Katholisches Ehe-Rätsel für Ausgetretene

Wolfgang Bergmann
7. Mai 2012, 10:30

Im Wonnemonat Mai zur Abwechslung wieder einmal ein Churchwatch-Rätsel, saisonbedingt zum Thema Ehe: Christoph und Christine haben standesamtlich geheiratet, beide sind katholisch getauft, aber lange vor ihrer Eheschließung aus der Kirche ausgetreten. Sind sie nach kirchlichem Verständnis gültig verheiratet?

Die Antwort lautet: Es kommt darauf an. Um genau zu sei: Es kommt darauf an, ob die Ehe im Zeitraum vom 27. November 1983 bis zum 7. April 2010 geschlossen wurde oder zu einem anderen Zeitpunkt. Innerhalb des genannten Zeitraums zählt sie als kirchlich gültig, andernfalls nicht. Wie gibt es denn so was?

Die Ehe ist nach christlichem Verständnis ein Lebensbund, den Mann und Frau frei eingehen können. Wesentliche Eigenschaft ist die Einheit und Unauflöslichkeit, die - so das christliche Verständnis - in der Schöpfungsordnung grundgelegt ist. Diese Wesensmerkmale gelten demnach für jede Ehe, also auch für jene von Nichtchristen.

Jesus sah die gegenseitige Verpflichtung deutlich rigoroser als das mosaische Gesetz: "Was aber Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen" (Mk 10,9). Dem fühlen sich die christlichen Kirchen verpflichtet. Besonders streng die katholische, obwohl schon Paulus - ohne Papst zu sein - schwuppdiwupp noch Ausnahmen verfügt hat. Das ist zwar schon wieder ein anderes Thema, zeigt aber, dass die Kirche von Anfang an interpretiert und umgestaltet hat.

Nach katholischem Verständnis wurde die Ehe "zwischen Getauften von Christus dem Herrn zur Würde eines Sakraments erhoben" (Canon 1055 §1). Von dem wusste der historische Jesus mit hoher Wahrscheinlichkeit gar nichts. Seine Aussagen zur Unauflöslichkeit der Ehe bezogen sich nämlich auf die Ehen seiner Zeit.

Mit der Sakramentserhebung wurde die Ehe, die eigentlich schon per se als unauflöslich galt, irgendwie noch unauflöslicher (schon wieder ein anderes Detail, das zu weit führen würde). Wesentlich ist, dass dieses Sakrament durch den Konsens der Brautleute zustande kommt. Eine Kirche oder einen Priester brauchen sie genau genommen nicht. Sie können das auch beim Waldspaziergang tun.

Da sich in der Kirchengeschichte ein bisschen ein Tohuwabohu rund um die Frage entwickelt hat, welche Männer und Frauen nun eine solche unauflösliche Ehe miteinander eingegangen sind, führte die Kirche die sogenannte Formpflicht ein (erstmals 1563 durch das Konzil von Trient, damals jedoch noch regional eingeschränkt gültig).

Demnach wertete man nur solche Ehen als unauflöslich, die im Rahmen einer kirchlichen Zeremonie feierlich geschlossen (= Gültigkeit) und auch vollzogen wurden, Letzteres freilich außerhalb der Liturgie. Die Bestimmungen des tridentinischen Konzils waren übrigens für die damalige Zeit eine nicht zu unterschätzende familienpolitische Leistung, weil Rechtssicherheit erbracht wurde, wo die staatlichen Gesetze noch unterentwickelt waren. Bis 1938 hatte in Österreich die kirchliche Eheurkunde noch rechtliche Relevanz.

Aber jetzt kommt es: Solche Formvorschriften gelten natürlich zunächst einmal nur für Mitglieder der Kirche. Gemäß dem neuen Codex Iuris Canonici, dem Kirchenrecht, das Johannes Paul II. mit Wirkung vom 27. November 1983 erlassen hatte, galt diese Formvorschrift nicht für jene, die formell von der Kirche abgefallen sind. Dieser Gruppe wurden in der kirchenrechtlichen Praxis auch die Ausgetretenen zugerechnet. Seither fanden sich alle Ausgetretenen, auch wenn sie bewusst nicht kirchlich, sondern "nur" standesamtlich heirateten, plötzlich in einer kirchlich gültigen Ehe wieder, zumeist ohne es zu wissen.

Wollte Christoph zu einem späteren Zeitpunkt nach ziviler Scheidung der ersten Ehe und nach Rückkehr in die Kirche nun kirchlich Brigitte heiraten, musste er in einem Annullierungsverfahren beweisen, dass er seinerzeit nie und nimmer beabsichtigt hatte, eine unauflösliche Ehe einzugehen. Da war schon manche Überraschung groß.

