"Offenbar müssen alle Mädchen rosa Kleider tragen"

Interview
4. Mai 2012, 17:31
  • Ein Kind unter anderen, ein Mädchen, das sich auf ein Rollenspiel einlässt: Zoé Héran (li.) beeindruckt als "Tomboy" in Céline Sciammas aktuellem Spielfilm.
    foto: thimfilm

    Ein Kind unter anderen, ein Mädchen, das sich auf ein Rollenspiel einlässt: Zoé Héran (li.) beeindruckt als "Tomboy" in Céline Sciammas aktuellem Spielfilm.

  • Céline Sciamma (31) studierte Drehbuch an der Pariser Filmschule La 
Femis. Ihr Debüt "Water Lilies" (2007) lief beim Filmfestival in Cannes.
 " Tomboy" ist ihr zweiter abendfüllender Spielfilm.
    foto: robert newald

    Céline Sciamma (31) studierte Drehbuch an der Pariser Filmschule La Femis. Ihr Debüt "Water Lilies" (2007) lief beim Filmfestival in Cannes. " Tomboy" ist ihr zweiter abendfüllender Spielfilm.

Die Französin Céline Sciamma entwirft in ihrem preisgekrönten Film "Tomboy" das Rollenspiel eines Mädchens, das sich als Bub ausgibt - Die Regisseurin im Gespräch

Wien - Die zehnjährige Laure ist ein Mädchen, das gerne jungenhafte Dinge tut: Fußballspielen, im Gras herumtollen, ihrem Vater beim Autofahren beistehen. Mit ihren kurzen Haaren und in Hosen gleicht sie auch optisch mehr dem anderen Geschlecht; und so geschieht es, dass sie eines Tages für einen Jungen gehalten wird und sich Michael nennt. Aus der Verwechslung wird ein Spiel, das sie verlängert und mit dem sie sich an einer anderen Identität erprobt.

Céline Sciammas mehrfach preisgekrönter Film Tomboy registriert das Geschehen aus maßvoller Distanz und erzeugt gerade dadurch das Gefühl großer Intimität. Aus dem Rollenspiel des Mädchens wird kein Coming-of-Age-Film, es geht auch nicht darum, queere Identitätspolitik zu verfolgen. Lieber belässt es Sciamma bei einer inszenatorischen Offenheit, die viele unterschiedliche Anknüpfungspunkte ermöglicht.

STANDARD: Im Mittelpunkt des Films steht ein zehnjähriges Mädchen, das sich als Junge ausgibt. Warum fanden Sie gerade dieses kindliche Alter so interessant?

Sciamma: Es gibt wenige Filme, die so früh ansetzen - das gefiel mir schon einmal. Sich für die Kindheit zu entscheiden, wenn man Identität verhandeln will, hat den Vorteil, dass die Dinge noch nicht so sexualisiert sind. Es geht weniger um Begehren als um Fantasien. Die Kindheit ist doch generell eine Phase im Leben, in der jeder noch versucht, jemand anderer zu sein. Man möchte einen Nachmittag lang ein Doktor sein, dann der Cousin des Nachbarn ...

STANDARD: ... oder ein Tier ...

Sciamma: ... genau - ich dachte, das Publikum könnte mit dieser Idee schnell etwas anfangen. Mir schwebte ein sehr intimer Zugang zu einem universellen Thema vor.

STANDARD: Mir gefiel, dass es keinen Auslöser gibt: Der Beginn des Spiels ist unklar. Warum?

Sciamma: Mir ging es nicht um psychologische Motive, eine These. Ich wollte nicht ergründen, was das Mädchen sucht. Das "wie" interessierte mich viel mehr: Tomboy ist ein Actionfilm. Ich habe eine Geschichte entworfen, in der sich alles um Fakten dreht. Laure spielt den Buben, weil sie für einen solchen gehalten wird. Dieses erste Quidproquo erlaubt es, im Spiel zu bleiben, zuzuschauen, wie sie es angeht.

STANDARD: Die Eltern sind spezifisch angelegt: Zum Vater fühlt sich das Mädchen hingezogen, aber er ist wenig da; die Mutter ist schwanger, etwas, das Kinder oft als Bedrohung wahrnehmen.

Sciamma: Ich hatte eigentlich wenig über Elternschaft zu sagen und wollte vermeiden, dass sie die Situation für sich einnehmen. Sie bleiben außerhalb dieses Spiels, einmal abgesehen vom Ende. Die Momente, die Laure mit ihrem Vater verbringt, sind wie Luftblasen; ich wollte eine Zärtlichkeit zeigen, die sich selbst genügt. Die Schwangerschaft schafft dagegen eine Gelegenheit für das Mädchen, sich zu absentieren. Es wird für sie leichter zu lügen.

