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Einst war Narodichi eine blühende Stadt: Heute sind die meisten Häuser verlassen, die sowjetischen Plattenbauten modern vor sich hin und verfallen, aus kaputten Häusern wachsen Pflanzen, und die Straßen sind voller Schlaglöcher, in denen sich Wasserpfützen sammeln.
Narodichi - Zwanzig Cent pro Kilo. So viel bekommt Viktor Melnychuk für das Alteisen, das er gemeinsam mit seinem Sohn in den verlassenen und verfallenen Häusern des kleinen Dorfs Kosnytsia sammelt. Eine andere Arbeit gibt es hier nicht. Denn nur 40 Kilometer entfernt steht noch immer der Katastrophenreaktor von Tschernobyl. Kosnytsia wurde nach dem verheerenden Unfall im April 1986 als Gefahrenzone 2 eingestuft. Das bedeutete: Die Bewohner mussten es verlassen. Nach zwanzig Jahren kehrte Melnychuk mit seiner Familie zurück, weil es auch in seiner neuen Heimatstadt keine Arbeit gab.
Sein eigenes Haus war zerstört, als er wieder kam. Das Haus, in dem der 42-Jährige heute wohnt, hatte früher andere Besitzer. Die seien mittlerweile aber verstorben, erzählt er. Fließendes Wasser hat das kleine Häuschen nicht, geheizt werden kann nur mit einem kleinen Holzofen. Während Viktor spricht, lässt die Kälte seinen Atem in kleinen Wolken aufsteigen. Dass es wegen der Strahlenbelastung noch immer gefährlich ist, hier zu leben, darüber will er sich keine Gedanken machen. "Es ist, wie es ist", sagt er lapidar und lächelt, während er seine zwei Ziegen in den kleinen Stall hinter seinem Haus treibt. Wie die meisten Menschen, die hier leben, verdrängt er die Gefahr der hohen Strahlenbelastung.
Sperrzone
In den Wochen nach dem Super-GAU wurde das Gebiet in einem Radius von 30 Kilometer um den Reaktor zur Sperrzone erklärt und evakuiert. 67.000 Menschen wurden in Sicherheit gebracht. Die Dörfer wurden plattgemacht. Insgesamt verloren rund 200.000 Menschen ihre Heimat, denn auch außerhalb der sogenannten "Todeszone" wurden Gebiete so schwer verstrahlt, dass ein normales Leben nicht mehr möglich war. Die Dörfer außerhalb der Sperrzone wurden nicht mehr evakuiert. Aber aufgrund der hohen Kontaminierung konnten die Menschen auch nicht bleiben. Ohne staatliche Unterstützung wussten viele nicht wohin, gingen niemals weg oder kamen nach Jahren, so wie Viktor, trotz hoher Strahlenbelastung wieder in ihre Heimat zurück.
Ein paar Kilometer von Kosnytsia entfernt liegt Narodichi, die größte Kleinstadt am Rande der Sperrzone. Vor der Katastrophe lebten hier 12. 000 Menschen, heute sind es nur noch 2500 - toleriert von den ukrainischen Behörden. "Es ist verboten, hier zu leben, aber wir können die Bewohner nicht völlig im Stich lassen", sagt Valery Trokhimenko, Distriktsgouverneur von Narodichi. Der ukrainische Staat kümmert sich nur um wenige Infrastrukturarbeiten: Straßen werden ausgebessert und die Gas- und Wasserleitungen werden instand gehalten. Ansonsten müssen sich die Einwohner selbst zurechtfinden. Arbeit gibt es kaum. Die wenigen Betriebe sind mehr oder weniger illegal. "Das Leben ist hart", sagt Viktor Melnychuk. In seinem Haus fällt fast täglich der Strom aus. Das Geld, das er für das gesammelte Alteisen bekommt, reicht kaum zum Leben. Weggehen möchte er aber nicht mehr.