Um diesem Dilemma zu entgehen, hat Benedikt XVI. mit dem Motu Proprio "Omnium in Mentem" diese Regelung Anfang 2010 einfach wieder aufgehoben. Seither gelten solche Paare im kirchlichen Sinne wieder als nicht verheiratet, freilich auch dann, wenn sie im Innersten ihres Herzens vielleicht unauflöslich sein möchten. Ob das alles im Einzelnen nachvollziehbar ist? 

Was wir sehen können, ist vor allem eines: Päpste können mit einem Federstrich Ehen en gros für ungültig bzw. gültig erklären, ohne zu hinterfragen, was die Paare eigentlich wollten. So viel Autorität meinen sie zu besitzen. Aber wiederverheiratete Geschiedene zu den Sakramenten zulassen, das können sie nicht.

Behaupten sie jedenfalls.

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Verantwortung der Päpste und des Vatikans am internationalen Missbrauchsskandal geklärt werden muss. Der derzeitige Papst hat bisher lediglich zur Schuld einzelner Priester und Bischöfe Stellung genommen. Zu den Vorgängen innerhalb der vatikanischen Mauern fand er kein Wort. Benedikts beharrliches Schweigen dazu macht ihn als Papst unglaubwürdig. (Wolfgang Bergmann, derStandard.at, 7.5.2012)

Wolfgang Bergmann, Magister der Theologie (kath.), 1988-1996 Pressesprecher der Caritas, 1996-1999 Kommunikationsdirektor der Erzdiözese Wien und Gründungsgeschäftsführer von Radio Stephansdom. Seit 2000 Geschäftsführer DER STANDARD. 2010 erschien sein Romanerstling "Die kleinere Sünde" (Czernin Verlag) zum Thema Missbrauch in der Kirche

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Wenn das Ehepaar aus der Kirche ausgetreten ist, kann ihm wurscht sein, welchen Familienstand es aus kirchlicher Sicht hat. Tritt es aber sehenden Auges wieder ein, soll es sich halt konsequenterweise den jeweils geltenden kirchlichen Regeln unterwerfen und nicht jammern, weil die unlogisch sind. Die Römisch-Katholische Kirche ist kein Wunschkonzert, bitteschön. Es ist doch ein win-win-Situation: brauchen sie nicht mehr kirchlich zu heiraten, sparen sie sich den ganzen Aufwand, wenn aber doch - mein Gott! - dann gibt das eben einen echten Beziehungskick, denn es heißt doch immer, das sei so romantisch!

Wer wiedereintritt, dem ist nicht zu helfen!

wie kann die Ehe ein Sakrament sein, wenn es sie auch außerhalb des christlichen Kontextes gibt

Sakrament kann doch nur sein, was auf Jesus zurückgeht. Und die Ehe hat er nunmal nicht erfunden- lange bevor das Christentum entstand und in vielen Kulturkreisen. In einigen Religionen wichtig, in anderen völlig unbedeutend. Und es heiraten ja auch völlig areligiöse Menschen. Laut ABGB ist die Ehe ein Vertrag zwischen zwei Personen (derzeit noch) verschiedenen Geschlechts mit der Absicht einer Familein- und Haushaltsgründung. Luther hatte recht- "die Ehe ist ein weltlich' Ding."

Auf Jesus geht überhaupt kein Sakrament zurück, Jesu Sprache, Aramäisch, kennt dafür gar kein Wort.

Und im Latein der Zeit Jesu bedeutet "sacramentum" zwar alles Mögliche, aber gerade, was die Katholische Kirche darunter versteht, übehaupt nicht.

ja ja

die katholische Kirche läßt eben nichts unversucht sich so unsympathisch und steif wie möglich darzustelllen.
Nur weiter so
Auf diese Weise und mt einer vergleichbaren Politik verschwand auch die DDR nach nur 40 Jahren.
Es dauert halt bei den Katholen noch ein bissl länger.. aber der Tag wird auch kommen.

Dazu besitzt diese Kirche noch viel zu viel Reichtum und Macht auf der Welt.
Außerdem sterben die Dummen weltweit nicht aus.

Kann mir das bitte jemand erklären. Wenn ich STANDESAMTLICH heirate (so steht es im Artikel und nichts von kirchlich) warum ist dann die Ehe viell. ungültig, weil zwei Ausgetretene geheiratet haben?

Na, verbrennen kann man die nicht mehr und irgendwie, und sei es durch Zwangsheirat, muss man sie bei aller Freude über Rückkehr der verloreren Schäfchen doch bestrafen.

nein, aber wenn Sie römisch- katholisch sind und noicht kirchlich getraut, dann sind sie mit sofortiger Wirkung von der Kommunion ausgestoßen

weil sie dann im "Konkubinat" leben und damit in "Sünde". Ich kenne tatsächlich Leute, denen das passiert ist. Ledigerweise "herumvögeln" ist für die römisch- katholsche Kirche interessanterweise ein wesentlich geringeres "Problem". Vielleicht, weil das "zölibatäre" Priester auch tun?

