Grönlands Gletscher schmelzen anders als gedacht

4. Mai 2012, 19:13
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Neue Studie gibt leichte Entwarnung: Langsame Eisströme lassen den Meeresspiegel weniger schnell steigen

Washington/Wien - Aufgrund ihrer gigantischen Masse ist das Abschmelzen der Gletscher auf Grönland einer der entscheidenden Faktoren für den Anstieg des Meeresspiegels. 80 Prozent der größten Insel des Planeten (das sind 1,7 Millionen Quadratkilometer) sind von Eis bedeckt, das bis zu dreieinhalb Kilometer dick ist. Würde der gesamte grönländische Eispanzer zu Wasser, dann hätte das einen Anstieg des Meeresspiegels um sieben Meter zur Folge.

Doch was genau führt zum Abschmelzen der Eismassen Grönlands? Und wie schnell könnte dieser Prozess gehen? Über diese mehr oder weniger einfachen Frage streiten sich Gletscher- und Klimaforscher seit Jahren, zumal das Verhalten der Grönland-Gletscher bisher nur zum Teil erforscht ist. Entsprechend schwankt auch der prognostizierte Anstieg des Meeresspiegels bis zum Jahr 2100 zwischen 0,5 und zwei Metern. Grönlands Gletscher würden zwischen zehn und 48 dazu beitragen.

Nun gibt eine neue, im Fachblatt "Science" veröffentlichte Studie leichte Entwarnung: Allem Anschein nach fließen die Gletscher verschieden schnell und insgesamt langsamer ins Meer als bisher angenommen. Auf Basis von Daten der Radarsatelliten TerraSar-X, Radarsat-1 und dem japanischen Advanced Land Observation Satellite haben Twila Moon von der University of Washington in Seattle und ihre Kollegen für ihre Untersuchung erstmals umfassende Karten der Fließgeschwindigkeit für fast alle rund 200 Gletscher Grönlands seit dem Jahr 2000 zusammengestellt.

Dabei zeigte sich, dass es in Sachen Fließgeschwindigkeit erhebliche Unterschiede zwischen den verschiedenen Gletschertypen gibt: Die Küstengletscher im Nordwesten und Südosten beschleunigten ihr Fließen seit dem Jahr 2000 nur um durchschnittlich 30 Prozent - Pessimisten waren von einer Verdopplung der Geschwindigkeit ausgegangen.

"Diese Beschleunigung wird zudem durch andere Gletscher ausgeglichen, die sich im gleichen Zeitraum nicht veränderten oder sogar verlangsamten" , schreiben Moon und ihre Kollegen. Dazu gehörten vor allem die großen Eisströme im Südwesten und die im Schelfeis mündenden Gletscher, deren Geschwindigkeit sich kaum verändert oder sogar verringert habe.

Treten keine Veränderungen dieses Trends ein, würde Grönlands Eis bis zum Jahr 2100 nur rund zehn Zentimeter zum Anstieg des Meeresspiegels beitragen - dies entspricht den niedrigsten Schätzungen. Die Autoren geben aber zu bedenken, dass es ein plötzliches Umschlagen der Entwicklung geben könnte, das alle Prognosen wieder über den Haufen wirft. (tasch/DER STANDARD, 5./6.5. 2012)

  • Blick auf eine von hunderten Gletscherzungen, die Eis aus dem Inneren Grönlands zum Meer transportieren. 
    foto: ian joughin/science/aaas

    Blick auf eine von hunderten Gletscherzungen, die Eis aus dem Inneren Grönlands zum Meer transportieren. 

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