Keine staatliche Unterstützung
Valery Rochkyvski ist einer der wenigen, die das Glück hatten, in der örtlichen Reißverschlussfabrik eine Stelle zu bekommen: "Wir bekommen keine staatliche Unterstützung, und Arbeitgeber gibt es fast keine." Erst vor ein paar Jahren ist er wieder nach Narodichi zurückgekommen, nach dem Reaktorunfall ging er zu Verwandten in einen anderen Landesteil. "Hier ist meine Heimat", antwortet er auf die Frage nach den Gründen seiner Rückkehr. Früher, erzählt er, sei hier viel los gewesen. "Narodichi war eine blühende Stadt. Wir alle hoffen, dass sie das auch in Zukunft wieder wird."
Wenn man hier durch die Straßen geht, ist es schwer zu glauben, dass seine Hoffnung jemals wieder Wirklichkeit wird. Die meisten Häuser sind verlassen. Die sowjetischen Plattenbauten modern vor sich hin und verfallen. Aus kaputten Fenstern wachsen Pflanzen, die Straßen sind voller Schlaglöcher, in denen sich Wasserpfützen sammeln. In den Gassen abseits der Hauptstraßen wirkt Narodichi wie eine Geisterstadt. Es ist ein unwirkliches Bild wie aus einem Film, der die Welt nach einer Apokalypse beschreibt. Ein paar Meter weiter herrscht plötzlich wieder reges Treiben, etwa beim Busbahnhof oder vor der einzigen Bank in der Stadt, einer Raiffeisenfiliale.
Es ist umstritten, wie hoch das Gesundheitsrisiko für die Bewohner ist. Neueste Studien gehen von einer eher geringen Strahlenbelastung aus, wenn man gewisse Regeln beachtet. So ist es etwa verboten, in den umliegenden Wäldern Pilze zu sammeln. Warnschilder weisen darauf hin. Die Krankheitsraten in Narodichi allerdings widersprechen der These eines geringen Risikos. Vor allem Kinder leiden unter massiven gesundheitlichen Problemen. "Das Immunsystem der Kinder hier ist extrem schwach", sagt Olena Mysyuk, die als Kinderärztin in dem kleinen örtlichen Spital arbeitet, das nur schlecht ausgestattet ist.
In der Region leben 1987 Kinder, davon sind 1351 registriert, die unter chronischen Krankheiten leiden. Blutarmut, Angina, Bronchitis, Probleme mit der Schilddrüse sind weitverbreitet, am meisten aber schwere Magen-Darm-Krankheiten. Beschwerden, welche die Ärztin auf eine hohe Strahlenbelastung und kontaminierte Lebensmittel zurückführt. Auch die Krebsrate ist hier um ein Vielfaches höher als im Rest des Landes. " Generell kann ich nicht sagen, dass hier irgendjemand wirklich gesund ist", zeichnet Mysyuk das erschreckende Bild.
Fehlbildungen
Derzeit sind 38 Kinder als schwerbehindert registriert. Der achtjährige Vladik ist einer von ihnen. Er wurde mit multiplen Fehlbildungen geboren, kann nur mit Schwierigkeiten gehen, nicht selbst essen. Seiner Mutter Galyna Tsetkov, die im April 1986 in Narodichi war, wurde nach seiner Geburt von Ärzten gesagt, dass er kein Jahr überleben werde. Vladik hat bereits sieben schwere Operationen hinter sich. Seit er vier Monate alt war, bekommt er eine Invalidenpension vom Staat, achtzig Euro pro Monat, was nicht annähernd für seine Behandlung reicht. Seine Mutter kann nicht arbeiten, da sie den Sohn rund um die Uhr pflegen muss.
Seit vergangenem Jahr kommt mehrmals die Woche eine Lehrerin nach Hause. Er schlägt sich gut, sagt die Mutter. Wie seine Zukunft aussehen soll, darüber will sie nicht nachdenken. Ähnlich geht es der Mutter von Bohdana Malay. Die Zehnjährige kam auch mit schweren Fehlbildungen zur Welt. Sie kann nicht sitzen, muss den ganzen Tag im Bett liegen. Ihre Mutter zieht sie allein auf. Dieses Jahr bekamen sie vom bayrischen Roten Kreuz ein Bett mit Rädern gespendet, vom eigenen Staat kommt kaum Hilfe. Und das, obwohl die Behinderung von Bohdana von den Behörden offiziell als Folge von Tschernobyl anerkannt wurde.
