Das Schießpulver der Seele

4. Mai 2012, 17:21
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Am 6. Mai jährt sich zum 150. Mal der Todestag des US-amerikanischen Schriftstellers Henry David Thoreau: eines Pioniers der Ökologiebewegung

Wien - Der amerikanische Literaturnobelpreisträger Sinclair Lewis hielt ihn für "einen der drei oder vier wirklichen Klassiker der amerikanischen Literatur" und sah in ihm, wie später auch Henry Miller, eine "Ein-Mann-Revolution". Anderen gilt Henry David Thoreau wahlweise als "individueller Sozialist", als Drückeberger, Aussteiger, Neinsager oder als Vorreiter der Ökologiebewegung.

Thoreaus Förderer Ralph Waldo Emerson, der ihn mit seiner Schule des Transzendentalismus (Recht des Einzelnen zur freien, von keiner gesellschaftlichen Konvention eingeschränkten Entscheidung und Natur als Norm) nachhaltig beeinflusste, prophezeite 1862 in seinem Nachruf: " Unser Land ahnt noch nicht oder auch nur annähernd, welch großen Sohn es verlor."

Emerson sollte, was die Wirkungsgeschichte von Thoreaus Werk betrifft, recht behalten - auch wenn dieser mit wenigen Ausnahmen kaum über seine Geburtsstadt Concord hinauskam. Die Bücher dieses Pioniers, der zu Hause blieb, um geistiges Neuland zu erschließen, beeinflussten so unterschiedliche Persönlichkeiten wie Gandhi, Tolstoi, W. B. Yates und Martin Luther King. Thoreaus Essaybände Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat (1849) und Walden oder Leben in den Wäldern (1854) wurden in der Résistance ebenso gelesen wie von Vietnamgegnern oder Steuerverweigerern der 1980er-Jahre.

Seine Aktualität ist bis heute ungebrochen. Zu tun hat sie - auch - mit seinem Widerstand gegen die Ausrichtung der Gesellschaft nach materialistischen Grundsätzen, die dem Wachstum alle anderen Werte unterordnet. Geboren 1817, hatte er sich aus Protest gegen den Eroberungskrieg gegen Mexiko und wegen der Haltung der Vereinigten Staaten zur Sklaverei geweigert, Kopfsteuer zu zahlen - und kam ins Gefängnis. Im Ungehorsamkeits-Buch, das er dort in einer Nacht schrieb, rief er zum passiven Widerstand gegen die Staatsgewalt auf, stellte das Gewissen des Individuums gegen den Mehrheitsbeschluss und das Rechtsgefühl des Einzelnen gegen das Gesetz. In Walden ruft er ähnliche Fragen auf: Wo ist das Leben? Wie erlange ich wirkliche Freiheit? Wie entgeht man der Knechtschaft durch Zins und Schuldendienst?

Nachdem Thoreau in Harvard Sprachen, Mathematik und Botanik studiert hatte, begab er sich zunächst in den Schuldienst, schied allerdings aus, weil er sich weigerte, von der "unerlässlichen Züchtigung" der Zöglinge Gebrauch zu machen. Nach dem Tod seines Bruders John, mit dem er eine Privatschule führte, arbeitete Thoreau in der väterlichen Bleistiftfabrik, die er durch die Entwicklung einer verbesserten Graphitmine zum amerikanischen Marktführer machte. In diese Zeit datiert auch die Bekanntschaft mit Emerson. Nach ersten Veröffentlichungen in dessen Zeitschrift The Dial beschloss er, Schriftsteller zu werden. Am Unabhängigskeitstag des Jahres 1845 bezog er deshalb für zwei Jahre, die er in Walden schildert, eine selbstgezimmerte Hütte in der Einsamkeit des Waldensees bei Concord. Neben stupenden Naturschilderungen, die seinen Ruf als großer Stilist begründeten, beschäftigten ihn vor allem Fragen der Ökonomie: "Einfachheit, Einfachheit, Einfachheit!" lautete sein Schlachtruf. Man müsse das Leben vereinfachen, um ihm eine würdigere Zielsetzung zu geben. Der Gier sei Geist, also das " Schießpulver der Seele", entgegenzusetzen.

Sein Walden-Experiment brach Thoreau nach zwei Jahren ab. Den Rest seines Lebens schrieb er weiter an seinem Tagebuch, publizierte, hielt Vorträge und verdiente Geld als Landvermesser. Den Ausbruch des amerikanischen Bürgerkriegs 1861 erlebte er gerade noch mit. Er werde, so der tuberkulosekranke Autor, nicht wieder genesen, "dieses Land macht mich krank".

Walden liegt in verschiedenen deutschen Übersetzungen etwa bei Diogenes und Menasse vor. Ebenfalls bei Diogenes erschien ein von Helmut Qualtinger gesprochenes Hörbuch und eine zweisprachige Ausgabe von "Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat". (Stefan Gmünder, DER STANDARD, 5./6.5.2012)

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    "Einfachheit" lautete sein Schlachtruf: Henry David Thoreau zog sich zwei Jahre in eine einsame Hütte zurück.

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