Letzter Atomreaktor in Japan abgeschaltet

Land erstmals seit 42 Jahren ohne Atomkraft

Tokio - Japan schaltet den letzten seiner 50 Atomreaktoren wegen Wartungsarbeiten ab. Damit ist das Land erstmals seit dem 4. Mai 1970 ohne Atomstrom. Am Samstag wurde mit dem Herunterfahren des Reaktors im Kernkraftwerk Tomari auf der Nordinsel Hokkaido begonnen, wie der Betreiber Hokkaido Electric mitteilte. Der betroffene Reaktor soll für mehrere Monate zu Wartungszwecken abgeschaltet bleiben.

Japan gehörte zeitweise zu den drei Ländern, die die Kernenergie am intensivsten nutzten. Wegen der Atomkatastrophe in Fukushima nach dem schweren Erdbeben und dem verheerenden Tsunami im vergangenen Jahr wuchs der Widerstand gegen diese Art der Energieerzeugung in der japanischen Öffentlichkeit allerdings deutlich an. Bis März 2011 bezog Japan etwa ein Drittel seines Stroms über die Atomkraft.

Tausende bei Demo in Tokio

Die Regierung von Ministerpräsident Yoshihiko Noda gab im April zwar grünes Licht für die Wiederinbetriebnahme von zwei Reaktoren in Oi, doch müssen die Behörden noch die Anrainer überzeugen, dem Schritt zuzustimmen. Seit dem Unglück wurden die Regeln so verschärft, dass Atomkraftwerke nicht nur einen Stresstest der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) bestehen, sondern auch die Zustimmung der örtlichen Bevölkerung erhalten müssen.

Am Samstag forderten in Tokio tausende Menschen auf mehreren Demonstrationen den endgültigen Ausstieg aus der Atomkraft. "Eine neue Ära ohne Atomkraft hat in Japan begonnen", sagte der 56-jährige Mönch Gyoshu Otsu bei einer Kundgebung vor dem Industrieministerium. Der Organisator Masao Kimura sprach von einem "symbolischen Tag". "Nun können wir beweisen, dass wir auch ohne Atomstrom zu leben fähig sind."

Engpass in der Versorgung erwartet

Stromkonzerne warnen indes vor Engpässen während der heißen Sommermonate. Nach Angaben von Kansai Electric Power, das die Großstädte Osaka, Kyoto und Kobe versorgt, könnte aufgrund des hohen Strombedarfs für Klimaanlagen der Bedarf das Angebot um 20 Prozent übersteigen. Die Firma verzeichnete 2011 einen Verlust von 2,28 Milliarden Euro aufgrund der hohen Kosten für die Wiederinbetriebnahme zuvor abgeschalteter Wärmekraftwerke.

Bisher sind Engpässe ausgeblieben, doch für Regierung, Industrie und Verbraucher ist der derzeitige Zustand unbefriedigend. Der verstärkte Einsatz von Kohle, Gas und Erdöl zur Stromproduktion erhöht den Kohlendioxidausstoß und die Abhängigkeit des ressourcenarmen Landes von der Einfuhr von Kraftstoffen. Für die Verbraucher steigen die Preise, zudem sind sie angehalten, ihren Verbrauch zu drosseln.

1970 waren die beiden einzigen damals existierenden Reaktoren ebenfalls wegen Wartungsarbeiten abgeschaltet worden. (APA/Reuters, 5.5.2012)

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