"Man verliebt sich nur einmal"

5. Mai 2012, 14:48
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Im Präsidentschaftswahlkampf wenden sich die Pariser Philosophen enttäuscht von Nicolas Sarkozy ab - Aber wohin?

François Hollande zieht sie nicht an. Und Marine Le Pen bleibt selbst für Neokonservative tabu.

 

"Und wo sind denn die Néocons?" Die Frage der linken Zeitung Libération ist schon fast ein Ausruf, so frappierend ist das Schweigen der französischen Philosophen. Also jener, die bei den Präsidentschaftswahlen 2007 an vorderster Front dabei waren. Marc Weitzmann, Pascal Bruckner oder Alain Finkielkraut hatten offen für Nicolas Sarkozy Partei ergriffen, An dré Glucksmann sogar an einem seiner Wahlmeetings teilgenommen. Die Faszination ehemaliger Maoisten und Trotzkisten für den konservativen Staatspräsidenten war groß; Michel Taubmann und Pierre-André Taguieff brachten zum Anlass sogar eine neue Zeitschrift namens Le Meilleur des mondes heraus, und Yasmina Reza folgte dem neuen Präsidenten monatelang auf Schritt und Tritt für eine literarische Reportage in Buchform.

Heute halten sich die "Néocons", wie sie in einer etwas schnellen Angleichung an die US-Neokonservativen genannt werden, völlig aus dem Wahlkampf heraus. Einige zögern wie Glucksmann; andere, wie Weitzmann, wissen schlicht nicht, wem sie die Stimme geben sollen. Am aufrichtigsten äußert sich wie immer Finkielkraut: "Gegenwärtig sind meine Eindrücke ziemlich widersprüchlich. Sie verdienen es nicht, der Nachwelt überliefert zu werden."

Allgemeine Ernüchterung

Der amtierende Staatschef hat nicht nur die Pariser Intellektuellen enttäuscht, aber sie besonders. "Sie engagieren sich in der Kampagne 2012 nicht mehr für Sarkozy", meint Taubmann, um bitter anzufügen: "Man verliebt sich einmal, nicht zweimal." Der Biograf von Dominique Strauss-Kahn, der Sarkozys Annäherung an die USA, an Israel und die Nato begrüßt hatte, äußert sich heute ernüchtert über die französische Realpolitik gegenüber Russland, Peking und Afrika. Das Maß war für ihn schon Ende 2007 voll, als Sarkozy in Paris Muammar al Gaddafi empfing. Nur Bernard-Henri Lévy war noch klar an Seite des französischen Präsidenten, als dieser 2011 die Militäroperation gegen den libyschen Diktator lancierte. Wobei BHL gar nie zu den Sarkozy-Fans gehört, sondern nur den Zug des Arabischen Frühlings genommen hatte.

Blasse Konkurrenz

Auch innenpolitisch sind die einstigen "Neuen Philosophen" längst von dem "Präsidenten der Reichen" gegangen, wie Sarkozy in Paris gerne betitelt wird. Das heißt indessen nicht, dass sie mit fliegenden Fahnen zum Sozialisten François Hollande überlaufen würden; der blasse Parteiapparatschik zieht nicht einmal Linksintellektuelle wie Michel Onfray an - der für die Stichwahl am kommenden Sonntag empfiehlt, leer einzulegen.

Bernard-Henri Lévy meinte am Abend des ersten Wahlgangs auch nur, am wichtigsten sei es, den weiteren Aufstieg des Front National zu verhindern. Er fordert Sarkozy und Hollande deshalb auf, sich in einem "Pakt" zu verpflichten, nicht bei den Wählern der Rechtsextremistin Le Pen auf Fischzug zu gehen.

Der Appell war so unrealistisch, dass er keinerlei Echo auslöste. Auch viele Neokonservativen wissen nach dem Sarkozy-Kapitel nicht so recht, wie sie mit Marine Le Pen umgehen sollen. Diese verzichtet nämlich im Unterschied zu ihrem Vater Jean-Marie Le Pen auf jeden Antiamerikanismus und meinte auf einer jüdischen Radiostation in Paris gemäß dem Credo der neuen Rechten, sie verspüre "keinerlei Feindseligkeit gegenüber Israel".

Allerdings bleibt der Front National in den Pariser Zirkeln ein "moralisches Tabu", wie der Essayist Jean-Louis Bourlanges meint. Der konservative Schriftsteller Renaud Camus - er ist nicht mit Albert Camus verwandt - lobte in Le Monde offen "den Mut, die Intelligenz und die Entschlossenheit" von Marine Le Pen und ruft zu ihrer Wahl auf. Der Pariser Verlag Fayard löste kurz darauf seinen Vertrag auf - offiziell aus "Budgetgründen". (Stefan Brändle aus Paris /DER STANDARD, 5.5.2012)

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    Inszenierter Jubel für den in die Defensive geratenen Präsidenten: Im letzten Aufgebot Nicolas Sarkozys finden sich keine Philosophen mehr.

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