Griechenland steuert auf zweite Neuwahlen zu

Markus Bernath aus Athen, 7. Mai 2012, 20:32

Konservative scheitern an Regierungsbildung - Athen steuert auf zweite Neuwahlen zu: Die Mehrheiten für eine neue Koalition fehlen

Sarkasmus und Triumph herrschen in Athen am Tag nach den Wahlen, die Griechenlands politische Kräfteverhältnisse auf den Kopf gestellt haben. "Die Griechen haben gewählt", heißt es bitter am Parteisitz der Nea Dimokratia in der Syngrou Avenue im Süden der Hauptstadt. Die Gefolgsleute von Antonis Samaras fühlen sich unverstanden.

Es ist der Absturz der konservativen Partei auf 18 Prozent, weitaus schwerer als erwartet, der eine Koalition der Kreditunterzeichner unmöglich macht. Führungslos schlittert Griechenland nun in eine Zeit der politischen und wirtschaftlichen Instabilität. Neuwahlen schon im nächsten Monat scheinen noch der wahrscheinlichste Ausweg.

Zwei Sitze fehlen Nea Dimokratia und Pasok zur Mehrheit im Parlament, und dann - so hatte Pasok-Chef Evangelos Venizelos noch in der Wahlnacht festgestellt - wäre die politische Basis immer noch nicht breit genug, um den Sparkurs zur Rettung Griechenlands weiter zu verfolgen. "Die Parteien, die ohne die Zustimmung der Griechen die Kreditprogramme unterschrieben haben, sind in der Minderheit", jubelte dagegen Alexis Tsipras, der Linkspolitiker und Wahlsieger. Er konnte den Anteil seines Linksbündnisses Syriza mit knapp 17 Prozent fast vervierfachen.

"Barbarische Memoranden"

Tsipras reckt die rechte Faust in die Höhe unter dem Applaus der Wartenden am Koumoundourou-Platz, als er Sonntag kurz vor Mitternacht aus dem Parteigebäude von Syriza eilt und sich zum nächsten Termin fahren lässt. "Europas Völker können nicht mit barbarischen Memoranden versöhnt werden." Zwei solcher Memoranden mit den Sparauflagen hatte Griechenland unterzeichnet, als es die Rettungskredite von 110 und später 130 Milliarden Euro angenommen hatte. Tsipras kündigte eine Regierung der "linken Kräfte" an, um die Memoranden abzuschaffen. Doch auch ihm fehlen die Stimmen.

Die "Wahl der Wut"

"Dies war eine Wahl der Wut", sagt Yiannis Loulis, ein Politikberater und langjähriger Beobachter der Parteien. "Die Leute waren nicht interessiert an Programmen oder Problemlösungen. Ihre Einstellung zu den Regierungsparteien war: 'Redet mir nicht vom Euro, lasst mich in Ruhe mit diesem Schäuble.'" Die Griechen habe nicht gekümmert, was am Tag nach den Wahlen sein würde, glaubt Loulis. "Lasst die Parteien das erledigen. Sie haben den ganzen Schlamassel angerichtet", sei ihre Ansicht gewesen. Gut möglich, dass sie das nun bedauern, fügt der Politikberater hinzu.

Als Chef der relativ größten Partei im nächsten Parlament erhielt Samaras von Staatspräsident Karolos Papoulias am Nachmittag den Auftrag zur Koalitionssuche. Wenige Stunden später war er gescheitert: "Ich habe das Mandat zurückgegeben", sagte er, nachdem er Tsipras und Venizelos getroffen hatte, er sei "nicht in der Lage eine Regierung zu bilden". Nun wird erwartet, dass der Staatspräsident am Dienstag Tsipras als Führer der zweitstärksten Fraktion mit den Sondierungen betrauen wird.

