Ein aufgetauter General beginnt zu zappeln

4. Mai 2012, 17:34
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René Polleschs "Schmeiß dein Ego weg" sucht in St. Pölten nach der Seele

St. Pölten - Es sind philosophische wie lebenspraktische Dauerbrenner, denen sich René Polleschs Schmeiß dein Ego weg widmet: Leib, Seele, Innen, Außen und die Frage, wo eigentlich was ist. Das Stück war in der Regie des Autors (Premiere 2011 an der Berliner Volksbühne) als Gastspiel nun am Landestheater zu sehen.

Dreh- und Angelpunkt in Polleschs Text ist die unsichtbare "vierte Wand" zwischen Bühne und Zuschauerraum. In einer fernen Zukunft ist sie nun manifest geworden. Anhand ihrer wird Innen und Außen ebenso verhandelt wie Sinn und Möglichkeit des Schauspiels. Bert Neumann, Polleschs Bühnenbildner des Vertrauens, hat diese Holzwand in der Mitte der St. Pöltener Bühne aufgestellt. Dahinter ein Biedermeier-Salon, über dessen Kamin ein Bullauge sich tummelnde Fische zeigt. Hier scheinen Martin Wuttke und Christine Groß einen Historienfilm zu drehen. Wuttke, in blauer Galauniform mit goldgelben Epauletten, ist ein General, der 200 Jahre eingefroren war.

Sie brechen Stücke aus der vierten Wand, teils sieht man den Salon vor sich, teils nur auf einer Videoprojektion. Margit Carstensen erscheint samt einem spacigen Chor in weißen Ganzkörperanzügen und Stirnlampen. Statt zu drehen, wird über die vierte Wand sinniert. Über die "dummen Werte". Und immer wieder - "Liebling!" - über die Liebe. Martin Wuttke hadert als Rampensau mit all dem "Drecks-Inneren". Er stottert und haspelt völlig außer Atem seine Überlegungen hinaus, das Gesicht vor Abscheu verzogen oder einfach am Ende: "Oh Ma-ann!" Er springt herum wie ein Derwisch, was die wunderbar lakonisch-lebensmüde Margit Carstensen nur Verachtung kostet: "Sie zappeln schon wieder herum."

Christine Groß brilliert in Nachahmung einer schlechten Telenovela-Darstellerin, mimisch wie emotional immer eine Spur daneben, immer zugleich übertrieben und teilnahmslos. Das mit der Seele können die drei in sechzig Minuten nicht klären. Aber es ist ein unterhaltsames wie intellektuelles Vergnügen, ihnen beim Nachdenken zuzusehen. (Andrea Heinz, DER STANDARD, 5./6.5.2012)

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