Sozialprediger mit einem Perfektionstick

7. Mai 2012, 00:23
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Alexis Tsipras, Chef der linken Syriza, ist Wahlsieger in Athen

Er polarisiert, so viel ist klar: Die einen können Alexis Tsipras, Griechenlands jüngsten politischen Führer nicht ausstehen und schimpfen ihn arrogant und rotzfrech. Für die anderen ist er das lang ersehnte frische Gesicht in der griechischen Politik.

Tsipras ist der Sieger der Parlamentswahlen vom Sonntag. Auch das steht fest. Unter seiner Führung hat das linksstehende Parteienbündnis Syriza seine Stimmen im Vergleich zu den letzten Wahlen vervielfacht: 4,6 Prozent bekam Syriza 2009 - vor der Finanzkrise; mehr als 15 sollen es jetzt sein. Tsipras hat die Sozialisten von der Pasok überholt, er wird im neuen Parlament die zweitstärkste Fraktion anführen.

Alexis Tsipras ist im Juli 1974 in Athen geboren worden, vier Tage nach dem Sturz der Militärjunta. Er ist ein Kind der "Metapolitefsi", der Jahre des Übergangs von der Diktatur zur Demokratie. Viele Politiker und Kommentatoren führen den Begriff dieser Tage im Mund. Die "Metapolitefsi" sei zu Ende, heißt es, das System der beiden großen Parteien Pasok und Nea Dimokratia abgelöst. Tsipras, so scheint es nun, ist ein Symbol der neuen Demokratie in Griechenland.

Dem Bauingenieur von der Technischen Universität Athen wird ein Hang zum Perfektionismus nachgesagt, der im politisch linken Milieu, wo üblicherweise auf informellen Umgang Wert gelegt wird, wenig verbreitet ist. Der 37-Jährige strapaziert damit angeblich die Nerven mancher seiner Mitarbeiter.

Tsipras fiel 2006 erstmals landesweit auf, als er bei einer Bürgermeisterwahl in der griechischen Hauptstadt auf den dritten Platz kam. 2008 wurde er zum Vorsitzenden des Linksbündnisses gewählt, das aus allerlei versprengten Gruppen und Einzelkämpfern besteht, denen die griechischen Kommunisten der KKE zu dogmatisch sind.

Tsipras verstand es auch, seinen Widerstand gegen die Sparauflagen der Kreditgeber in flexiblere, moderner klingende Formeln zu kleiden als die KKE-Funktionäre. Er kündigte keinen Austritt aus der EU und der Eurozone an, was den meisten Griechen dann doch zu wild erscheint. Dafür versprach er schlicht den Stopp aller Schuldenzahlungen des griechischen Staats, eine komplette Neuverhandlung mit den Kreditgebern und die Besteuerung aller Reichen. "Unsere Gläubiger kommen zuerst und die sozialen Bedürfnisse an zweiter Stelle", kritisiert er laut. Tsipras lebt mit Betty, seiner Freundin aus Studienzeiten, und hat zwei Kinder mit ihr. (Markus Bernath, DER STANDARD, 7.5.2012)

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