Golfgeschäfte mit kleinen Handicaps

Verena Kainrath
6. Mai 2012, 18:32
  • Der Golfer ist nicht selten ein eitler. Aber auch jene, die damit nichts am Hut haben, kleiden sich gern in entsprechender Kluft.
    foto: ap/einsel

    Der Golfer ist nicht selten ein eitler. Aber auch jene, die damit nichts am Hut haben, kleiden sich gern in entsprechender Kluft.

Golfino schafft es in Europa an die Spitze: Über vermögende Kunden und Österreicher, die im Golf-Outfit Ski fahren

Wien - Bernd Kirsten kann sich auf seine Kunden verlassen. Sie seien meist gutsituiert und vermögend, im Schnitt um die 50, mit einer sicheren Altersversorgung und von hoher Loyalität. Wirtschaftskrisen haben ihn daher noch nie getroffen, und die Demografie, meint er, spreche für sein Geschäft.

Eigentlich wollte der Deutsche einst die Welt verbessern und für die Weltbank oder den Internationalen Währungsfonds arbeiten. Aber dann sei er doch selbstständiger Unternehmer geworden und verschrieb sich dem Golfen. Kirsten führt mit seiner Frau das Modelabel Golfino. Seit 2005 sind die beiden Marktführer in Deutschland, seit sieben Jahren in Europa und nun am Sprung gen Osten.

Nicht ganz uneitel

Wirklich brauchen würde Golfbekleidung keiner, konventionelle Funktionswäsche tue es dafür ja auch, räumt Kirsten freimütig ein. Aber dahinter stecke eine soziale Botschaft, ein Lebensstil. Abgesehen davon, dass Golfer in der Regel nicht ganz uneitel seien.

34 Millionen Euro setzte seine Aktiengesellschaft mit 250 Mitarbeitern im Vorjahr um. 110 Millionen sollen es bis 2020 werden. Verluste habe er in den 26 Jahren des Bestands noch nie verbuchen müssen, zieht er Bilanz.

Begonnen hat alles mit Stickereien für Freizeitbekleidung, auf die sich seine Frau, eine Designerin, spezialisiert hatte. Der Volkswirt fand Gefallen am Markt. "Irgendwann aber war klar: Entweder wir bleiben hier die Nummer 37, oder wir gehen in Nischen und werden dort Branchenführer."

Die Konkurrenz

Die Kirstens entschieden sich für Golfmode - und es lief gut. Zumindest so lange, bis große internationale Labels wie Boss, Nike und Hilfiger die Linie für sich entdeckten. Golfino mit Sitz in Glinde bei Hamburg verlor daraufhin ein Fünftel der Aufträge. Die Deutschen starteten Shops in Handelsketten, wagten den Sprung in große Factory-Outlet-Center und holten sich ihre Umsätze zurück.

Produziert wird bei einer Tochterfirma in Portugal, arbeitsintensive Textilien kommen aus chinesischer Lohnfertigung. Mit 34 ei- genen Filialen ist Golfino in mehr als 15 Ländern vertreten, in Österreich in Wien, Parndorf, Kitzbühel und in Fachhändlern wie Golfzone und Eybl. In Tirol laufe das Geschäft im Übrigen auch im Winter gut, sagt Kirsten. 80 Prozent seiner Kunden haben zwar mit Golf wenig am Hut, kleiden sich aber entsprechend fürs Skifahren ein.

Schlagkräftige Japaner

Bei Nichtgolfern sieht der Unternehmer für sich ohnehin viel ungenütztes Potenzial. Vier Geschäfte will er jährlich neu eröffnen und sich dabei zunehmend Richtung Asien vortasten. Neun Millionen Golfer habe allein Japan vorzuweisen, rechnet er vor, das Land stehe damit hinter den USA weltweit an zweiter Stelle. Korea positioniere sich mit stattlichen vier Millionen gleich dahinter.

In Europa mit seinen insgesamt 4,4 Millionen Golfern sei weiteres Wachstum künftig nur noch über Verdrängung möglich. Harte Konkurrenz und viel Preisdruck prägten auch die USA. Er wolle sich bei seiner Expansion nicht verzetteln, aber an Japan und China führe für ihn künftig kein Weg vorbei.

Kirsten selbst hat das Handicap sechs. "Das ist nicht schlecht, aber es gibt bessere Amateure. Golf hat auf jeden Fall Suchtcharakter." Verena Kainrath, DER STANDARD; 8.5.2012)

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