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Lola Arias' Stück "Melancolía y manifestaciones" läuft im Rahmen der Wiener Festwochen von 13. bis 16. Mai bei Brut im Künstlerhaus.
STANDARD: Europa krankt gerade an den Auswüchsen der Finanzspekulation. Gibt es einen Vergleich mit Ihrem Heimatland Argentinien?
Arias: Eventuell mit dem Zusammenbruch unserer Wirtschaft im Jahr 2001. Da wurden wie über Nacht Überlebensstrategien entwickelt wie der Tausch statt Kauf von Gütern. Es gab kontinuierliche Versammlungen in allen Nachbarschaften, in denen über Problemlösungen geredet wurde. Die damalige Solidarität hat sich zwar verändert, aber die Menschen mischen sich immer noch politisch ein. Jetzt gibt es eine neue Offensivität junger Leute aus der sehr aktiven Bewegung La Cámpora.
STANDARD: In Ihrem Stück "My Life After" vor drei Jahren ging es um die Verarbeitung der Videla-Diktatur, die von 1976 bis 1983 gedauert hat. Ihre neue Arbeit "Melancholy and Demonstrations" handelt von Ihrer Mutter, warum?
Arias: Ich habe viel über die Leben anderer oder fremde Familiengeschichten gemacht, jetzt erzähle ich meine eigene Geschichte.
STANDARD: Sie haben voriges Jahr schon einen Vortrag über die Depression Ihrer Mutter im Tanzquartier Wien gehalten.
Arias: Ja, die Lecture war auf demselben Text aufgebaut, den ich dann mit einer Schauspielerin zu einem Stück ausgearbeitet habe. Sie rekonstruiert Teile von Interviews, die ich mit meiner Mutter geführt habe. Und es gibt auch eine Gruppe von vier alten Amateurschauspielern, die diese Szenen aus der Vergangenheit zu rekonstruieren helfen. Sie repräsentieren die Welt meiner Mutter und übernehmen am Ende die Kontrolle über das Stück.
STANDARD: War die Erkrankung Ihrer Mutter 1976 eine Folge des Militärputschs im selben Jahr?
Arias: Das ist eine Hypothese. Im Stück werden Politik und Krankheit in Verbindung zueinander gebracht, aber es geht mir nicht darum zu sagen: Das ist die einzig mögliche Perspektive. Ich nutze das Theater als Werkzeug zur Rekonstruktion vergangener Ereignisse: die Leben von Opfern und Tätern des Regimes wie in My Life After oder jetzt Momente aus dem Leben von jemandem, der dieses seelische Leiden hat.
STANDARD: Den deutschen Titel des Stücks bilden die Begriffe Melancholie und Protest. Wo äußert sich der Protest?
Arias: Das spanische Wort manifestaciones bedeutet eigentlich Proteste im Sinn von Demonstrationen. Das bezieht sich auf die vier alten Leute, die am Ende das Stück übernehmen. Inspiriert ist diese Szene von einer Demonstrationsgruppe aus älteren Menschen in Buenos Aires, die gegen die Hungerpensionen in dem Land protestierte. Interessant für mich ist der Kontrast zwischen jemandem, der in der Depression eingesperrt ist, und dieser Gruppe von Leuten im Alter meiner Mutter, die aus einer Haltung der Konfrontation heraus agieren.
STANDARD: Also kein Diktaturthema?
Arias: Das wird ja als das einzig relevante Bild von Argentinien verkauft. Darüber wurde 2010 auch während der Frankfurter Buchmesse diskutiert, bei der Argentinien Ehrengast war. Aber es gibt auch noch etwas anderes. Und für mich ist es relevant, sich mit psychischen Erkrankungen auseinanderzusetzen in einer Zeit, in der jeder Pillen schluckt. Die pharmazeutische Industrie ist wie ein Regime. Wir müssen immer stabilisiert und kontrolliert leben. Krankheit ist aber etwas Extremes, und es stellt sich die Frage, wie wir zwischen Extremen leben können.
STANDARD: Wie war Ihre Situation während der Krise von 2001?
Arias: Na ja, ich habe gerade mein erstes Stück produziert. Ohne Subvention, ohne Geld, ohne irgendetwas.
STANDARD: Wie geht es den Künstlern in Argentinien jetzt?
Arias: Nicht viel besser als früher, wenn wir über Subventionen sprechen. Alle Künstler, die ich kenne, müssen dazuverdienen. Ich habe mein neues Stück ausschließlich mit Mitteln aus dem Ausland finanziert. Bei uns existieren nur wenige staatliche Theater mit kleinen, konservativen Programmen. Aber es gibt viele Garagen, Studios und leere Fabriken als unabhängige Theater oder Räume, die zwischen zehn und 120 Zuschauer versammeln.
STANDARD: Sind die Folgen des Militärregimes und der Wirtschaftskrise noch zu spüren?
Arias: Mit dem Regime kam für uns auch die neoliberale Politik. Dieses Jahr wurden alle Prozesse, die die Junta und ihre Mitwirkenden betrafen, abgeschlossen. Die Wunden sind aber noch offen. Heute ist die Politik in Argentinien darauf ausgerichtet, nicht alles Ökonomische den Märkten zu überlassen. Dieser Protektionismus hat gute Gründe, er schafft aber auch neue Probleme. Zum Beispiel können keine Bücher oder Computerersatzteile importiert werden, weil die Politik alle Einfuhren blockiert. Das betrifft dann auch alles, was Künstler für ihre Arbeit brauchen. (Helmut Ploebst, DER STANDARD, 8.5.2012)
Lola Arias (36), Autorin, Regisseurin, Musikerin, Performerin und Gründerin des Künstlerkollektivs Compañía Postnuclear, lebt in ihrer Geburtsstadt Buenos Aires.
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