Warum ein flexiblerer Renminbi wichtig ist

Kolumne4. Mai 2012, 17:47
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Der Zusammenhang zwischen Wechselkurs und Chinas Preisvorteilen auf den Weltmärkten wird maßlos übertrieben

Eine der bemerkenswertesten makroökonomischen Entwicklungen der letzten Jahre war der drastische Rückgang des chinesischen Leistungsbilanzüberschusses. Im Vergleich zum Spitzenwert von 10,1 Prozent des BIPs im Jahr 2007, prognostiziert der Internationale Währungsfonds für 2012 ein Wachstum von nur 2,3 Prozent. Zurückzuführen ist dies größtenteils auf den sinkenden chinesischen Handelsbilanzüberschuss - also der wertmäßig höheren chinesischen Exporte gegenüber seinen Importen.

Dieser Rückgang kommt für viele Experten überraschend, denn sie betrachten Chinas anhaltende massive Handelsbilanzüberschüsse als Beweis dafür, dass staatliche Intervention den Renminbi weit unter seinem freien "Gleichgewichtswert" hält. Stellt der dramatische Rückgang des chinesischen Überschusses diese landläufige Meinung nun infrage? Die kurze Antwort darauf lautet: nein. Die Wirtschaft Chinas leidet noch immer unter massiven Ungleichgewichten, und der Übergang zu einem flexibleren Wechselkursregime würde als Sicherheitsventil und Stoßdämpfer dienen.

Dennoch steht der Wechselkurs als Blitzableiter für die Besorgnis über Chinas wachsendes Engagement in der Weltwirtschaft zu sehr im Mittelpunkt. Der Zusammenhang zwischen Wechselkurs und Chinas Preisvorteilen auf den Weltmärkten wird maßlos übertrieben.

Vielmehr gilt die größte Sorge der chronischen übermäßigen Abhängigkeit Chinas von Investitionen als Wachstumsmotor. Investitionen machen fast die Hälfte des BIPs aus, wobei dieser Wert doppelt so hoch ist wie im weltweiten Durchschnitt. Zugleich liegt der private Konsum unter 40 Prozent des BIPs, normal wären 60 Prozent.

In dem dramatischen Rückgang des chinesischen Leistungsbilanzüberschusses spiegeln sich vier Hauptfaktoren wider. Erstens sind die Kosten für Rohstoffimporte drastisch angestiegen. Ein zweiter Faktor ist das langsame Wachstum in den Industrieländern. Drittens ist der um Inflationsunterschiede bereinigte Wechselkurs in den letzten paar Jahren seit 2008 um 14 Prozent angestiegen. Und schließlich verlegte sich China als Reaktion auf die Finanzkrise auf massive Investitionsanreize. Chinas Investitionen sind weit importintensiver als sein Verbrauch, dessen Abwärtstrend weiter anhält. Länder wie Deutschland und die Schweiz sind die großen Profiteure des scheinbar unersättlichen Hunger Chinas nach Hightech-Investitionsgütern.

Längerfristig prognostiziert der IWF, dass der chinesische Leistungsbilanzüberschuss in den globalen Ungleichgewichten wieder das gleiche Ausmaß annehmen wird wie vor ein paar Jahren (etwa 0,5 Prozent des weltweiten BIP).

Das alles unterstreicht die Tatsache, dass es zwischen Wechselkurs und Leistungsbilanz keine gleichförmige Beziehung gibt. Druck aus dem Bereich der Kapitalflüsse beispielsweise kann, unabhängig vom Handel, seinerseits wieder starken Druck auf die Wechselkurse ausüben.

China verfügt über starke Kapitalkontrollen, aber sie sind weit von Undurchlässigkeit entfernt. Angesichts der Aussicht auf bescheidene Renditen in den Industrieländern ist China zwangsläufig zu einem attraktiveren Ziel für Investitionen geworden.

Der wahre Beweggrund für China, sich einem flexibleren Wechselkursregime zuzuwenden, ist, dass dieser bei jeder Art von Krise - ob wirtschaftlich, politisch oder anders motiviert - als ein wichtiger Stabilisator fungieren kann. Selbst im Falle einer Aufwertung des Renminbi in naher Zukunft wären die Auswirkungen auf den Handel wahrscheinlich viel weniger gravierend als es sich die US-Behörden wünschen und die chinesischen Behörden fürchten. Studien über Wechselkursüberwälzung deuten darauf hin, dass die Verbraucher in den USA nur einen Bruchteil der geänderten Kosten spüren würden. (Kenneth Rogoff, DER STANDARD; 5./6.5.2012)

Autor

Kenneth Rogoff ist Professor für Ökonomie und Public Policy an der Universität Harvard und ehemaliger Chefökonom des Internationalen Währungsfonds. ©Project Syndicate, 2007. Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier.

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