"Griechenland wird Europa brauchen"

Interview7. Mai 2012, 15:13
151 Postings

Die Märkte waren zu euphorisch. Der Wahlausgang in Athen und Paris hat sie wieder verunsichert, sagt Erste-Chefanalyst Friedrich Mostböck

Europas Finanzmärkte haben am Montag den ersten Schock nach den Wahlen in Frankreich und Griechenland verdaut. Die Schuldenproblematik - kein Problem der Eurozone, sondern eine globale Problematik - wird die Welt noch länger beschäftigen, sagt Erste-Chefanalyst Friedrich Mostböck im derStandard.at-Interview. Griechenlands Ausstritt aus der Währungszone erwartet er nicht.

derStandard.at: Die Märkte gehen wieder einmal in die Knie, obwohl der Ausgang der Wahlen in Frankreich und Griechenland ja nicht so überraschend war.

Mostböck: Die Märkte reagieren ein bisschen verunsichert. Im Wesentlichen habe ich das aber mit oder ohne Wahl so erwartet, weil die Märkte im ersten Quartal schon zu euphorisch reagiert haben, obwohl die Verschuldungsproblematik ja noch immer da ist.

derStandard.at: Als Reaktion auf diverse EU-Rettungs- und -Neuordnungsversuche?

Mostböck: Im Wesentlichen, ja. In Frankreich sehe ich weniger ein Problem, eher in Griechenland. Griechenland ist mit diesem Wahlausgang jetzt einmal unregierbar. Wahrscheinlich gibt es Neuwahlen. Ungefähr 60 Prozent der Wähler - sei es von links oder von rechts - ziehen möglicherweise sogar einen Euroaustritt in Betracht. Aber ohne die beiden großen Parteien (die sozialistische PASOK und die liberal-konservative Nea Dimokratia, Anm.) wird es auch nicht gehen.

derStandard.at: Das heißt, in Griechenland ist alles Mögliche denkbar, während Frankreich berechenbarer ist, obwohl Frankreichs neuer Präsident François Hollande sich recht kritisch über Deutschlands Sparkurs geäußert hat?

Mostböck: Auch Hollande wird sich letztendlich mit Deutschlands Kanzlerin Angelika Merkel zusammensetzen müssen. Und beide werden lösungsorientiert sein müssen. Daran führt kein Weg vorbei.

derStandard.at: Muss man für Griechenland wieder alle dramatischen Szenarien bis hin zum Euroaustritt durchspielen?

Mostböck: Ich denke, ein Euroaustritt ist jetzt einmal nicht zu erwarten. Griechenland wird Europa brauchen, auch wenn sich viele weniger Sparmaßnahmen und vielleicht auch keinen Euro mehr wünschen. Es gibt ja auch Tourismus, und die Touristen aus Europa will man schon haben. Wenn man das auch nicht mehr will, wird es in Griechenland bald überhaupt nichts mehr geben.

derStandard.at: Sollte das Undenkbare eintreten und Griechenland aus der Währungszone austreten, würde die Eurozone das mittlerweile verkraften?

Mostböck: Tatsächlich ist vieles passiert, und man hat - unter anderem auch mit dem Schuldenschnitt - viele Anstrengungen unternommen. Aber die politische Geschichte hat eine andere Dimension, die jetzt noch erschwerend dazukommt.

derStandard.at: Darf man den Ausgang der Wahl so verstehen, dass den Bürgern und Bürgerinnen der Spardruck zu groß geworden ist und sie nicht mehr bereit sind, diesen widerstandslos hinzunehmen?

Mostböck: Das sehe ich nicht so. In Frankreich war die Wahlbeteiligung mit über 80 Prozent extrem hoch. Hollande verfolgt das Konzept "Weniger sparen, dafür mehr innovative Wachstumsmaßnahmen". Die muss man aber erst einmal finden. Aber es ist durchaus richtig, sich über Wachstumsimpulse den Kopf zu zerbrechen und nicht immer nur über Sparmaßnahmen nachzudenken.

derStandard.at: Österreich setzt das Sparpaket über mehrere Jahre hinweg um. Hat man bei Griechenland, Spanien oder Italien beim Defizitabbau den Bogen zulasten von Wachstum überspannt?

Mostböck: Österreich ist mit den südosteuropäischen Staaten überhaupt nicht zu vergleichen. Sparpakete sind immer schwer durchzusetzen. Was Österreich betrifft: Es gibt nach wie vor zwei Triple-A-Ratings und ein AA+, in Summe gesehen also immer noch super Ratings. Andererseits muss sich erst einmal herausstellen, ob S&P mit dem AA+-Rating überhaupt recht hat. Davon abgesehen wird uns aber nicht nur in Europa die Verschuldungsproblematik noch länger beschäftigen. Das ist sicher nicht mit den Wahlen in Griechenland und Frankreich abgeschlossen. Die USA und England, auch Japan sind ja in einer ähnlich prekären Lage. Das ist eine globale Problematik. (Regina Bruckner, derStandard.at, 7.5.2012)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Griechenland ohne Euro? Wohl eher nicht, glaubt Erste-Analyst Friedrich Mostböck.

  • Mostböck: "Die Schuldenproblematik ist global."
    foto: erste group

    Mostböck: "Die Schuldenproblematik ist global."

Share if you care.