STANDARD: Wie wichtig war es für Sie, mit der Konfusion des Betrachters hinsichtlich des Geschlechts der Hauptfigur zu spielen?

Sciamma: Der Film ist auf diesem Spiel mit dem Publikum aufgebaut. Die ersten zehn Minuten ist nicht klar, ob es sich um ein Mädchen oder einen Jungen handelt. Selbst wenn man es weiß, wird man mit anderen Fragen im Unklaren gelassen. Mir gefällt, dass jeder Besucher damit anders umgehen kann. Der Film erzählt ja auch viel über die Kindheit von Jungen. Die müssen den ganzen Druck bezüglich Maskulinität und Geschlecht aushalten.

STANDARD: Am Ende zieht Laure ein blaues Kleid über - das verändert noch einmal die Wahrnehmung. Wo haben Sie das denn gefunden?

Sciamma: Es war eine visuelle Obsession, sie in ein Kleid zu stecken! Im Kleid sieht sie noch mehr nach einem Jungen aus. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie verdammt schwer es war, dieses blaue Teil aufzutreiben - offenbar müssen alle Mädchen rosa oder lila Kleider tragen.

STANDARD: Der Film hat etwas sehr Unbeschwertes. Die Kamera ist erstaunlich ruhig. Wie haben Sie die Szenen mit den Kindern gedreht?

Sciamma: Ich habe wenig Handkamera benutzt, meist nur Travellings. Ich wollte nicht, dass die Kamera autoritär wirkt. Ich wollte die Kinder nicht einschränken mit dem Bild, ihnen aber auch nicht den Raum überlassen. Ich entscheide über den Bildausschnitt. Die Dynamik des Films ist eine, die eher der Schnitt herstellt.

STANDARD: Sie haben aber digital gedreht?

Sciamma: Ja, mit einer kleinen HD-Fotokamera. Sie verfügt über viel Tiefenschärfe, sodass der Unterschied zu 35 mm gar nicht einmal so groß ist. Außerdem haben alle unsere Kindheitserinnerungen mit Fotos zu tun. Ich wollte keinen Film drehen, der Kindheit nostalgisch behandelt, aber eine Idee davon sollte sich in die Form einschleichen.

STANDARD: Wie haben Sie Zoé Héran gefunden? Glück oder lange Suche?

Sciamma: Ich hatte Glück. Andererseits schafft man sein Glück ja selbst. Ich schrieb den Film in drei Wochen, und ich hatte drei Wochen, um ihn fertigzustellen. Ich ging also zu Kinder-Darsteller-Agenturen, wovor ich eigentlich Angst hatte - lauter trainierte kleine Affen, verstehen Sie? Als ich sagte, dass ich nach einem jungenhaften Mädchen suche, verwies man mich an Zoé. Sie war keine kleine Prinzessin - und ich habe sie am ersten Tag meiner Suche kennengelernt. (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD, 5./6.5.2012)

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Gehts hier u.a. auch um den Film?

Die Postings lassen mich diese Frage stellen. Falls ja - seltsame Distanziertheit zum Thema der Betrachtung!?

nettes interview und ein bestimmt interssanter film.

aber:
dass es in Frankreich bzw. Europa schier unmöglich sein soll, ein blaues kleid aufzutreiben, halte ich für eine absurde behauptung:

http://www.google.at/search?tb... k9jUnQX-k4

spannender wäre ein Film über einen Buben,

der für ein Mädchen gehalten wird, und sich dann auch als Mädchen ausgibt, gewesen...;-); ich meine, dass Mädchen Mädchen sein müssen, ist doch so nicht wahr, es gab und gibt genug lebhafte, bubenhafte Mädels...;
aber es ist schon eher so, dass Buben Buben sein müssen...leider geht hier die Genderthematik in die falsche Richtung. Nämlich Mädchen & rosa ist schlecht; Bub & blau ist gut. Mädchen und mädchenhafte Eigenschaften sind aber genauso gut, wie Buben und bubenhafte Eigenschaften.

Wir leben halt dank dem Kapitalismus in einer eher "männlichen" Welt. Kämpfen und Erobern ist gut, Empathie und Geduld weniger wichtig ...

"Der Film erzählt ja auch viel über die Kindheit von Jungen. Die müssen den ganzen Druck bezüglich Maskulinität und Geschlecht aushalten"

180°

Bis zum 2.WK waren rosa und rot (Purpur) die Farben der Könige und Prinzen, also die der Männer.
Die Farbe blau war eher den Frauen "zugewiesen".
(Heilige Jungfrau mit blauem Umhang, usw.)

