe. Unabhängige Journalisten leben gefährlich, erst Ende April wurde ein unabhängiger Reporter krankenhausreif geschlagen, weil er Zwangsumsiedlungen in und in der Nähe von Baku dokumentiert hatte. Auch Blogger, die den autoritären Präsidenten Ilcham Alijew kritisieren, haben regelmäßig mit Repressionen zu kämpfen oder landen sogar im Gefängnis.

"Baku verpasst sich positives Image"

Beim Song Contest soll davon freilich nichts zu spüren sein, Aserbaidschan will sich als modernes, aufstrebendes Land präsentieren. Was zumindest dem äußeren Anschein nach gelingen dürfte: "Baku verpasst sich ein positives Image, die ganze Stadt liegt im Song-Contest-Fieber", sagt Marakovits im Gespräch mit dem STANDARD. Und nach seinen Worten bereitet sich die Polizei ernsthaft auf die Welle westlicher Medien vor, die natürlich auch kritische Fragen zum Zustand des Landes mit sich bringen wird.

Gerade über Krisenkommunikation haben Marakovits sowie Manfred Reinthaler und Hans Golob von der Pressestelle der Wiener Polizei und Daniela Tunst vom Landespolizeikommando Wien in Baku viel erzählt. "Wenn die Informationspolitik so schnell wächst wie die Neubauten in Baku, sind die Sicherheitsbehörden in Aserbaidschan auf dem richtigen Weg", meint Marakovits.

Monitoring durch Europarat

Für Aserbaidschan geht es um viel, der Song Contest soll den Tourismus kräftig ankurbeln. Doch das seit 1991 unabhängige Land - etwa genauso groß wie Österreich - befindet sich auch immer noch in einem bewaffneten Konflikt mit Armenien in der Region Berg-Karabach. Seit elf Jahren ist die frühere Sowjetrepublik Mitglied im Europarat und unterliegt einem Monitoring. Der Europarat hat auch den deutschen Bundestagsabgeordneten Christoph Strässer zum Sonderberichterstatter für politische Gefangene in Aserbaidschan ernannt. Der SPD-Politiker durfte aber bisher noch nicht nach Aserbaidschan einreisen. (Michael Simoner, DER STANDARD, 8.5.2012)

  • Medien-Lehrgang für den Song Contest in Baku: Aserbaidschans Vize-Innenminister Oruj Zalov (4. v. li.) und (re. daneben) Alexander Marakovits, Manfred Reinthaler, Hans Golob und Daniela Tunst.
    foto: bmi

    Medien-Lehrgang für den Song Contest in Baku: Aserbaidschans Vize-Innenminister Oruj Zalov (4. v. li.) und (re. daneben) Alexander Marakovits, Manfred Reinthaler, Hans Golob und Daniela Tunst.

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