Wenn einer der Koalition der Sparkursbefürworter die notwendigen Stimmen verschaffen hätte können, dann wäre es Fotis Kouvelis. Der Altkommunist, ein Pro-Europäer, bringt seine Partei Demokratische Linke mit 19 Sitzen ins Parlament. Doch er winkte schon zu Mittag ab. Er sei nur bereit, an einer "Koalition der progressiven Kräfte" mitzuwirken, hatte er erklärt. Zu groß ist die Dynamik auf der Linken durch den Wahlsieg von Syriza geworden. Tsipras' Linksbündnis und die Kommunisten können mehr denn je die Straße mobilisieren. So war Samaras' Koalitionssuche aussichtslos, bevor sie überhaupt begonnen hatte.

Warten auf die Revolution

Tsipras' Linksregierung zusammen mit den Kommunisten der KKE und Kouvelis hätte jedoch nicht genug Stimmen. Aleka Papariga, die Vorsitzende der KKE, hat eine Koalition zudem kategorisch ausgeschlossen. Verächtlich sprach sie von den "neuen Sozialdemokraten" der Tsipras-Truppe. "Papariga wartet auf die Revolution", kommentierten ironisch Twitterschreiber in der Wahlnacht.

Den dritten und letzten Part der Koalitionssuche wird dann Pasok-Chef Venizelos übernehmen. Der griechische Staatspräsident kann nach diesen zehntägigen Bemühungen theoretisch eine Notregierung zusammenstellen lassen oder aber gleich Neuwahlen ausrufen lassen. Darauf setzt bereits Evangelos Venizelos, der frühere Finanzminister. Die Wut der Griechen auf die Sparkursparteien, so hofft er, sei dann verraucht. (Markus Bernath aus Athen, DER STANDARD, 8.5.2012)

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"Es war falsch, das Volk zu diesem Zeitpunkt zu den Urnen zu rufen."

wie die systemvasallen sich brüskieren, wenn mal das volk seine meinung kundtut:

http://www.tagesschau.de/kommentar... ar502.html

die scheindemokratie zeigt sich ganz offensichtlich unverblümt.

so ein Bloedsinn

Von wegen die Griechen sind nicht interessiert an Problemloesungen, Herr Loulis und Herr Bernath. Diese Wahl wurde von allen Griechen, die ich kenne, als die wichtigste Wahl der griechischen Geschichte bezeichnet. Wie kann man nur denken, dass Leute, die in einer so schwierigen Situation sind wie die Griechen jetzt, demgegenueber gleichgueltig sind?! Da hat EIN Mensch seine schlechte Meinung ueber die Griechen preiszugeben und schon kommt er in die Zeitung. SCHADE!!

Wenn die Griechen denn tatsächlich so an Lösungen interessiert waren

dann stellt sich die Frage weshalb so viele Menschen auf einmal ihre Liebe zu extremen Parteien entdecken. Glauben Sie ernsthaft, dass die Neofaschisten oder Altstalinisten den Karren aus dem Dreck ziehen können? Nein, das Wahlergebnis lässt eher auf eine gewisse Realtitätsverweigerung schließen.

Weil die Polizei als Ordnungsmacht versagt hat.

es ist doch vor allem das wahlgesetz, das GR in der jetzigen situation unregierbar macht. einst sollte es die herrschaft der PASOK zementieren, jetzt hat niemand etwas davon. politik gegen die bürger zu machen und mit einer manipulation der politischen kräfteverhältnisse abzusichern, funktioniert nicht ewig. der ärger auf die beiden früheren großparteien wird durch fortgesetzte neuwahlen wohl eher noch größer als kleiner.

Was genau macht jetzt die linke SYRIZA zur "radikalen" Linken? Weil sie gegen Merkel/Sarkozy sind???

Ich kann nix radikales an ihnen entdecken!

in dem Bündnis sind unter anderem Trotzkisten und Maoisten - gemäßigt klingt das eher nicht.

Auch in der SPÖ gibts Trotzkisten!

Ja, aber sie ist kein Bündnis, das explizit trotzkistische usw. Parteien (oder sonstige Teilorganisationen) beinhaltet, also wie wenn etwa die SLP ein Teil der SPÖ wäre.

soll das jetzt für

oder gegen die spö sprechen? das geht aus ihrem posting irgendwie nicht eindeutig hervor.

weder das eine noch das andere!