Heute haben wir das genaue Gegenteil.

Aber welche Farbe es nun ist, das ist doch eigentlich egal. Es geht um die strenge Trennung - das eine für Mädchen, das andere für Buben. Da spiegelt sich in den Farben nur die gesellschaftliche Trennung wider, die durch ihre Kodifizierung noch verstärkt wird: Also auch wenn ein Bub gerne mit der Puppenküche spielen will, dann doch nicht mit der rosanen... Und dahinter steht der Markt der alles doppelt verkaufen will. Da soll noch jemand sagen, Kapitalismus wäre harmlos. Stimmt nicht, Kapitalismus nützt unsere Schwächen aus verstärkt sie noch! Siehe auch Kosmetikindustrie... Aber jetzt komme ich langsam wirklich vom Thema ab.

das Skurille an dieser "rosa/blau - Problematik" ist ja eigentlich, dass rot über Jahrhunderte hinweg die Farbe der Männer war (stand für Blut, Kampf, Leidenschaft etc etc) rosa war demnach das "kleine Rot" und für Knaben bestimmt. Blau war die Farbe der Frau, da Maria (die Gottesmutter) immer in blau dargestellt wurde. In den 20er Jahren wurden dann die blauen Matrosenanzüge für die Jungs modern und die Mädchen brauchten auf einmal rosa Kleidchen...

wer mit kindern verschiedenen alters arbeitet, weiß, wie diese sozialisation in ein geschlecht abläuft:
wenn ein kleiner bub rosa gut findet, trifft er immer wieder auf entweder andere kinder, die diese phase schon durchlaufen haben, auf bilder-vermittlung in medien oder das elternhaus, die/das auf seine rosa-affinität seltsam reagieren. diese reaktion, kommt sie öfter vor, veranlasst dazu, mehr und mehr auf rosa zu verzichten...
reine blödheit oder herrschaftskonformität, je nachdem, was die argumentation betonen will.

Franck Ribery trägt rosa Fußballschuhe - ein echter Nonkonformist also. Und das auf dem Fußballplatz!

als ob rosa/blau etwas damit zu tun hat welchem höschen man später hinterherläuft...das ist nur eine FARBE sonst nichts

schon mein posting beschreibt, dass es nicht nur eine farbe ist, deshalb geh ich hier auch nicht weiter auf ihre unzulängliche feststellung ein.

ja ihr posting beschreibt etwas, aber nicht was sie glauben, na und dann wird man eben als kind bereits zur konformität gedrillt, wo ist aber der zusammenhang zu homo/heterosexuell? ich dachte man kann sich nicht aussuchen ob man homo/heterosexuell ist? wenn das stimmt: dann kann man es aber auch nicht ändern nur weil man eine Farbe verbietet. Wollen sie also ernsthaft sagen: Homo und Heterosexuell entscheidet sich an Farben in der Kindheit? DAS ist eine ewiggestrige (und falsche) Einstellung....

aus dem posting lese ich nur, dass der umghang mit der farbe geschlechtsabhäöngig gehandelt wird. rosa für mädchen und die industrie fährt ab drauf, blau für burschen und ditto... ist zwar mühsam, weil die welt mehr fraben hat, aber was solls

wirklich mühsam wirds, wenn die it marketing farbdesigner meinen sie müssen für frauen alles in rosa fabeln und dürfen dabei bei der technik sparen,.....

homosexualität ist ebenso wenig angeboren wie heterosexualität, wieso sie das dachten, was sie dachten, weiß ich nicht.

wieso sollte das nicht angeboren sein?

Sie haben sich also für Ihre sexuelle Orientierung bewusst entschieden?

also kann man jemanden zur homosexualität erziehen ;) ja? ok das heißt...man kann auch jemanden wieder zur heterosexualität erziehen? ihre eigene Argumentation....

homosexualität ist vorgeburtlich erworben.

Verkehrte Welt

Vor dem 2. WK war rosa und rot die Farbe der Könige, Prinzen usw.
Mädchen waren in blau gehüllt. (zB. die Mutter Gottes mit blauem Umhang)

Jetzt hamma das genaue Gegenteil

Solange es (männliche) Idioten gibt die auf Blondinen in Rosa reagieren wie der Ex-IWF Direktor auf Zimmermädchen...

...solange werden sich Frauen derart unmöglich kleiden.

Das New Yorker Zimmermädchen war weder blond

noch trug es rosa Kleidung...
Und warum sollen blonde Frauen eigentlich kein Rosa tragen dürfen?

also immer

Es ist weder peinlich noch politisch unkorrekt

wenn Mädchen egal welches Alters blau tragen. Peinlich wird es immer erst dann wenn Buben in rosa auftauchen...

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