Babyboom
Das einzige Gebäude, das in Narodichi nach der Katastrophe renoviert wurde, ist der Kindergarten. Die Gelder dafür kamen von großzügigen Spendern aus Japan, die sich nach eigenen Erfahrungen mit den Folgen der Abwürfe der Atombomben in Hiroshima und Nagasaki solidarisch zeigen. "From the people of Japan" steht auf Stickern, die auf den modernen Möbeln im Kindergarten kleben. Er ist gut besucht, dreißig Kinder tollen mit Spielzeug in der Hand herum.
Trotz aller Probleme gab es in Narodichi in den vergangenen Jahren einen regelrechten Babyboom. Für die Leiterin des Kindergartens Tatiana Kravtschenko ein Zeichen dafür, dass es wieder vorangeht: "Narodichi wird aufblühen. Kommen Sie in zehn Jahren wieder, Sie werden sehen", sagt sie, während die Eltern ihre Kinder abholen. Es ist einer der wenigen Momente hier, der so etwas wie Normalität ausstrahlt. (Michael Riedmüller, DER STANDARD, 8.5.2012)
Der Ukraine-Schwerpunkt (anlässlich der Fußball-EM 2012) ist ein qualitätsjournalistisches Projekt und eine Initiative von name>it positive media (nameit.at) in Kooperation mit Ö1 (oe1.orf.at/ukraine) und dem STANDARD.
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Nach Ihrer fachlich unbegrünbaren Panikmache und dem damit einhergehenden fehlen an AKW, regelt der Markt dann, dass der Strom aus BraunkohleKW kommt und die Leute dafür tatsächlich Ihre Häuser verlassen müssen oder durch die Abgase krank werden und sterben. -So geschehen gerade jetzt in Deutschland!
Also DANKE lieber Menschenfeindlicher Volksverhetzer!
Und wie passt dieses Faktum mit der Hysterie um die "Strahlengefahr" zusammen? Wenn die Strahlengefahr so schlimm wäre, immerhin seit 26 Jahren, dann müsste es zu Tod, Siechtum und schlussendlich Aussterben kommen. Statt dessen -> Babyboom.
Irgendwie passt da die vermittelte Gefahr in Form unserer Phantasie mit der real tatsächlich "messbaren" (an den Wirkungen) Gefahr nicht so ganz zusammen.
PS: Man beachte auch die mittlere Strahlenbelastung durch künstliche Strahlenquellen. Da sind medizinische Untersuchungen beweiten vor der Strahlenbelastung wie die zig schweren AKW-Unfälle oder auch die Atombombenversuche in den 1960/70.
Hier ein Diagramm dazu:
https://de.wikipedia.org/wiki/Date... tungen.png
"In der Region leben 1987 Kinder, davon sind 1351 registriert, die unter chronischen Krankheiten leiden." oder
"Auch die Krebsrate ist hier um ein Vielfaches höher als im Rest des Landes."
Sie haben wohl den Artikel nicht gelesen, oder ist für sie nur der Tod ausschlaggebend?
1. Die "chronischen Krankheiten" umfassen viel. Von diversen Autoimunkrankheiten wie Diabetes, Allergien bis hin zu chronischen Bleivergiftungen zufolge Wasserrohre aus Blei. Alle diese "chronischen Krankheiten" werden da mit reingerechnet, sind auch schlimm und füür Betroffenen tragisch, haben aber mit dem Reaktorunfall nichts zu tun.
2. "Krebsrate vielfaches höher" -> Welcher Krebs, wie wurde die Daten und Stichproblen erhoben (bias), welche Interessen stehen dahinter?
Mit solchen "Statistiken" und halben Informationen die sich nicht hinterfragen lassen, lässt sich wunderbar manipulieren. Hier mal im Sinne von "Ach wie schrecklich Tschernobyl ist". Ein andermal um irgendwelche Interessen in der Finanzwirtschadft durchzusetzen.
