"Energiewende-Masterplan" für Nachkriegsbauten

7. Mai 2012, 14:29
  • Passivhaus-Kindertagesstätte in Hannover. Der Klimaschutzfonds "proKlima" hat hier seit 1998 rund 750 Passivhaus-Wohneinheiten bezuschusst, außerdem über 50 Nichtwohngebäude im Passivhaus-Standard.
    foto:proklima/glombik

    Passivhaus-Kindertagesstätte in Hannover. Der Klimaschutzfonds "proKlima" hat hier seit 1998 rund 750 Passivhaus-Wohneinheiten bezuschusst, außerdem über 50 Nichtwohngebäude im Passivhaus-Standard.

  • Ernst Ulrich von Weizsäcker, Wolfgang Feist (v.l.): "Sanierungen mit schlechterer Qualität zementieren nur die schlechte Effizienz."
    foto: ipht/proklima

    Ernst Ulrich von Weizsäcker, Wolfgang Feist (v.l.): "Sanierungen mit schlechterer Qualität zementieren nur die schlechte Effizienz."

Wolfgang Feist schlägt 80 Euro Förderung pro Quadratmeter Wohnfläche vor - Europaweit fünf Milliarden Quadratmeter sanierungsbedürftig

Auf der 16. internationalen Passivhaustagung, die am Sonntag in Hannover zu Ende ging, wurde naturgemäß auch über die EU-Energieeffizienz-Richtlinie und über die Euro-Krise diskutiert. Fünf Milliarden Quadratmeter Wohnflächen in Nachkriegsbauten würden in Europa existieren, sagte Wolfgang Feist, Leiter des Passivhaus Instituts in Darmstadt und "Erfinder" des Passivhauses, in Hannover. Jeder dieser fünf Milliarden Quadratmeter weise einen Heizwärmeverbrauch zwischen 140 und 250 kWh pro Jahr auf.

Investitionsprogramm

Feist schlägt der EU-Kommission und den Mitgliedsstaaten deshalb vor, mit dem "größten Investitionsprogramm seit 60 Jahren" eine umfassende Energiewende in Europa herbeizuführen, "von der alle profitieren können".

Dieser Plan sieht im Detail folgendermaßen aus: Pro Quadratmeter Wohnfläche sollte eine Impulsförderung von 80 Euro für eine Sanierung mit mindestens 85-prozentiger Energieeinsparung (sog. "Deep Renovation") ausbezahlt werden. "Damit können in der EU innerhalb weniger Jahrzehnte alle Nachkriegsbauten auf zeitgemäßen Komfortstandard verbessert werden", so Feist.

Eine derartige Förderung mit einem Volumen von 400 Milliarden Euro würde ein Investitionsvolumen von rund drei Billionen Euro in Europa auslösen, ist sich Feist sicher. "Der öffentlichen Hand bringt das allein durch Umsatzsteuereinnahmen einen Rückfluss von 600 Milliarden. Für die Bewohner der so verbesserten Wohnbauten ergibt sich sogar eine Ersparnis von rund vier Billionen Euro an Energiekosten innerhalb der üblichen Darlehenslaufzeiten." Durch diesen Kaufkraftzuwachs werde die Wirtschaftsentwicklung nochmals gefördert.

Green Jobs und CO2-Einsparungen

Entscheidend sei, "dass dieses Investitionsprogramm europaweit konsequent nur für wirklich nachhaltige 'Deep Renovation' vergeben wird. Denn Sanierungen mit schlechterer Qualität zementieren nur die schlechte Effizienz", wie Feist betonte.

2,2 Millionen "Green Jobs" könnten mit diesem Plan geschaffen werden, außerdem würde dadurch die Atmosphäre um 530 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr entlastet werden. "Mit diesen Maßnahmen verringert sich das Handelsbilanzdefizit um 4.000 Milliarden Euro, womit die Finanzkrise der EU nachhaltig entschärft wird", unterstrich auch Günter Lang, Pressesprecher der 16. Internationalen Passivhaustagung und langjähriger IG-Passivhaus-Österreich-Geschäftsführer, in einer Aussendung die Bedeutung des Masterplans.

Ernst Ulrich von Weizsäcker, Keynote-Redner und Co-Vorsitzender des Ressourcen-Panels des UN-Umweltprogramms UNEP, ergänzte, dass die Idee des EU-Umweltkommissars Janez Potočnik und des EU-Finanzkommissars Algirdas Šemeta unterstützt werden sollte, Steuern auf Arbeit zu senken und auf Energie zu erhöhen, "bei Wahrung der sozialen Ausgewogenheit. Das wäre die richtige steuerpolitische Begleitmusik für den Energiewende-Masterplan."

