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Sekunden später donnert Tobias Meyer den Gavel aufs Pult und besiegelt bei rd. 120 Mio. Dollar (inkl. Aufgeld) den bislang höchsten Zuschlag in der Geschichte des Kunstmarktes.
vergrößern 700x301Ohne Zweifel käme Tobias Meyer niemals auf die Idee, im Casual Look Richtung Auktionspult zu marschieren, wiewohl es in der Branche keinen offiziellen Dresscode gibt. Für den Abend des 3. Mai entschied sich der gebürtige Deutsche mit Wiener Background jedoch für einen Smoking, vermutlich von seinem bevorzugten Designer Tom Ford, maß geschneidert jedenfalls. Wer den Auktionator von Sotheby's kennt, weiß, dass der nichts, genau gar nichts dem Zufall überlässt.
Sogar Sitzpläne potenzieller Bieter studiert und koordiniert er akribisch und wird insofern wohl mehr als eine Ahnung zum Verlauf der Auktion Impressionist & Modern Art gehabt haben. Unter dem Motto "Das perfekte Kampfoutfit für ein historisches Ereignis" entschied sich Meyer also für die festliche Black-Tie-Justierung. Eine modische Verbeugung vor einer Ikone der Kunstgeschichte, Edvard Munchs Der Schrei, eine von vier Fassungen und die letzte noch in Privatbesitz befindliche.
Ein Schrei der Erleichterung
Mit 40 Millionen, also knapp über dem vorläufigen Künstler rekord (Sotheby's New York 2008: Vampire (1894), 38,16 Mio. Dollar), eröffnete der Auktionator die Gebote und dirigierte anfänglich acht Interessenten. Bei 99 Millionen Dollar waren es nur noch zwei übers Telefon zugeschaltete Bieter. Die nachfolgende Pause quittierte Meyer mit einem smarten Sager, wonach er definitiv alle Zeit der Welt habe. Wer die vom Publikum mit Applaus quittierten 100 Millionen bot, ist nicht bekannt, auch der siegreiche Käufer, der inklusive Aufgeld 119,92 Millionen Dollar bewilligte, begehrt, anonym zu bleiben. Gerüchte, wonach es sich dabei um den Emir von Katar handeln soll, bekamen über Meldungen der Deutschen Nachrichtenagentur Nahrung. Ein Geschäftsmann aus Istanbul will in ihm den neuen Besitzer wissen. Na denn. Kann sein, oder auch nicht. Bislang wurden Katar-Ankäufe weder von der Herrscherfamilie noch von dem seit Juni 2011 für Akquisitionen zuständigen Edward Dolman, Ex-Christie's-CEO, kommentiert.
Aber wer seit Monaten zu einem 250-Millionen-Dollar-Deal (Cézanne, Kartenspieler) im Gerede ist, muss sich um solche Zuordnungen weder bemühen noch kümmern. Wer weiß, womöglich fand anno 2006 dort ja auch Gustav Klimts an die Erben nach Bloch-Bauer restituierte "bunte" Adele (Christie's: 87,93 Mio. Dollar) eine neue Heimat? Die Diskretion der Branche ist immer auch ein perfekter Nährboden für Schwätzereien, deshalb bleibt alles möglich, aber nichts ist gewiss.
Gesichert ist, dass Edvard Munchs Der Schrei innerhalb von zwölf Minuten die bisherigen Rekordhalter blass aussehen ließ, sowohl Pablo Picassos Aktgemälde (2010 Christie's New York, 106,48 Mio.) als auch Alberto Giacomettis Bronze des Schreitenden (2010 Sotheby's London, 104,32 Mio.), und damit vorläufig als das teuerste jemals bei einer Auktion versteigerte Kunstwerk gilt (siehe Tabelle). Gesichert ist auch, dass diese Woche viele Kunstwerke zu teils erstaunlichen Beträgen den Besitzer wechselten, andere ob zu hoher Erwartungen respektive überzogener Schätzwerte mit Ignoranz bestraft wurden.
Ja, Christie's hatte am Abend davor für 28 Zuschläge einen Umsatz von 117,08 Millionen eingestreift, ganz ohne Rekorde übrigens, dazu 33,65 Millionen aus den Day Sales. Und ja, auch bei Sotheby's war das neue Rekordbild nur eines von 61 Werken, für die man am Ende der Sitzung ein Total von 330,56 Millionen Dollar notierte. Anderntags stockten weitere 42,72 Millionen zum unternehmensinternen Spartenhöchstwert der Frühjahrssaison auf (Total 373,29 Mio.). Nur, in aller Munde bleibt vorerst dennoch Edvard Munch, dessen Meisterwerk nun auch den Schrei der Erleichterung einer Branche symbolisiert, die angesichts notorischer Krisenprognosen punkto Weltwirtschaft hinter den Kulissen doch deutlich nervöser ist, als sie offiziell jemals eingestehen würde. (Olga Kronsteine, DER STANDARD, 5./6.5.2012)
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