In der katholischen Kirche ist eine Sünde, die unterm Teppich bleibt, nur eine halbe Sünde. Wer aber offen, für alle Welt sichtbar sündigt und und nicht als einmalige Verfehlung, sondern im Dauerzustand, der fordert die Autorität der Kirche heraus, was ein Verschärfungsgrund ist, selbst wenn es moralisch betrachtet wie in diesem Fall eher als ein Milderungsgrund betrachtet werden könnte.

Deshalb spielt es auch keine Rolle, dass gemäß der Dogmatik die Beachtung der Formvorschriften der Eheschließung vor Gott unerheblich sind und eigentlich nur weltlichen Beweiszwecken dienen, so dass man zwanglos sagen könnte, na ja, in der Kirche waren sie zwar dazu nicht, aber das Sakrament der Ehe haben sie sich ja gespendet.

Weder durch GV und Standesamt noch durch GV und Gründung eines gemeinsamen Haushalts ohne Trauschein spenden sich besagte Zwei ein Sakrament!
Auch die Kirche oder die Geistlichen spenden den beiden Heiratenden bei der Trauung kein Sakrament.

Sakrament ist allenfalls eine Einbildung.

Jesus kannte kein Sakrament; und er setzte auch keines ein, - was fälschlich behauptet wird.

Wenn Sie standesamtlich heiraten, dann ist diese Ehe vor dem österreichischen Staat gültig. In dem Artikel geht es nur darum, ob diese Ehe dann kirchlich gültig oder ungültig ist.

Fragen Sie Ihren Diözesanbischof, wenn es sich um die Gültigkeit einer Ehe nach katholischem Kirchenrecht handelt.

Zu diesem und weiteren Themen kirchlicher Willkür

empfehle ich allen den "Pfaffenspiegel" von Otto von Corvin aus dem Jahre 1845, ISBN 3-87237-016-2.
Das Buch ist heute ebenso gültig wie damals.
Besonders zu vermerken ist, dass der amtierende kirchliche Zensor nichts davon widerlegen konnte und trotz zahlreicher Streichungsversuche das Buch zulassen mußte.
Zum gegenständlichen Fall ist auch beschrieben, mit welchen Methoden versucht wurde, hunderte Jahre nach Christus Kontrolle über die Ehe zu erlangen.
(Ich kann es mir nicht verkneifen, auch die usurpierte Kontrolle über die Schulen zu erwähnen)

Project Gutenberg hats

Online, ist unter http://www.gutenberg.org/ebooks/34581 in diversen Formaten verfügbar und tatsächlich sehr lesenswert.

najo ...

.... zivilrechtlich isses vl. schon von vorteil, wenn zb. nach dem ableben des wohnungsinhabers, der andere ehepartner auch weiterhin dort wohnen kann. deswegen kann dieses (zivile) blattl papier schon sinn machen, oder?

Bürokraten sind niemals echte Christen, denn ohne Besitzurkunde kein Eintrag im Himmelsbuch!

Wiederverheiratete Geschiedene werden aus übergeordneten Gründen der Barmherzigkeit in den orthodoxen Kirchen von der Eucharistie nicht ausgeschlossen.

Als einzige christliche Kirche ist die römisch-katholische diesbezüglich verstockterweise unbarmherzig.

Wann wurde eigentlich gesagt

das Gott ein Spießer ist. Im Ernst, wer hat das beschlossen?

dem seine sorgen möchte ich haben .....

dann ging's mir gut ...

gefällt mir!

wunderbare hirnwi**erei

Mal abgesehen davon, dass dieses Thema niemanden wirklich interessiert, aus der Kirche Ausgetretene wohl am allerwenigsten, verstehe ich nicht, was es da überhaupt anzuzweifeln gibt. Ich dachte immer, eine Ehe ist nur dann eine christliche, wenn sie kirchlich geschlossen wurde. Wenn beide oder einer schon lange aus der Kirche ausgetreten ist, ist es keine christliche Ehe, von der Kirche aus gesehen also gar keine, allenfalls eine "wilde". Was hat es mit der Taufe zu tun, wenn sich jeman später von seinem Glauben löst bzw. aus der Kirche austritt?

eine Ehe ist dann eine CHRISTLICHE, wenn sie von beiden Beteiligten entsprechend gelebt und verstanden wird

und dann eine römisch- katholische, wenn eine kirchliche Trauung erfolgt ist, weil die Katholen (auch die Altkatholen, aber die sind da nicht so eingenäht) daraus ein Sakrament gemacht haben. Wahrscheinlich ist aber auch die interne Haltung nicht unwesentlich, hoffe ich zumindest. In anderen Konfessionen wird es völlig akzeptiert, wenn man "nur" standesamtlich getraut ist- dann gilt man als verheiratet.

Artikel lesen, da steht es drin.

Wen interessiert das bitte? Bevor sich die Kirche eingemischt hatte, hat der Dorfvorsteher Leute verheiratet. An der Ehe ist in unseren Breiten nichts Religiöses! Erst wer meint, dass es so ist, projeziert es!

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