Buchhalter, Yahoo-Chef, Hochstapler

6. Mai 2012, 18:14
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Scott Thompson muss wegen eines falschen Bachelor-Titels um seinen Job Bangen

Als ob Yahoo nicht schon genug Sorgen hätte: Der US-Internet-Pionier kämpft gegen sinkende Umsätze und Erträge, Google und Facebook fahren ihm davon, ein dramatischer Jobabbau steht ins Haus - und jetzt auch noch ein Hochstapler in der Chefetage. Als Retter wurde Scott Thompson im Jänner zu Yahoo gerufen. Die Abwärtsspirale sollte er stoppen, die einstige Ikone der Suchmaschinen zum Kerngeschäft zurückführen.

Buchhalter statt Bachelor

Stattdessen wurde er bei einer akademischen Unwahrheit erwischt - eine Peinlichkeit, die schon einige europäische Spitzenpolitiker den Job kostete. Seinen offiziellen Lebenslauf hat er seit Jahren mit einem Bachelor-Titel in Computerwissenschaften geschmückt, der freilich frei erfunden ist. Thompson ist Buchhalter.

"Hochqualifizierter Manager"

Yahoo tat den vorgetäuschten Titel erst einmal als unbeabsichtigten Fehler ab und stärkte ihm den Rücken. Der falsche Abschluss ändere schließlich nichts daran, dass er ein "hochqualifizierter Manager" sei. Unter steigendem Druck der Aktionäre versprach man dann doch, den Verwaltungsrat damit zu befassen. Nun spielt es ein Ultimatum: Dan Loeb, der Fondsmanager, der die biografische Ungereimtheit aufdeckt hat, fordert Thompsons Entlassung. Werde dieser nicht bis Montag gefeuert, drohen Yahoo rechtliche Schritte. Loeb hält über seine Investmentfirma 5,8 Prozent am Konzern und hofft auf den Einzug in den Aufsichtsrat.

Seit Jänner bei Yahoo

Thompson ist 54, geboren in Boston und Fan der Red Sox, der Baseball-Mannschaft seiner Heimatstadt. "Mr. Nobody" nannte ihn manche Gazette bei seinem Antritt als Yahoo-Chef, als er der schillernden, aber glücklosen Vorgängerin Carol Bartz nachfolgte. Vier Jahre lang hatte er zuvor bei der Web-Handelsplattform Ebay die Bezahlsparte Paypal geführt und ihre Umsätze verdoppelt, wofür ihm die IT-Branche Respekt zollte. Der Ruf des Technikexperten eilte ihm voraus: Er sei einer, der sich beharrlich die Karriereleiter nach oben arbeitete.

Mitarbeiterabbau

Yahoo will er kleiner, wendiger und profitabler machen - und greift dabei auf altbekannte Instrumente zurück: 2000 Mitarbeiter sollen gehen, 15 Prozent der Belegschaft. Eine unzureichende Antwort auf die Krise der zermürbten Firma, befanden Kritiker - zumal Jobabbau auch in den Jahren zuvor keine Wende gebracht hatte.

27 Millionen Dollar lässt sich Yahoo Thompson kosten. Heuer ist für ihn ein Gehalt von einer Million verplant, eine von zwei Millionen Bonus ist garantiert. Hinzu kommen Aktien in Hö- he von 22 Millionen. (Verena Kainrath, DER STANDARD 6.5.2012) 

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    Noch Yahoo-Chef, Scott Thompson

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