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Wien/Berlin - Tagsüber lehrt Jan-Michael Kühn Soziologie an der Technischen Universität Berlin, die Nächte schlägt er sich mit Techno um die Ohren. DJ Fresh Meat lautet sein Pseudonym, wenn er in einschlägigen Clubs der Hauptstadt seine Platten auflegt oder eigene Radioshows über seinen Blog verbreitet. All das ist essenziell für seine Forschung.
Bevor Kühn mit Anfang 30 Doktorand an der TU Berlin wurde, hatte er 2006 bereits sein eigenes Institut gegründet: The Berlin Mitte Institut für Bessere Elektronische Musik. Was als diskursive Blog-Plattform die Szene beleben sollte, wurde über die Jahre zum wissenschaftlichen Forum. Dort verschränkt er seine Arbeit als DJ mit seiner Forschung.
"Die Soziologie der (Berliner) Techno-Szene" heißt nun seine erste Lehrveranstaltung. Rund 30 Studierenden erklärt er dort die Kultur elektronischer Tanzmusik. Genuss, Ästhetik, Distinktion, Vergemeinschaftung und Erwerb sind die klingenden Schlagwörter des Seminars.
In seinem Kurs analysiert Kühn die Charakteristika des Techno von Berlin in kultureller wie auch wirtschaftlicher Hinsicht. Durch eigene Labels, Vertriebe, Netzwerke und Clubs arbeite der Techno in Berlin weitestgehend unabhängig von der traditionellen Musikindustrie.
Gleichzeitig wolle die Szene eine alternative Kultur der Ausgelassenheit sein, um sich so dem leistungsorientierten Mainstream entgegenzustellen. Eine Abgrenzung nach außen ist für den Techno daher wichtig. Sie basiere auf ästhetischen Kriterien, meint Kühn - wer schlechte Musik mache, könne sich in der Szene nicht durchsetzen.
Zaghafte Forschung
Kühn ist einer der wenigen, der einen wissenschaftlichen Blick auf die Techno-Szene wagt. Obwohl das öffentliche Interesse an der Szene seit Jahren stark anwächst, "gibt es wissenschaftlich noch keine gesteigerte Aufmerksamkeit", sagt Kühn.
Ähnlich sieht es in Wien aus. "Kommerziell erfolgreiche Clubs allein sind kein hinreichender Grund, um Geld in die Forschung zu investieren", kommentiert Michael Huber vom Institut für Musiksoziologie der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien die Situation. Trotz wachsender Dichte der Clubszene würden weder die Kulturpolitik noch die Wirtschaft Interesse an einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung zeigen.
Sein Kollege, der Musikwirtschaftsforscher Peter Tschmuck, ist überzeugt, dass der wirtschaftliche Wert der Szene auch ihren wissenschaftlichen hervorkehren wird: "Sobald die Kommerzialisierung voranschreitet, wird sich die Wissenschaft stärker damit beschäftigen." Rosa Reitsamer, Musiksoziologin an der Wiener Musik-Uni, kritisiert hingegen, dass die Ökonomisierung für die elektronischen Musikszenen auch bedeutet, "dass alternative Bereiche in diesen Szenen an den Rand gedrängt werden". Sie verweist auf Szenen neben dem kommerziellen oder männlich dominierten Mainstream.
Techno als Triebfeder
Tschmuck organisiert die "Wiener Tage der Musikwirtschaftsforschung" und bemüht sich damit um interdisziplinäre Aufmerksamkeit. Kühn wird dort über die Berliner Szene referieren. Für Tschmuck ist die elektronische Musik eine Avantgarde der Musikindustrie: "Diese Art von Musik - wie sie gehört, produziert und verbreitet wird -, das ist das Zukunftsmodell." Als Triebfeder präge sie die künftigen Veränderungen im Umgang mit Musik und wäre daher auch zentral für die wissenschaftliche Auseinandersetzung. (Klaus Buchholz, UNISTANDARD, 3.5.2012)
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"Diese Art von Musik - wie sie gehört, produziert und verbreitet wird -, das ist das Zukunftsmodell" - das ist eine seltsame Art von Wissenschaft, wenn Werturteile gefällt werden und Hellseherei betrieben wird. Hoffen wir, dass es anders gemeint war.
