Ukrainischer Botschafter kritisiert EM-Boykott

5. Mai 2012, 08:48
5 Postings

Bereznyi: "Würden uns freuen, wenn österreichische Regierung ihre Meinung ändert"

Wien - Für den ukrainischen Botschafter in Österreich, Andrii Viktorowytsch Bereznyi, ist der Boykott der Fußball-EM 2012 durch die Regierung eine große Überraschung gewesen. Das erklärte der Diplomat im APA-Interview. "Wir würden uns freuen, wenn - sogar in dieser Situation - der Außenminister und der Bundeskanzler ihre Meinung ändern und zum Finale der Europameisterschaft nach Kiew fliegen. Ich würde das sehr unterstützen."

Die österreichische Mannschaft ist bei der EM zwar nicht vertreten, Bereznyi hatte aber damit gerechnet, dass Vertreter der Bundesregierung und aus den parlamentarischen Kreisen ihre Einladung ins Stadion annehmen würden.

"Nicht ganz freundlich"

In den zwei Jahren, in denen Bereznyi ukrainischer Botschafter ist, habe er immer "konstruktive Kontakte" mit der österreichischen Regierung gehabt, sagte er. Von ihrem Boykott habe er bis jetzt nur durch die Medien erfahren, - obwohl er mit dem Außenministerium "praktisch täglich" in Kontakt sei. Seit der Erklärung vom Mittwoch habe er keine Informationen aus dem Außenministerium erhalten. Bereznyi hätte sich gewünscht, dass die Mitarbeiter des Außenministeriums den Boykott vorher angesprochen hätten: "Diese Form war nicht ganz freundlich."

Der Botschafter kann sich aus dem Vorgehen der Bundesregierung keinen Reim machen: Erst Ende vergangener Woche habe der Wiener Bürgermeister Michael Häupl den Kiewer Bürgermeister empfangen - Häupl habe damals versprochen, am Finale teilzunehmen. Nach diesem "erfolgreichen Besuch" sei die Boykott-Ankündigung eine große Enttäuschung für Bereznyi gewesen.

Wirtschaftliche Verbindungen

Zuvor habe Österreich die Ukraine bei den Vorbereitungen für die Fußball-EM (Euro 2012) unterstützt, nicht nur durch Erfahrungsaustausch, sondern auch technologisch. Bereits 2010 sei eine Delegation aus allen ukrainischen Austragungsorten nach Wien gereist. Bei dem Treffen seien auch einige wirtschaftliche Verbindungen zustande gekommen, stellte der Kiewer fest.

Dass es als Veranstalter einer Großveranstaltung besonders wichtig sei, sich vorbildlich zu verhalten, um nicht angreifbar zu sein, bestätigte Bereznyi. Andererseits habe die Ukraine in den vergangenen zwei Jahren ein ansehnliches Wirtschaftswachstum, politische Stabilität und die Umsetzung soziale Programme erreicht: "Die Euro ist auch ein starkes Instrument zur Entwicklung des Landes." Ein Boykott werfe daher die Frage auf, was der Regierung mitgeteilt werden soll, wunderte sich der Botschafter: "Dass diese Entwicklungen nichts taugen?".

Zukünftige EU-Mitgliedschaft

Der Fall der inhaftierte Ex-Regierungschefin Julia Timoschenko sorgt nicht nur für Boykott-Aufrufe quer durch Europa, er verzögert auch den Abschluss des Assoziierungsabkommens mit der EU, an dem die Ukraine großes Interesse hegt. Das Abkommen sieht Reformen in der Gesetzgebung und die Stärkung der Demokratie vor. Die Ukraine unternehme diese Anstrengungen, weil es dabei auch um die zukünftige EU-Mitgliedschaft gehe. Doch der Weg bis dahin sei noch lange. Die Maßstäbe, mit denen Europa die Ukraine beurteilt, sind Bereznyi zu hoch: "Wir werden meiner Meinung nach so behandelt, als ginge es darum, dass die Ukraine schon morgen Mitglied der europäischen Union wird."

Die Probleme, die am dringendsten in der Ukraine gelöst werden müssen, sind für Bereznyi die Bekämpfung der Korruption und die Reform des Gerichtswesens. Zum Fall Timoschenko erklärt der Botschafter, sie sei nach ukrainischem Gesetz rechtmäßig verurteilt, es könne aber durchaus sein, dass der Prozess in einem deutschen oder österreichischen Gericht einen anderen Ausgang genommen hätte. Die Ukraine bleibe offen, sich den Normen des europäischen Gerichtswesens anzupassen, betonte Bereznyi. Als Vorbild könnte etwa der österreichische parlamentarische Untersuchungsausschuss dienen.

Dass sich die Ukraine nach Europa und nicht nach Russland ausrichtet, steht für den Diplomaten fest: "In der Mehrheit der Köpfe der Ukrainer sitzt die Bestrebung, näher an Europa zu sein und noch besser, institutionell in Europa zu sein." (APA, 5.5.2012)

Share if you care.