Karzai droht Washington mit Aufkündigung der strategischen Partnerschaft

7. Mai 2012, 21:18
23 Postings

Wieder zahlreiche Zivilisten bei NATO-Bombardements getötet

Kabul - Der afghanische Präsident Hamid Karzai hat den USA am Montag damit gedroht, das bilaterale Abkommen über eine langfristige strategische Partnerschaft aufzukündigen. Dies werde dann der Fall sein, wenn die NATO-Militärallianz nicht mehr Anstrengungen unternehme, um die Tötung von afghanischen Zivilisten zu vermeiden, erklärte Karzai in Kabul. Die NATO-geführte ISAF-Truppe habe seit Samstag in vier Provinzen mehrere Dutzende Zivilisten getötet, darunter Frauen und Kinder.

Nach Angaben örtlicher afghanischer Behördenvertreter wurden durch ISAF-Bombardements mindestens 15 Menschen in der Provinz Badghis und bereits am Freitag sechs weitere in Helmand getötet. Karzai äußerte sich gegenüber dem ISAF-Kommandanten, US-General John Allen, und US-Botschafter Ryan Crocker, die er zu einer Dringlichkeitssitzung in den Präsidentenpalast in Kabul vorgeladen hatte. Karzai und US-Präsident Barack Obama hatten am vergangenen Mittwoch in Kabul ein Abkommen unterzeichnet, das den Einsatz von US-Soldaten in Afghanistan nach dem Abzug der ausländischen Kampftruppen Ende 2014 bis zum Jahr 2024 regelt.

Untersuchung

"Wenn die Afghanen sich nicht sicher fühlen, verliert die strategische Partnerschaft ihre Bedeutung", hieß es am Montag in einer Erklärung des Präsidialamts in Kabul. Ein Sprecher der Allianz sagte, die Angriffe würden untersucht.

Die NATO-geführte internationale ISAF-Truppe will bis Ende 2014 rund 70.000 Fahrzeuge und mehr als 120.000 Container außer Landes schaffen. Das geht aus einer Aufstellung des NATO-Hauptquartiers für Europa hervor. Noch in diesem Jahr sollen mehr als 30.000 Container und 20.000 Fahrzeuge abtransportiert werden. Die Schätzung basiert auf Daten von 15 der rund 50 ISAF-Truppensteller. Der Abzugsplan kann sich noch ändern, da noch nicht klar ist, wie viel Material an die Afghanen übergeben wird. 2014 endet der Kampfeinsatz der internationalen Truppen. Es sollen aber auch anschließend ausländische Soldaten vor allem zu Ausbildungszwecken im Land bleiben.

Bei einem Sprengstoffanschlag in Ostafghanistan wurden am Montag drei ISAF-Soldaten getötet. Die Truppe machte wie üblich keine Angaben zur Staatsangehörigkeit der Opfer oder zum genauen Ort des Anschlags. Nach Angaben des unabhängigen Internetportals icasualties.org kostete der Afghanistan-Einsatz in diesem Jahr bisher knapp 150 ausländischen Soldaten das Leben. Die meisten Opfer waren US-Amerikaner, die auch die meisten Truppen stellen.

Die Gewalt in Afghanistan ist nach Angaben der Vereinten Nationen im vergangenen Jahr um 40 Prozent gestiegen. Luftangriffe waren die Hauptursache für zivile Opfer seitens der internationalen Truppen. Die Tötung von Zivilisten führt immer wieder zu Streit mit der Regierung in Kabul. Nach Angaben eines UNO-Berichts wurden infolge der Gewalt zwischen Jänner und Juli 2011 landesweit über 130.000 Afghanen zum Verlassen ihrer Häuser und Wohnorte gezwungen. Zahlreiche Anschläge mit vielen Toten haben gezeigt, wie angespannt die Lage ist.  (APA, 7.5.2012)

Share if you care.