Vorzeige-Region Hannover

Im kommenden Jahr wird die Passivhaustagung in Frankfurt/Main stattfinden. Dass heuer bereits zum zweiten Mal Hannover Austragungsort war, kam nicht von ungefähr: In der Region Hannover stehen bereits mehrere hundert Passivhäuser, in Hannover-Wettbergen entstehe derzeit etwa mit dem "zero:e park" eine von Europas größten Null-Emissions-Siedlungen mit 300 Passivhäusern.

Stark im Kommen seien außerdem Krankenhäuser im Passivhaus-Standard, wie die Passivhaustagung zeigte. Sieben derartige Projekte sind europaweit in Planung oder Bau, wie etwa in Österreich die Landeskliniken in Baden und Mödling oder das Bettenhaus des Spitals Triemli in Zürich.

Weltweit stehen mittlerweile bereits 40.000 Passivhäuser mit 20 Millionen Quadratmetern Nutzfläche. Den rund tausend Expertinnen und Experten aus 45 Nationen auf der Passivhaustagung wurden zahlreiche "Best-practice"-Modelle präsentiert, etwa die Passivhaus-Sanierung eines Community Centers in London mit 95 Prozent Energieeinsparung. Auch Beispiele aus San Francisco, Südkorea oder Brüssel wurden gezeigt, ebenso wie Verfahrens- und Produktneuheiten - beispielsweise ein zertifiziertes Passivhausfenster in historischer Optik, das speziell bei denkmalgeschützten Gebäuden zum Einsatz kommen soll. (red, derStandard.at, 7.5.2012)

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Wenn eine Sanierung sinnvoll ist, dann soll Sie vorgeschrieben werden. Von mir aus, mit geförderten Krediten.

Der Förderwahnsinn sollte mal ein Ende haben.

Ich finde die Idee sehr gut,

das ist die richtige Richtung und dorthin sollten wir gehen. Wo kann ich dafür unterschreiben bzw. abstimmen?

der haken ist...

... der staat (die staaten) tun sich schwer 5 mio m2 zu sanieren bzw. finanziell zu unterstütuen.

die lust/motivation zu sanieren muss letztlich von den mietern/eigentümern kommen.

und wie geht das? ganz einfach - energetisch schlechte häuser müssen teuer sein.
dh. eine steuer auf energetisch schlechte gebäude und ein guthaben auf energetisch gute gebäude.
plus dem plan die schwere jedes jahr etwas weiter auseinander gehen zu lassen.

diese steuer kann man sanft anfangen lassen und langsam steigern.

der große vorteil: jeder der saniert spürt den vorteil selber. jeder kann das jahr selber bestimmen, das für seine san. günstig ist.
endlichen wären die im vorteil, die schon gut saniert/gebaut haben.

es muss auch leistbar sein!

sonst gehts ihnen gut? eine strafsteuer für meinen wohn- und lebensstil oder was?
merke: die zahlenwerte, mit denen in der energiedebatte bei privaten wohnhäusern agiert wird, sind großteils imaginär. andere nutzung, andere bewohner, anderes wohnverhalten - schon schauts anders aus.
was beim einen gut wäre, kann beim anderen falsch sein. und während im wohnbau dreifachverglasung gefordert wird, gibt es unmengen von geschäftslokalen mit verglasungen aus den 70er Jahren???

Nur damit ich mir was vorstellen kann...

... haben Sie ein Beispiel für
"was beim einen gut wäre, kann beim anderen falsch sein".

objekte ändern im lauf der zeit ihre nutzung bzw. die bewohner wechseln. das heizsystem z.b. kann nicht für ein ganzjährig bewohntes familienhaus dasselbe sein wie für ein temporär genutztes we-haus, es ist ein unterschied ob wo berufstätige singles leben oder pensionisten usw. Es kann daher oft energetisch sinnvoller sein, in einem großen haus eine kleine wohnung zu optimieren anstatt das ganze objekt zu temperieren. ich denke primär an große altbauten am land, weil ich die probleme mit diesen objekten gut kenne.

Bravo!

Bravo, gerade jene Nachkriegsbauten bei denen statt dem Richtwert ein angemessener Mietzins vorgeschrieben werde darf sollten geföerdert werden. die bösen Altbauten jedoch (auf die wir Wiener so stolz sind) aber auf keinen Fall. Und bitte sonst nur mit Richtwert deckeln.. irgendwie verkehrt!

die EU sollte, nein, müsste sogar alles erdenkliche tun, um energieautark zu werden.

Ich habe Herbert Stepic vor etwa 15 Jahren vor hunderten seiner Osteuropäische Führungskräfteneinen Art Marshall-Plan für die energetische Sanierung der Betonscheibengebäude Osteuropas vorgeschlagen !