Es geht darum, dass die SPÖ nicht "linksradikal" ist, nur weil es dort auch TrotzkistInnen gibt!

Ich war jetzt ganz überrascht, dass es sogar ein eigenes Wort dafür gibt: Entrismus

http://de.wikipedia.org/wiki/Entrismus

kommt halt drauf an

wieviele es sind und ob/was sie zu sagen haben. das dürfter in dieser griechischen partei etwas anders sein als in der spö.

Vielleicht sollten Sie einmal

über den Doppelsinn des Begriffs "Trotzkisten" nachdenken. Am besten schaffen Sie es, wenn Sie verschiedene Singularformen ausarbeiten.

Wie auch immer, man kann auch drüber streiten, ob Trotzkisten linksradikal sind!

klar

man kann auch darüber streiten, ob der papst katholisch ist. wenn einem sehr fad ist.

Wie gedenken Trotzkisten an die Macht zu kommen und was sieht der Trotzkismus denn für politische Gegner im Falle der Machtübernahme vor?

Uninteressant, Dass Trotzkisten an die Macht kommen ist genau so wahrscheinlich, wie, dass bei der nächsten Nationalratswahl der Gehring eine Absolute bekommt!

Eh. Ich frag aber trotzdem.

Ich find die Frage, wie wer täte, wenn er könnte, recht relevant bei der Frage, ob ich einen Radikalen vor mir hab.

Radikalismus hat mit Extremismus oder Totalitarismus nicht zwangsläufig was zu tun! Wer seine politischen Gegner umbringt oder interniert, ist extrem, diktatorisch, aber nicht zwangsläufig radikal. Radikal bezieht sich auf die Umwälzung der Verhältnisse. Verstaatlichung wäre nicht radikal, Arbeiterselbstverwaltung schon (nur ein Beispiel)...

Wenn mich also einer in den Gulag schmeißert, die Industrie aber verstaatlichert, statt auf Arbeiterselbstverwaltung zu stellen, dann hätt ichs mit einem Moderaten zu tun? ;-)

Ähem, es geht um den begriff "radikal", nicht um "gut und böse"!

jemand der sie in den Gulag schmeißert, die Industrie aber verstaatlichert, statt auf Arbeiterselbstverwaltung zu stellen, ist nicht "linksradikal" weil der Gulag keine radikal linke Lösung ist. Dieses Vorgehen kennzeichnet diktatorische Regime, unabhängig von der dahinterstehenden Ideologie, verstehens jetzt, was ich mein?

Alles klar.

Dann ist man natürlich NICHT radikal, wenn man auf Lenins oder Trotzkis Spuren wandelt.

Aber was ist man dann?
Was wäre das theoretische Gegenteil von radikal?

wortklauberei, wenn sie mich fragen

abseits von ethymologischen erbsenzählereien wird "radikal" selbstverständlich als synonym für "extrem" verstanden. no na.
immer wieder lustig, wie extremisten sich ihre welt zusammenbasteln.

So, ihr zwei (-;

ich kann da ja nix dafür! Ich bastle gar nix, ich versuch nur zu erklären. Vielleicht - nochmal - hilft das weiter: http://de.wikipedia.org/wiki/Link... dikalismus

Lenin und Trotzky verurteilten den "linken Radikalismus" weil er nicht linientreu (oder besser "lenintreu") war!

Die meisten Linksradikalen, also Anarchisten, Libertäre Sozialisten, Rätekommunisten - verurteilen und verurteilten seit jeher das Leninistische Zwangssystem (sie haben ja auch darunter gelitten, wurden liquidiert oder in den Gulag gesteckt)! Ob es euch beiden jetzt passt oder nicht...

Ich kann ihnen natürlich nicht vorschreiben, welche Begriffe sie für welche Strömung verwenden wollen. nix für ungut...

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