Eben bin ich auf Interessante Zahlen gestossen die zum denken anregen:
Tschernobyl:
2 Tonnen Kernbrennstäbe. Von diesen 2 Tonnen waren 2,4 % spaltbares Material.
Fukushima:
In den Abklingbecken der Reaktoren von Fukushima I lagern derzeit folgende Mengen an abgebranntem Kernbrennstoff:
Reaktor Eins: 50 Tonnen (292 Brennstäbe)
Reaktor Zwei: 81 Tonnen (471 Brennstäbe)
Reaktor Drei: 88 Tonnen (514 Brennstäbe)
Reaktor Vier: 135 Tonnen (783 Brennstäbe)
Reaktor Fünf: 142 Tonnen (826 Brennstäbe)
Reaktor Sechs: 151 Tonnen (876 Brennstäbe)
Quelle:
http://www.cashkurs.com/Detailans... wUid]=9874
die zahlen, beziehen sich nur auf die abgebrannten brennstäbe die noch zum abklingen lagern, insgesammt liegen in Tschernobyl sogar an die 200 Tonnen
http://www.iaea.org/newscente... r-fund.pdf
Klingt nach einem Versuchslabor für Endzeitphantasten. Mal ehrlich - es leben dort nur die ärmsten - die löffeln die Suppe aus dafür, das der Rest der Ukraine oder Europas, oder der Welt ( es ist nämlich völlig wurscht) billige Ressourcen zur Verfügung haben.
Erst eine globale alle betreffende Katastrophe wird kurz irgend was bewirken - so wie ein Weltkrieg - viele müssen sterben und leiden möglichst jeder sonst fühlen wirs zu wenig...
Entschuldigen Sie bitte, aber ich verstehe den Zusammenhang nicht, der Reaktor wurde vom "Osten" gebaut, um den "Osten" mit Strom zu versorgen, ist im "Osten" explodiert und die Menschen die jetzt darunter leiden bekommen von den Staaten des ehemaligen "Ostens" keine ausreichende Unterstützung weil die betroffenen Staaten dank ihrem antikapitalischem Paradis völlig am Ende sind und das nicht erst seit Gorbatschow. Der neue Sarkophark wird übrings vom "Westen" gebaut und finanziert.
So gut wie jedes Kind in der Gegend hat schwere gesundheitliche Probleme und die gute Kindergartenleiterin glaub in 10 Jahren siehts anders aus mit der Strahlenbelastung? :/
Unverantwortlich dort ein Kind auf die Welt zu setzen.
Vorallem wenn man dort 20 Cent pro Kilo verstrahltem Altmetall "verdient".
Da hat man ja locker mal nen Euro für ein Präservativ übrig damit man sich EINMAL damit vergnügen kann...
....oder eine Anti-Baby-Pille um das zwanzigfache... quasi ne Flatrate...
Oh...die Ironie...
Verstehen's mich bitte nicht falsch, aber blicken Sie ein bisschen über den Tellerrand hinaus.
"Blackout" - gar nicht reisserisch, zeigt aber sehr eindringlich, was in Mitteleuropa nach einem simplen Stromausfall - nicht zuletzt mit den AKWs - passieren könnte... http://www.blackout-das-buch.de/
Wichtig ist billige Energie, bei den 8 Milliarden Menschen auf der Welt fallen die paar Hundertausend auf der ganzen Welt unter Kollateralschaden
so wie bei 9/11, die 3000 Hanseln hat man geopfert um die Vormachtsstellung im Mittleren Osten -- ÖL ÖL ÖL ÖL ÖL
Ähnlich wie bei J.F. Kennedy ... der wollte aus Vietnam abziehen, und das hat einigen Mächtigen auch nicht gefallen ... die USA hatten dort ja auch die Drogenlabore der CIA verteidigt ...
zurückgehen zu lassen. "Heimat" hin oder her. Wenn es diesen armen Menschen in anderen Regionen der Welt besser gegangen wäre, wäre der Druck, in die "Heimat" (die in diesem Fall den Tod bringt) zurück zu kehren geringer gewesen.
Der Staat müsste diese Menschen auch gegen ihren Willen daran hindern, sich dort wieder anzusiedeln. Was können die armen Kinder dafür, dass ihre Eltern keine Perspektive hatten.
In der fremden Heimat kann man ihnen dann die Therapie zahlen, um den Verlust der Heimat besser bewältigen zu können...
http://www.youtube.com/watch?v=mkmZBuidJVY
und der artikel dazu:
http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anz... gen/495953
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