Er hat mich zu einem seiner Buben geschickt !

Als der "Erfinder der Passivhauses" geboren wurde, hatte das MIT schon sein Nullenergie-Demonstrationgebäude.

http://de.wikipedia.org/wiki/Wolfgang_Feist

Aber selbst das Österreichische Normungsinstitut fällt auf Modebegriffe wie "Niedrig- und Niedrigstenergiegebäude" herein !

http://de.wikipedia.org/wiki/%C3%... ORM_B_8110

Siehe neueste Ausgabe des Teil 1 !

Österreich zahlt lieber 500M für Zertifikate

die durch diverse Consultants vermittelt werden, statt sich durch Förderungen, Investitionen und kreativem 30 Jahre Bonus der auf die Zertifikatschuld entgegengerechnet werden könnte...

das problem in ö

bei energievebrauch sind nicht mehr gebäude sondern vielmehr verkehr, geht aus allen statistiken vor.

anstieg

ich meinte den anstieg bei energieverbrauch im verkehr.
man kann sehr wohl was machen bei verkehr.
dabei geht es mehr um integrierte lösungen... zb. beim pendeln, und auch bei konzeption arbeitsplatz-wohnen.
es ist halt nicht so simpel, wie nur gebäudehülle einzupacken etc. nur passivhaus zu propagieren ist einfach auch nicht gerade zukunftsfähig. und es gibt auch andere konzepte, zb. low-ex.

Was für ein Anstieg bei Energieverbrauch im Verkehr?

Der Treibstoffverbrauch in Österreich stagniert seit Jahren. Die Spitze war in 2005.

Erzählen Sie hier also keine Unwahrheiten!

einfach irgendwas behaupten?

das ist wohl seriös, ravenna?
Quelle Umweltbundesamt:
Der Sektor Verkehr verzeichnet die größte Zunahme mit einem Anstieg von 76% im Zeitraum 1990 bis 2010 und sein Anteil am gesamten energetischen Endverbrauch liegt bei 33%. Der Energieverbrauch dieses Sektors wird zu 95% aus Erdölprodukten gedeckt.
http://www.umweltbundesamt.at/umweltsit... e_austria/

1/3 verkehr.
1/3 wohnen.
1/3 industrie.

bei wohnen sind aber alle methoden bekannt den verbrauch zu reduzieren.
bei industrie ist sehr viel potential, aber denen macht man keine vorschriften (1 cent strompreis erhöhung kostet anscheinend jobs).

bei verkehr haben wir keine ahnung, wie man groß einsparen kann. elektro ist jedenfalls nur eine kleine alternative.

ALternativ könnten wir auch keines von beiden zahlen und das Geld entweder in die Bildung investieren oder, gasp!, die Steuern entsprechend senken

Wozu Fördergelder ausgeben? Sobald Energie teuer genug ist werden die Leute aus Eigeninteresse auf eigene Kosten sanieren. Anscheinend ist Energie aber noch zu billig.

Das sehe ich nur bei selbst genutzten Eigentumswohnungen so.
Wenn die Wohnung vermietet ist, dann wird der Eigentümer nicht in die Geldbörse greifen, damit sich sein Mieter die Heizkosten erspart.

Falsch. Der Mieter wird sich ja, sofern er etwas Hirn hat, informieren wie hoch die Heizkosten sind. Und wenn die Heizkosten niedriger sind kann die Miete höher sein. So kann der Eigentümer investieren und alle profitieren.

und Sie können nicht rechnen...

denn eine Vollwärmedämmung amortisiert sich nach frühestens 30 Jahren.

Und Sie können leider nicht denken. Denn der Eigentümer kann ja dann auch mehr verlangen wenn er die Wohnung nicht die vollen 30 Jahre behalten sondern weiterverkaufen will. Ach Gott...

nach 30 Jahren ist dann der landauf und ab gängige aufgebrachte Wärmedämmverbund selbst ein Sanierungsfall. Bei der Foprderung nach "Deep Renovation" bin ich dabei, die sich der Balkonplatten und Wärmebrücken annimmt, die Keller von Wohnburgen in die Maßnahmen einbezieht, die Heizungsanlagen nicht ausläßt, Fenstertausch in einen neuen Fassadenaufbau sinnvoll einbindet...
Dann sind wir aber weit über den heute unterlegten Kosten für eine "Sanierung". Einigermaßen qualitätsvolle energetische Sanierungen nehmen nur mehr gemeinnützige Wohnbaugesellschaften in Angriff. Und ein Teil der Substanz wird einfach demoliert werden müssen.

als ob der Preis einer Eigentumswohnung mit der Alterung steigen würde...

...schon mal Verkaufspreise für Neubau und "gebrauchte" Wohnungen verglichen?

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