Irgendwie finde ich merkwürdig, das Alte Musik hauptsächlich über's Papier beforscht wird (z. B. Regeln der Mehrstimmigkeit etc.), elektronische Musik aber von den Soziologen. Dass analytische Zugänge nur für klassische und außereuropäische Musik Sinn machten, halte ich für einen blinden Fleck der Forschung. Das die "Rolling Stones" oder "Silbermond" in der Harmonielehre anders verfahren als J.S. Bach ist kein Argument für die Musikforschung, nicht analytisch vorzugehen.
die harmonielehre hat ihre gültigkeit für die europäisch-abendländische musik, aber nicht für z.b. afrikanische musik oder asiatische musik.
die stones fußen auf dem blues, schon wenn sie mal schauen wie der richards den septimeakkord greift, werden sie sehen, dass er das anders als ein "klassischer" gitarrist macht, da er sich am jimmy reed orientiert, der als schwrzer bluesmusiker ein anderes "verständnis" hat.
Ja, die Historische Musikwissenschaft nimmt immer nur die Harmonielehre daher. Und was nach der Harmonielehre fad ist, ist dann keine "gute" Musik und man überläßt sie den Soziologen.
Jazz-Forschung und Musikethnologie zeigen seit Jahrzehnten, wie man mit Analysen auch zu anderen Ergebnissen kommen kann. U.a. entwickelt sich seit Jahrzehnten der Parameter "Kangfarbe", da elektronisch heute leicht manipulierbar. Forschung an Klangfarben ist allerdings nicht ganz einfach, weil nicht so leicht systematisierbar...
Auch Forschungen zur Mikrorhythmik steht bei Psychologen gerne im Programm, im Labor. Leider wird Musikwissenschaft immer noch von den Papiertigern und Ihrem Bach, Mozart Beethoven dominiert.
Das ist sehr relativ. Ich kenne Menschen in Indien, die in der Lage sind den Anfang eines Brandenburgischen Konzertes Vorzusingen, aber das nicht für der Weisheit letzten Schluß halten. Desgleichen hätte ich noch einige andere Beispiele aus anderen Kontinenten parat wenn Sie möchten. Es bleibt halt immer relativ, sowohl in der Zeit als auch am Ort. Bach war z.B. zu seiner Zeit eher ein Komponist der Komponisten (eine Art Insider-Geheimtipp), Beethoven zu seiner Zeit Avantgarde, inkl. der Tumulte bei Uraufführungen wenn ich das richtig aus der Literatur erinnere. Heute ist Bach weltberühmt, wird auch auf der E-Gitarre bejubelt (Yngwie Malmsteen), und Beethoven wird von den konservativsten Teilen der Gesellschaft im Abonnement goutiert. Etc.
"Das ist sehr relativ" - interessante Frage! Ich zweifle aber stark daran. Die Zutaten sind weltweit gleich und von den physikalischen und biologischen Rahmenbedingungen bestimmt. Mit einem Meisterwerk von Bach kann halt leider kein Raga mithalten und sei er noch so schön. Das muss man auch nicht vor lauter Höflichkeit wegreden.
An den Beispielen wäre ich sehr interessiert!
auch hier: es ist nur subjektiv von einem meisterwerk zu sprechen bzw. wie der poster schreibt, letztendlich ist es sozialisation, sonst gar nichts, was man schätzt und was nicht. und manches was heute verehrt wird, galt früher als schlecht oder gar schund. natürlich helfen musikkenntnisse bzw. das spielen eines instrumentes (ich spiele ein historisches) weiter, i.S. eines erkennens, wie subjektiv doch der eigene standpunkt ist oder das erkennen um großartigkeit "anderer" musik. musik ist ein schatz der gehoben werden will und es gibt unendlich viel zu entdecken.
