Der Einzug des Techno in die Wissenschaft

4. Mai 2012, 15:18
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Obwohl die Wiener Clubkultur boomt, wagt sich die Musikforschung nur zaghaft an den Techno heran. Einer der Vorreiter ist Jan-Michael Kühn. Der Dozent verschränkt seine Arbeit als DJ mit seiner Forschung

Wien/Berlin – Tagsüber lehrt Jan-Michael Kühn Soziologie an der Technischen Universität Berlin, die Nächte schlägt er sich mit Techno um die Ohren. DJ Fresh Meat lautet sein Pseudonym, wenn er in einschlägigen Clubs der Hauptstadt seine Platten auflegt oder eigene Radioshows über seinen Blog verbreitet. All das ist essenziell für seine Forschung.

Bevor Kühn mit Anfang 30 Doktorand an der TU Berlin wurde, hatte er 2006 bereits sein eigenes Institut gegründet: The Berlin Mitte Institut für Bessere Elektronische Musik. Was als diskursive Blog-Plattform die Szene beleben sollte, wurde über die Jahre zum wissenschaftlichen Forum. Dort verschränkt er seine Arbeit als DJ mit seiner Forschung.

"Die Soziologie der (Berliner) Techno-Szene" heißt nun seine erste Lehrveranstaltung. Rund 30 Studierenden erklärt er dort die Kultur elektronischer Tanzmusik. Genuss, Ästhetik, Distinktion, Vergemeinschaftung und Erwerb sind die klingenden Schlagwörter des Seminars.

In seinem Kurs analysiert Kühn die Charakteristika des Techno von Berlin in kultureller wie auch wirtschaftlicher Hinsicht. Durch eigene Labels, Vertriebe, Netzwerke und Clubs arbeite der Techno in Berlin weitestgehend unabhängig von der traditionellen Musikindustrie.

Gleichzeitig wolle die Szene eine alternative Kultur der Ausgelassenheit sein, um sich so dem leistungsorientierten Mainstream entgegenzustellen. Eine Abgrenzung nach außen ist für den Techno daher wichtig. Sie basiere auf ästhetischen Kriterien, meint Kühn – wer schlechte Musik mache, könne sich in der Szene nicht durchsetzen.

Zaghafte Forschung

Kühn ist einer der wenigen, der einen wissenschaftlichen Blick auf die Techno-Szene wagt. Obwohl das öffentliche Interesse an der Szene seit Jahren stark anwächst, "gibt es wissenschaftlich noch keine gesteigerte Aufmerksamkeit", sagt Kühn.

Ähnlich sieht es in Wien aus. "Kommerziell erfolgreiche Clubs allein sind kein hinreichender Grund, um Geld in die Forschung zu investieren", kommentiert Michael Huber vom Institut für Musiksoziologie der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien die Situation. Trotz wachsender Dichte der Clubszene würden weder die Kulturpolitik noch die Wirtschaft Interesse an einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung zeigen.

Sein Kollege, der Musikwirtschaftsforscher Peter Tschmuck, ist überzeugt, dass der wirtschaftliche Wert der Szene auch ihren wissenschaftlichen hervorkehren wird: "Sobald die Kommerzialisierung voranschreitet, wird sich die Wissenschaft stärker damit beschäftigen." Rosa Reitsamer, Musiksoziologin an der Wiener Musik-Uni, kritisiert hingegen, dass die Ökonomisierung für die elektronischen Musikszenen auch bedeutet, "dass alternative Bereiche in diesen Szenen an den Rand gedrängt werden". Sie verweist auf Szenen neben dem kommerziellen oder männlich dominierten Mainstream.

Techno als Triebfeder

Tschmuck organisiert die "Wiener Tage der Musikwirtschaftsforschung" und bemüht sich damit um interdisziplinäre Aufmerksamkeit. Kühn wird dort über die Berliner Szene referieren. Für Tschmuck ist die elektronische Musik eine Avantgarde der Musikindustrie: "Diese Art von Musik – wie sie gehört, produziert und verbreitet wird -, das ist das Zukunftsmodell." Als Triebfeder präge sie die künftigen Veränderungen im Umgang mit Musik und wäre daher auch zentral für die wissenschaftliche Auseinandersetzung. (Klaus Buchholz, UNISTANDARD, 3.5.2012)

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