Wo Rechte nicht einmal theoretisch gelten

5. Mai 2012, 14:53
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Konzerne lassen in freien Produktionszonen zu Dumping­löhnen arbeiten, versprechen tausende Jobs, untergraben aber soziale Standards

San Salvador / Wien - Mit Stacheldraht umwickelte Mauern ziehen sich hunderte Meter entlang der Straße. Durch streng bewachte Tore strömen unablässig Frauen. Dahinter gesichtslose Hallen. Es sind die Maquilas von El Salvador - riesige Montagewerke auf freien Produktionszonen. Kostenlose Infrastruktur zog Unternehmen aus aller Welt in das von Armut und Gewalt geprägte karge Hinterland der Hauptstadt San Salvador.

Keine Steuern und Zölle

Steuern und Zölle fallen keine an, lediglich Zuwendungen an die Regierung, wissen Ansässige. Umweltauflagen und Gewerkschaften fehlen. Die erzeugten Textilien gehen gänzlich in den Export, ebenso die Gewinne. Im Gegenzug gibt es tausende Jobs. Es sind vor allem junge Familien, die hier für Weltmarken fertigen - zu Billiglöhnen, die fürs Überleben kaum reichen. Die Fabrikszonen "sind Inseln, auf denen Rechte nicht einmal theoretisch gelten", sagt Diego Santos, Referent der Entwicklungsorganisation Horizont 3000 für Zentralamerika. Doch für viele sei es die einzige verfügbare Arbeit. Und die Wahrscheinlichkeit, in den Fabriken mit ihren meist nordamerikanischen und asiatischen Eigentümern vergewaltigt zu werden, sei geringer als bei der Feldarbeit, erzählen Arbeiterinnen.

Ana Maria Hernández hat ihre Arbeit in den Maquilas verloren. Sie nähte im benachbarten Honduras für den Betrieb Alamode, der unter anderem Schutzbekleidung für den Export in die USA und nach Europa produziert. Sie hatte versucht, eine Gewerkschaft zu gründen. Auf Einladung der Non-Profit-Agentur Südwind kam sie nach Österreich. "Ich war gezwungen, mich zu wehren", sagt sie im Standard-Gespräch.

Hohe Anforderungen für wenig Geld

Hernández berichtet von verbalen und körperlichen Attacken bei der Arbeit, von zu hohen Zielsetzungen, erzwungenen spontanen Nachtschichten und nur leidlich abgegoltenen Überstunden. Weniger als 200 Dollar verdiente sie im Monat, 400 brauche es, um die nötigsten Bedürfnisse einer Familie zu decken. Beiträge für die Sozialversicherung zog ihr Arbeitgeber ab, zahlte sie aber nie ein. Bei jährlichen Kontrollen und Interviews internationaler Institutionen seien die Chefs im Nacken gesessen, "nach der Visite wurde selbst das WC-Papier wieder eingezogen".

50 Euro kostet ein in Honduras produzierter Blaumann, 50 Cent mache der Lohn der Näherin aus, rechnen Südwind-Experten vor: Bei der Anschaffung gehe es vielfach um öffentliche Gelder, gerade hier gehörten soziale Kriterien hinterfragt. "Auch 50 Cent mehr multiplizieren bei großen Mengen die Kosten der Hersteller und drücken die Erträge", meint Franz Pitnik, Chef des Verbands der österreichischen Textilindustrie. Für Österreichs Bekleidungserzeuger seien Lateinamerika und Asien jedoch kein Thema: Sie kauften für den Fachhandel in Osteuropa ein. (Verena Kainrath, DER STANDARD; 5./6.5.2012)

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    Jobs in den Maquilas von Honduras, für viele die einzige Alternative zur Saisonarbeit auf den Plantagen.

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