"es ist nur subjektiv von einem meisterwerk zu sprechen" - der übliche modische Relativismus. Alles ist Geschmackssache und alles ist gleich gut und gleich viel Wert. Nur ist es eben genau nicht so. Selbst sie können erkennen, dass DJ Ötzi "objektiv" schlechter ist als ihr geliebter Miles Davis. Und selbst ungebildete können den Unterschied hören. Wir reden von informierten Urteilen und da lässt sich einiges über den Wert von Werken sagen. Ein beliebiges Gedudel auf einer E-Gitarre von jemanden, der sein Instrument nicht beherrscht, ist niemals gleichwertig mit einer Improvisation eines Profis.
ich wußte nicht, dass DJ Ötzi was mit musik zu tun hat, sorry. da bin ich wohl etwas präpotent ;-).
die wertfrage beinhaltet verschiedene ebenen, eine davon ist das subjektive empfinden beim hören. wenn einem ein schlagertext einer andrea jung etwas persönliches gibt, dann ist das für mich OK. aus theoretischer sicht (kompositorisch, instrumental etc...) kann zwar ein urteil gefällt werden, was aber nicht heißt, wenn ein musikstück aus einem "gefühl" heraus entsteht und nur zwei akkorde hat, dass es nicht ebenso großartig ist.
die europäisch-abendländische auffassung von musik ist viel zu verkrampft und faschistisch, was wohl im mittelalter mit der einteilung in E- und U-Musik seitens der kirche begonnen hat und noch immer anhält.
Das mit dem aus dem Gefühl heraus glaube ich nicht. Das ist einfach peinliches getue. Wenn jemandem die technischen Mitteln fehlen um gute Musik zu machen, dann wird immer auf das Gefühl gepocht. Bissl esoterisch das Ganze. Louis Armstrong war ein guter Musiker weil er spielen konnte, nicht weil er besser fühlte.
Die Trennung von E und U wird vor allem von Leuten forciert die nie über ihren Poprocktellerrand hinausgeblickt haben. Derzeit ist Poprock die konservativste Musikrichtung und der anerkannte Standard! Es wird aber immer noch so getan als wäre es wahnsinnig subversiv jeden Poprockmüll gut zu finden.
sehr richtig. zudem wird auch vergessen, dass andere völker/kulturen/kontinente musik entwickelt haben, die auf anderen grundlagen bzw. "systemen" beruht als die europäische.
musiksoziologie liefert interessante beiträge, warum manchen musikformen/richtungen mehr "wert" als anderen zugesprochen wird, eben durch soziale definition.
eben weil sie weiter oben schreiben, dass ihrer meinung nach bach, mozart etc... unübertroffen sind. das ist ein werturteil. für mich aus rein persönlicher sicht sind die genannten unterhalb eines miles davis oder charlie parkers anzusiedeln.
bzw. aber innerhalb dieses musikalischen genres durchaus diskutierbar (da vergleichbar), obwohl ich persönlich z.b. salieri weit über mozart stelle.
und was ist mit meiner sicht zu salieri ;-)
ergänzend ist es natürlich was davis und bach angeht, ein äpfel und birnenvergleich, da jeweils andere settings zu deren lebzeiten bestanden.
wäre aber interessant, wie bach auf polyrhythmik und mikrotöne sowie elektronische musik "reagiert" hätte.
sehr zu empfehlen (leider verstorben) ali farka toure (sollte sogar beim saturn zu finden sein unter afrika).
oder tinariwen.
tony allen ist sehr interessant was polyrhythmik angeht. auch ein bo diddley ist faszinierend im sinne des synkopischen beats.
afro-amerikanische musik im sinne gut erhaltener tondokumente z.b. lead belly oder big bill broonzy.
frühe louis armstrong aufnahmen (fireworks).
Techno und alle Unterstiele sind halt nicht für jedermann, is auch ok so.
Wer sich mal mit der produktion davon auseinander gesetzt hat, weis das es wohl auf den gleichen level kommt wie rock musik.
Und die Wurzeln vom Techno kommen vom alten zusammensitzen und Trommeln.
Freunde da steckt einiges mehr dahinter als einfach nur ein duzduzduz. Man muss dich dem nur öffnen.
Es ist halt eine andere Art von Musik.
jep!
nicht weil ich das lustig finde!
sondern viel eher möchte ich hier die intoleranz der musikliebhaber die sich auf 1ne richtung beschrenken und alle anderen für schlecht oder einfach oder langweilig oder was auch immer befinden, abschreiben.
Das mein ich mit musik nazis, soll nichts mit den NS Zeit zu tun haben. Entschuldigen Sie bitte wenn ich Sie das falsch zu verstehen gelassen habe, und mein Deutsch...
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