Seine furchtbarste Waffe ist die Rechtschaffenheit

6. Mai 2012, 20:40
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2007 ließ François Hollande noch seiner Ex-Partnerin Ségolène Royal den Vortritt.

Nachdem sie im Rennen ums Élysée gescheitert war, kandidierte er, der Unscheinbare - und ist nun mächtigster Mann Europas.

"Nicht im Traum" werde Hollande Präsident, schätzte sein Parteifreund Laurent Fabius einmal hinter vorgehaltener Hand. Hollande war zwar Parteichef geworden. Aber eigentlich nur, weil der rundliche Bonvivant der Einzige war, der die heillos zerstrittenen Koryphäen des Parti Socialiste zusammenhalten konnte. Für Martine Aubry, Dominique Strauss-Kahn und Fabius blieb er "der kleine Stagiaire, der ihnen den Kaffee brachte", wie es ein Insider formulierte.

Hollande war der possenreißende Provinzler, gelegentlich Punchingball. "Pudding" nannten sie ihn, "Pedalo-Kapitän". Jetzt werden sie ihm die Glückwünsche darbringen und ihn gnädigst um einen Ministerposten bitten. Denn jetzt ist François König im Präsidentenpalast - Staatschef mit der größten Machtfülle in ganz Europa. Der Mann, an dem in der französischen Politik fünf Jahre lang niemand vorbeikommen wird.

Hollande selbst hatte alles vorhergesehen. Schon in der Schule sagte er seinen Kollegen, er werde einmal Staatspräsident. Damals wohnte er noch in Rouen, der "Hauptstadt" der Normandie. Sein Vater war Arzt, Algerien-Nostalgiker und giftiger Rechtsextremist, seine Mutter Sozialarbeiterin und Linkskatholikin. Auch Hollandes Herz schlug links, doch sein Vater zog 1968 aus Angst vor den Roten in den Pariser Nobelvorort Neuilly-sur-Seine um, wo auch ein gewisser Nicolas Sarkozy aufwuchs. Er genoss eine bürgerliche Erziehung und absolvierte ein Jus-Studium, die Handelsschule Hec, die Eliteverwaltungsschule Ena, dann die Politikuniversität Sciences Po.

Lernen von Chirac

Dort kam er mit Sozialisten in Kontakt, dort lernte er auch Ségolène Royal kennen, mit der er in der Folge vier Kinder haben sollte. 1981 traten beide in den Dienst von François Mitterrand ein, welcher der Linken die Pforten zum Élysée geöffnet hatte. Dem Präsidenten fiel eher Royal auf; sie schaffte es in der Folge in mehrere Regierungsämter. Hollande war das nie vergönnt. Ihn schickte Mitterrand in die Provinz zurück, ins Departement Corrèze, wo als gaullistischer Gegner ein großes Kaliber wartete: Jacques Chirac.

In ihrem ersten Duell unterlag Hollande schon im ersten Wahlgang. Er blieb seiner neuen Wahlregion aber treu und kämpfte hart um lokale Mandate. Chirac schaute er ab, wie man Hände schüttelt, Marktfrauen küsst, mit Unbekannten scherzt. 2001 brachte er es schließlich zum Bürgermeister der Stadt Tulle, 2008 zum Vorsteher des Departementsrates.

So hatte sich Hollande in geduldiger Kleinarbeit - eines seiner Lieblingsbücher ist "Der Mythos des Sisyphos" von Albert Camus - seine Basis geschaffen. Sie sollte ihm nach Chiracs Vorbild als Sprungbrett ins Élysée dienen und war ihm damit wichtiger als eine Technokraten-Karriere in Paris. Dort wurde er durch Vermittlung von Lionel Jospin Chef des Parti Socialiste. Er blieb es elf Jahre, wurde landesweit bekannt, fiel aber sonst nicht weiter auf.

2007 unterstützte er die Präsidentschaftskandidatur von Ségolène Royal. Die beiden gaukelten der Nation vor, sie seien noch ein Paar; dabei war Hollande bereits mit der "Paris Match"-Journalistin Valérie Trierweiler zusammen. Politisch schien seine nationale Karriere aber gelaufen. Hollande, nie auch nur Minister, wirkte blass; ein hohes Mitglied der Sarkozy-Partei UMP meinte: "Hollande, das ist nichts, das ist das Ding, das niemanden stört."

Als er im März 2011 erklärte, er wolle Präsident werden, war das Echo gering. Die Sozialisten hatten mit Strauss-Kahn bereits einen Spitzenfavoriten - bis er im Mai 2011 sensationell über eine New Yorker Sexaffäre stürzte. Für Hollande war die Bahn frei, Ende 2011 gewann er die Vorwahlen. Aber er blieb der Apparatschik ohne Charisma, der Mann ohne Eigenschaften und ohne Visionen - das pure Gegenteil zu Sarkozy.

Und genau das wollte Frankreich: einen Anti-Sarkozy, einen Antihelden. Zudem hatte Hollande vorgearbeitet. Seine Partnerin Trierweiler verordnete ihm einen neuen Look. Er speckte ab, färbte die Haare und ging ins Medientraining. Er scherzt weniger, spricht mit mehr Nachdruck.

Den letzten Schritt Richtung Élysée tat Hollande vier Tage vor seiner Wahl: In einem aggressiven TV-Duell hielt er dem rhetorisch bisher ungeschlagenen Sarkozy stand und besiegte ihn nach zwei Stunden Redeschlacht mit seiner furchtbarsten Waffe, der Rechtschaffenheit. Nun hat Sisyphos seinen Mythos überwunden: Monsieur Nobody ist im Präsidentenpalast. (Stefan Brändle aus Paris, DER STANDARD, 7.5.2012)

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    Mit zäher Arbeit an der Basis ins höchste Amt: François Hollande.

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