"Keine Vorurteile gegenüber Nur-Hausfrauen"

Interview5. Mai 2012, 14:58
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Seit einem Jahr ist Barbara Schwarz Soziallandesrätin in Niederösterreich - Die VP-Politikerin über "Mutter-bleib-beim-Kind-Mentalität"

STANDARD: Niederösterreich war einst mit Einführung des vormittags kostenlosen Kindergartens ab 2,5 Jahren Vorreiter. Die Arbeiterkammer hat in einer Studie viel an der aktuellen Kinderbetreuungslage kritisiert, etwa die Öffnungszeiten. Hinkt man nun hinterher?

Schwarz: Wir befragen halbjährlich die Eltern, wer über den Vormittag hinaus Betreuung braucht. Bei mehr als drei Kindern bleibt aufgesperrt. Die AK hat das gleiche Kriterium mehrfach bewertet: Sie hat gefragt, gibt es mindestens acht Stunden im Kindergarten, hat er am Nachmittag offen und gibt es ein Mittagessen? Wenn ich nachmittags nicht offen habe, habe ich logischerweise dreimal Nein. Das hat zu kurz gegriffen.

STANDARD:  Vielleicht erzeugt erst längeres Offenhalten Nachfrage?

Schwarz: Bei den Kindergärten gibt es dieses Angebot bereits. Es kommen aber vermehrt Anfragen, in denen es heißt, wir brauchen was für die Unter-2,5-Jährigen. Der Bereich ist noch nicht so weit aufgestellt, wie wir uns wünschen.

STANDARD:  Wie soll die Betreuung der Jüngsten künftig aussehen?

Schwarz: Eine sehr gute Form sind die Tagesmütter, vor allem am Land. Wir denken aber auch über eine institutionelle Betreuung nach. Dazu werde ich im Herbst eine Expertenrunde einberufen.

STANDARD: Wie viel darf's kosten?

Schwarz: Das ist noch zu klären. Wir unterstützen schon jetzt Eltern, die Tagesmütter in Anspruch nehmen. Klar ist: Die Mittel sind nicht unbeschränkt.

STANDARD: Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) will den Anspruch auf Elternteilzeit von sieben auf vier Jahre verringern.

Schwarz: Sie geht davon aus, wenn es das Angebot gibt, wird es wahrgenommen und dann unterliegen Frauen einem Druck. Für mich ist Wahlfreiheit wichtig - aber auch, dass man junge Frauen darüber aufklärt, was es bedeutet, lange in Teilzeit oder zu Hause zu sein.

STANDARD:  Heinisch-Hosek hat im Standard-Interview auch von einer "Mutter-bleib-beim-Kind-Mentalität" der ÖVP gesprochen. Nehmen Sie auch eine solche wahr?

Schwarz: Eine gute Mutter verbringt mit ihrem Kind gute Zeiten. Das ist nicht davon abhängig, wie lang sie sind. Ich finde mich nicht im Kreise derer, die vielleicht kritisiert werden. Wir tun viel für alle Familien. Für mich gibt es weder Rabenmütter, weil sie berufstätig sind, noch Vorurteile gegenüber Nur-Hausfrauen.

STANDARD:  Sie haben diese Woche über Ihr erstes Jahr als Landesrätin Bilanz gezogen und haben dabei das ab Herbst in Niederösterreich startende Kindergartenportfolio hervorgehoben. Dabei werden pro Kind zwei Mappen angelegt. Was soll daran so toll sein?

Schwarz: Die Kinder haben durch Anlegen ihrer persönlichen Mappe die Möglichkeit, Selbstkompetenz zu entwickeln. Wo wir damit schon gearbeitet haben, sehen wir, dass Kinder besonders ihre Stärken entdeckten. Wir haben dann auch das Übergangsportfolio, wo auch Pädagogen und Eltern über das Kind reflektieren. Das kann beim Erstgespräch in eine Schule mitgebracht werden.

STANDARD: Braucht es also eine Kommunikationshilfe für Eltern und Pädagogen?

Schwarz: Es wird schon jetzt viel kommuniziert, mit diesem Instrument wird nun auch festgehalten, dass es verbindlich Gespräche geben muss. Wir wollen so vor allem Eltern erreichen, die nicht so einen Zugang zu frühkindlicher Pädagogik haben.

STANDARD: Zur Sprachförderung: In Niederösterreich kommen auf 8000 Kindergartenkinder 80 interkulturelle Mitarbeiter. Reicht das?

Schwarz: Wir bilden laufend neue aus, es reicht noch nicht ganz, aber es ist ein guter Schritt.

STANDARD: Ist ein verpflichtendes Kindergartenjahr genug?

Schwarz: Wir haben weit über 90 Prozent der Kinder im Kindergarten. Jene mit Migrationshintergrund sind in der Regel schon sehr früh dabei.

STANDARD: Niederösterreich baut seine Pflegeplätze aus. Gibt es dafür überhaupt genug Personal?

Schwarz: Wir haben in Nieder österreich noch kein Problem bei Fachkräften und auch keines mit dem Angebot stationärer Pflege. 16.000 Haushalte werden mit mobilen Diensten von Hilfswerk, Volkshilfe oder Caritas betreut.

STANDARD: In den nächsten Jahren gehen in Österreich tausende Pflegekräfte in Pension. Kommt dann der Mangel?

Schwarz: Wir machen Ausbildungen, schauen uns genau den Personalmix dahingehend an, was wirklich von einer di plomierten Kraft gemacht werden muss, und versuchen, vielen den Pflegeberuf schmackhaft zu machen. Durch den Zivildienst finden auch mehr Männer in den Beruf.

STANDARD: Die Pflege Angehöriger übernehmen aber großteils Frauen.

Schwarz: Wir machen gerade eine Studie zu pflegenden Angehörigen, um herauszufinden, wer sie sind. Männer pflegen überwiegend erst in Pension. Der Berufsverzicht ist aber wieder Frauensache, das muss man ändern. (Gudrun Springer, DER STANDARD, 5./6.5.2012)

 

 

 

BARBARA SCHWARZ (52) folgte Johanna Mikl-Leitner als Niederösterreichs Soziallandesrätin nach. 2004 bis 2011 war sie Bürgermeisterin von Dürnstein.

  • Barbara Schwarz (VP) sagt nach dem ersten Jahr als Soziallandesrätin, in
 dem der Ausbau der Pflegeplätze in Niederösterreich beschlossen wurde, 
es gebe "noch kein Problem mit Fachkräften".
    foto: der standard/hendrich

    Barbara Schwarz (VP) sagt nach dem ersten Jahr als Soziallandesrätin, in dem der Ausbau der Pflegeplätze in Niederösterreich beschlossen wurde, es gebe "noch kein Problem mit Fachkräften".

  • "Eine gute Mutter verbringt mit ihrem Kind gute Zeiten. Das ist nicht davon abhängig, wie lang sie sind."
    foto: der standard/hendrich

    "Eine gute Mutter verbringt mit ihrem Kind gute Zeiten. Das ist nicht davon abhängig, wie lang sie sind."

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