Bling-Bling!

4. Mai 2012, 18:43
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Die "akute Sarkophobie", von der Frankreich "befallen ist", schlägt bei der "Presse" in politische Schizophrenie um

Als Österreicher kann man nur froh sein, nicht vor einem ähnlichen Dilemma zu stehen, wie es in der hiesigen Presse gelegentlich den Franzosen für den Wahlsonntag vor Augen geführt wird. Aber leicht gemacht wird es einem hier auch nicht immer, sich ein halbwegs verlässliches Bild von Wert und Unwert der beiden Kandidaten in der Stichwahl zu machen. So wehte der stellvertretenden Chefredakteurin von " 'News' frischer Wind aus Frankreich um die Nase", und sie ist sich sicher: "François Hollande schafft als Kandidat mehr Europapolitik als Sarkozy als amtierender Präsident." An diesem Kunststück war aber die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkl maßgeblicher beteiligt als der französische Kandidat, denn sie "tat Hollande ungewollt einen Gefallen: Sie ließ ihn eiskalt abblitzen."

Das dafür, dass Hollande im Fernsehen gesagt hatte, "es ist nicht Deutschland, das über die Gesamtheit Europas entscheiden wird". Ob er damit, noch ehe er der Abblitzerin auf Augenhöhe gegenübersteht, schon "mehr Europapolitik" als Sarkozy geschaffen hat, ist damit zwar eher nicht bewiesen, umso mehr ist es der "ungewollt" getane "Gefallen." Denn "der bisher eher farblose Hollande weckt damit prompt begehrte Assoziationen mit dem französischen Übervater Charles de Gaulle." Das aber nicht etwa deshalb, weil auch diesem das Schicksal widerfuhr, von einem deutschen Bundeskanzler eiskalt abgeblitzt zu werden, sondern im Gegenteil, weil er "Europa über Jahre hinweg per 'Politik des leeren Stuhls' brüskierte", also er es war, der die anderen "abblitzen ließ", und das gewollt.

"Assoziationen mit dem französischen Übervater" wollten sich im Kommentator der "Presse" vom Donnerstag bei keinem der beiden Kandidaten einstellen, bei Hollande aber mit Sicherheit schon gar nicht. Wenn dieser Kommentar in Frankreich nicht doch noch einen Umschwung herbeiführt, der die Meinungsforscher als blamiert dastehen lässt, dann sollte "Die Presse" ernsthaft an ihrem internationalen Renommee zu arbeiten beginnen. Schon der Titel machte es klar: "Sarkozy ist unerträglich und trotzdem die bessere Wahl."

Das Kunststück, einem Kandidaten Unerträglichkeit zu bestätigen, ihn aber dennoch als "die bessere Wahl" zu empfehlen, muss in langen Jahren gelernt werden. Es geht so: "Die Wahl am Sonntag ist ein Referendum über Frankreichs Präsident Sarkozy", was, wenn auch irgendwie unvermeidlich, so doch ziemlich unfair ist, weil nämlich "das ist sein Handicap". Warum, das ist leicht erklärt: "Denn es spricht vieles gegen ihn", aber "nur wenig für seinen Herausforderer."

Was sonst nun bedeutet die Wiederkandidatur eines amtierenden Präsidenten als ein Referendum über ihn und seine Leistungen. In der Mehrzahl der Fälle gerät dem Amtsinhaber das sogar zum Vorteil, zum "Handicap" wird es nur im Fall von Unerträglichkeit. Diese Unannehmlichkeit zu vermeiden wäre möglich durch Verzicht auf eine erneute Kandidatur, aber das zu raten, wäre der "Presse" schon deshalb nicht eingefallen, weil er eben "trotzdem die bessere Wahl" ist.

Das will natürlich gut begründet sein. Kein Problem. "Sarkozy hat schon 2007 erkannt, dass Frankreich einen "Bruch", eine Entfesselung der Marktkräfte braucht, um nicht ins Hintertreffen zu gelangen." Hat ja auch funktioniert: "Die Bilanz seiner fünfjährigen Amtszeit ist mager, doch besser als ihr Ruf." Wenn die Franzosen jetzt nur auf "Die Presse" und nicht auf den "Ruf" hören! Die Gefahr, es könnte Letzteres sein, besteht. "Sarkozys Narzissmus, seine Bling-Bling-Attitüden und seine hohle Prinzipienlosigkeit sind schwer auszuhalten. Die ausländerfeindliche Pose, mit der er im Wahlkampffinish im rechtsextremen Lager der Frustrierten punkten wollte, war einfach nur widerlich."

Ja zum Teufel, ist denn an dem Mann überhaupt nichts Gutes dran? "Die pfauenhaften Auftritte des großmäuligen und flatterhaften Parvenus an der Spitze ihres Staates sind für viele nicht mehr zu ertragen", bestätigt "Die Presse" den Franzosen, um ihnen "nach fünf Jahren einer nervtötenden öffentlichen Intensivbeziehung mit einem Hyperaktiven" eben diesen zur Wiederwahl zu empfehlen. Die "akute Sarkophobie", von der das Land "befallen ist", schlägt bei der "Presse" in politische Schizophrenie um, die in dem Bekenntnis Linderung sucht, "er verdrängt, anders als sein Konkurrent, zumindest die wirtschaftliche Realität seines Landes nicht." Trotz magerer Bilanz. Schon jetzt darf man sich auf die Wahlempfehlung der "Presse" freuen, wenn hier gewählt wird. (Günter Traxler, DER STANDARD, 5./6.5.2012)

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