Christian Konrad geht, Erwin Hameseder kommt

4. Mai 2012, 15:00
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Die Generalversammlung hat im Raiffeisenkonzern einen neuen Obmann bestimmt: Christian Konrad geht und macht dem Neuen Platz

Wien - Eine Ära im ostösterreichischen Raiffeisen-Reich geht zu Ende: Nach 22 Jahren an der Spitze übergab Christian Konrad am Freitag das Zepter an Erwin Hameseder. Im Anschluss an die Jahresversammlungen der Raiffeisenlandesbank NÖ-Wien und der Beteiligungsholding im Messezentrum Wien verabschiedete die "Raiffeisen-Familie" ihren ehemaligen Obmann inklusive emotionaler Rückblicks-Videos.

Konrad gilt als eine der mächtigsten Personen Österreichs. Dementsprechend groß war der Andrang zur Abschiedsveranstaltung. Neben der gesamten Führungsriege der Raiffeisen-Unternehmen waren unter anderen ÖVP-Europaparlamentarier Othmar Karas, der ehemalige Vizekanzler und jetzige Chef des Raiffeisen-Mühlenriesen LLI, Josef Pröll, die ehemaligen Ministerinnen Maria Rauch-Kallat und Claudia Bandion-Ortner sowie der Generalsekretär der Industriellenvereinigung, Christoph Neumayr, vor Ort. "Die Bundesregierung hat mich kurzfristig im Stich gelassen. Die eigentliche Regierung sitzt ja da, mit Michael Häupl und Erwin Pröll", sagte Konrad in seiner launigen Ansprache. Beide Politiker bekamen von ihm auch die Raiffeisen-NÖ-Wien-Nadel "erster Klasse" verliehen.

Wiens Bürgermeister Häupl (SPÖ) bezeichnete Raiffeisen als "unverzichtbaren Partner" für Investitionen in Wien. Diese hätten in den vergangenen zwei Jahrzehnten deutlich zugenommen. "Raiffeisen war Partner bei der Internationalisierung der niederösterreichischen Wirtschaft", sagte Niederösterreichs Landeshauptmann Erwin Pröll (ÖVP).

Keine Leichen im Keller

Konrad hatte in der Vergangenheit mehrmals betont, seine Spitzenämter vor seinem 70. Geburtstag zurückzulegen. Im Juli feiert er seinen 69. Geburtstag. Seine einflussreiche Funktion als Generalanwalt des Österreichischen Raiffeisenverbandes wird Konrad hingegen erst Anfang Juli zurücklegen. Sein Rückzug vor Ende der Funktionsperiode in zwei Jahren habe nichts "mit Leichen im Keller" zu tun, betonte er. Es sei nun aber an der Zeit, Erwin Hameseder und RZB-Chef Walther Rothensteiner "heranzulassen, bevor sie vergreisen". "Der Erwin ist alt genug. Wir arbeiten seit 25 Jahren zusammen", so Konrad. In Hinblick auf die emotionalen Rückblicks-Videos, die sein Leben und seine berufliche Laufbahn bei Raiffeisen nachzuzeichnen versuchten, meinte er: "Ich habe von diesem Christian Konrad genug."

Geboren wurde Konrad am 24. Juli 1943 bei Wolkersdorf im Weinviertel. Nach dem Jus-Studium trat er 1969 als Revisor in die RLB Niederösterreich ein, wo er 1990 zum Obmann wurde. Im gleichen Jahr übernahm er den RZB-Aufsichtsratsvorsitz, vier Jahre später wurde er Generalanwalt und damit auch formell die Nummer eins in der Raiffeisen-Welt. Privat ist Konrad mit Leidenschaft Jäger. Die Funktion des Landesjägermeisters gab er bereits Mitte April an Josef Pröll ab.

Keine Bocksprünge

"Du warst und bist ein großes Vorbild für mich", streute Hameseder in seiner Rede dem ehemaligen Obmann Rosen. An den Raiffeisen-Grundfesten, etwa dem dreistufigen Aufbau der Organisation, wolle er nicht rütteln. Mögliche Kooperationsmodelle lehnte der neu gewählte Obmann ab. "Auch die Mehrheit der RBI (Raiffeisen Bank International) wird sicher nicht an Aktionäre außerhalb des Sektors abdriften. Das wäre eine Schwächung", betonte Hameseder. Als künftiger Raiffeisen-Zentralbank-Aufsichtsratschef werde er "intensive Gespräche mit dem Eigentümer in den Bundesländern suchen". Bei den Unternehmensbeteiligungen wolle er Synergien und Kostenoptimierungen suchen.

"Ich will keine Bocksprünge machen, sondern die kontinuierliche Arbeit fortsetzen", sagte Hameseder nach der Abstimmung. Er wurde am Freitagvormittag mit 98,9 Prozent der Stimmen zum neuen Obmann gewählt. Man stehe aber "vor großen Themen wie Basel III". Der Raiffeisensektor werde deswegen weiter zusammenrücken müssen. "Sehr, sehr zuversichtlich" zeigte sich der neu gewählte Obmann, den Gewinn der Holding heuer wieder deutlich zu steigern. Nach internationalem Bilanzstandard IFRS ging der Nettogewinn 2011 massiv von 284 auf 107,9 Mio. Euro zurück. Grund waren die Minderergebnisse aus der Banksparte, und hier unter anderem die Bankensteuern und Ungarn-Abschreibungen, aber auch Sondereffekte wie Kartellbußen.

Kein Pensionist

Mit ihren 740 Unternehmensbeteiligungen ist die Raiffeisen-Holding NÖ-Wien die größte private Beteiligungsgesellschaft Österreichs und damit ein mächtiger Wirtschaftsfaktor. In der Holding sind milliardenschwere Beteiligungen wie die Raiffeisen Landesbank NÖ-Wien, der Baukonzern Strabag, die Nahrungsmittelkonzerne Agrana, Leipnik und NÖM sowie Medien (u. a. "Kurier".) gebündelt. Nach eigenen Angaben sind in den Beteiligungsunternehmen in Österreich rund 20.000 Mitarbeiter beschäftigt, weltweit rund 162.000.

Hameseder tritt sein Amt als Holding-Obmann mit sofortiger Wirkung an und gibt damit seinen Job als Generaldirektor der Raiffeisen-Holding und Vorstand der Raiffeisenlandesbank NÖ-Wien auf. Als Hameseder-Nachfolger rückt der bisherigen Chef des Lagerhauskonzerns Raiffeisen Ware Austria (RWA), Klaus Buchleitner (48), nach. Er wird ab 1. Juni neuer Chef der RLB NÖ-Wien und außerdem Holding-Generaldirektor.

Seine einflussreiche Funktion als Raiffeisen-Generalanwalt wird Konrad am 1. Juli an RZB-Chef Walter Rothensteiner abgeben. Damit hat er seine Machtfülle auf zwei Personen aufgeteilt. Die Wahl des neuen Generalanwalts soll am 25. Juni bei der Generalversammlung des Verbandes stattfinden. Konrad wird Raiffeisen aber weiter erhalten bleiben. Er bleibt noch zwei weitere Jahre Aufsichtsratschef der Raiffeisenlandesbank NÖ-Wien. "Sagen Sie nicht Pensionist zu ihm", ermahnte die Moderatorin den Pianisten Rudolf Buchbinder bei der Abschiedsveranstaltung. (APA, 4.5.2012)

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    Zeit für einen Wechsel: Der neue Obmann der Raiffeisen Holding Niederösterreich-Wien heißt ab sofort Erwin Hameseder (ganz links).

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