Warum es im Vulkanland noch immer brodelt

Reportage |
  • Die Riegersburg steht auf einem alten Vulkankegel, der vor rund zwei Millionen Jahren enstand.
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    Die Riegersburg steht auf einem alten Vulkankegel, der vor rund zwei Millionen Jahren enstand.

  • Hermann Schützenhöfer (li.) und Franz Voves verkünden: Drei steirische Bezirke organisieren sich neu.
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    Hermann Schützenhöfer (li.) und Franz Voves verkünden: Drei steirische Bezirke organisieren sich neu.

  • Die Bezirksfusion ist ein großes Thema in den regionalen Medien.
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    Die Bezirksfusion ist ein großes Thema in den regionalen Medien.

  • "Lebe lang und in Frieden" - der Vulkanier-Gruß.
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    "Lebe lang und in Frieden" - der Vulkanier-Gruß.

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  • Die Bezirkshauptleute Alexander Majcan und Wilhelm Plauder: "Wir sind eine Behörde, die den Menschen in die Augen schaut."
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    Die Bezirkshauptleute Alexander Majcan und Wilhelm Plauder: "Wir sind eine Behörde, die den Menschen in die Augen schaut."

  • Gegen die Fusion regt sich Widerstand in Mureck. Bürgermeister Josef Galler und Vizebürgermeisterin Waltraud Sudy sammeln Unterschriften.
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    Gegen die Fusion regt sich Widerstand in Mureck. Bürgermeister Josef Galler und Vizebürgermeisterin Waltraud Sudy sammeln Unterschriften.

  • Der Olivin ist eines der wichtigsten Mineralien des Vulkanlandes.
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    Der Olivin ist eines der wichtigsten Mineralien des Vulkanlandes.

Zuerst Aufregung um den Namen, jetzt Abspaltungstendenzen: Bei der Zusammenlegung der Bezirke Feldbach und Radkersburg wollen nicht alle mitmachen

Es blitzt und donnert in Bad Radkersburg. Nach einer für die Jahreszeit untypischen Hitzewelle regnet es nach Wochen der Trockenheit in der südlichen Steiermark endlich einmal wieder. Nicht alle assoziieren das Donnergrollen aber mit dem lang ersehnten Niederschlag. "Eine meiner Mitarbeiterinnen scherzte: Jetzt brechen die Vulkane aus", erzählt Alexander Majcan und lacht.

Majcan ist Bezirkshauptmann von Radkersburg, jenem Bezirk, der im Zuge der steirischen Reformpartnerschaft mit Feldbach zusammengelegt werden soll. Als Name war "Vulkanland" vorgesehen. "Sie haben mich schon Minister Spock genannt", sagt Majcan und deutet auf seine Ohren.

Im Gegensatz zu dem nüchternen Vulkanier vom "Raumschiff Enterprise" kochten bei den Steirern aber die Emotionen über, als bekannt wurde, dass ihr neuer Bezirk "Vulkanland" heißen soll. Nach Protesten der Bevölkerung war die Aufmerksamkeit aus ganz Österreich auf die Region gelenkt; nicht zuletzt deshalb, weil sich Nachrichtenmoderator Armin Wolf in der "ZiB 2" am Vulkanier-Gruß versuchte.

Alte Vulkankegel

Vulkanland? Wie kommt man eigentlich auf einen solchen Namen für die Bezirke Feldbach und Radkersburg? Tatsächlich gibt es in der Region Vulkankegel, die bis zu 17 Millionen Jahre alt sind. Vulkanland wird hier deshalb auch schon seit Jahrzehnten als geografische Bezeichnung verwendet. Nach und nach wurde der Name für Marketingzwecke benutzt. Heute macht er vor nichts mehr halt: Es gibt den Vulcanoschinken, Trachtenmode der Marke Vulkanland und sogar einen Vulkanland-Radmarathon. Der regionale Fernsehsender heißt Vulkan TV, und die Vulkanlandbrauerei vertreibt ein Bier namens Lava Bräu.

Für die Bezeichnung einer politischen Einheit erschien der Name vielen aber unpassend. Wer will schon ständig dem Spott des restlichen Österreich ausgesetzt sein? Bezirkshauptmann Majcan will dazu gar nicht mehr viel sagen. Das sei Geschichte und die Pläne mittlerweile ohnehin vom Tisch. Nur fünf Tage nach der Präsentation reagierten Landeshauptmann Franz Voves (SPÖ) und sein Vize Hermann Schützenhöfer (ÖVP) auf die Kritik der Bevölkerung. Via Presseaussendung teilten sie mit, dass man davon Abstand nehmen wolle. Die Zusammenlegung soll jetzt unter dem Namen "Südoststeiermark" passieren.

Protest in Mureck

Die Probleme sind damit aber noch lange nicht vorbei. In der Stadtgemeinde Mureck regt sich Widerstand. Dort hat sich eine Bürgerinitiative gegründet, deren Unterstützer nicht zu Feldbach dazuwollen. Dem Protest der Murecker haben sich auch die Orte Murfeld, Eichfeld, Gosdorf, Weinburg und Mettersdorf angeschlossen - allesamt Gemeinden im westlichen Teil des Bezirks Radkersburg. Mehr als 4.000 Unterschriften hat die Initiative bereits gesammelt, die nun Landeshauptmann Voves übergeben werden sollen.

Die Zeit drängt für die Kritiker, gleich mehrere Einheiten sollen in der Steiermark fusioniert werden. Seit 1. Jänner gibt es bereits den neuen Bezirk Murtal, entstanden aus den ehemaligen Bezirken Judenburg und Knittelfeld. Neben Feldbach und Radkersburg sollen im Jänner 2013 auch die Bezirke Bruck an der Mur und Mürzzuschlag sowie Fürstenfeld und Hartberg zusammengelegt werden. Die Landesregierung hat die Bezirke beauftragt, Konzepte zu entwickeln und die neuen Organisationsstrukturen aufzustellen. Das Ziel: Einsparungen in Höhe von 6,8 Millionen Euro jährlich.

90.000 Einwohner

Majcan sitzt derzeit mehrmals wöchentlich mit seinem Amtskollegen Wilhelm Plauder aus Feldbach am Besprechungstisch in seinem Büro in der Radkersburger Bezirkshauptmannschaft. Die beiden ÖVP-Politiker kennen einander gut, sie pflegen ein freundschaftliches Verhältnis. Beamte aus beiden Bezirken sind derzeit damit beschäftigt, Varianten für die Zusammenlegung von Abteilungen durchzurechnen. In wenigen Tagen müssen schon Ergebnisse präsentiert werden.

Um den Posten des Bezirkschefs der neu geschaffenen Großeinheit müssen sie zum Glück nicht streiten. Plauder geht mit Ende des Jahres in Pension, und somit ist klar, dass Majcan die neue Funktion übernehmen wird. Statt bisher 23.000 Einwohnern steht er ab Jänner fast 90.000 Personen vor, die im Bezirk Südoststeiermark wohnen werden. Von einer Zusammenlegung wollen die beiden aber nicht sprechen. Plauder: "Ich verwende nicht gerne das Wort 'fusionieren'. Sagen wir, es entsteht etwas Neues. Das geht im Kopf nicht ganz leicht, aber in drei Jahren wird das schon ganz normal sein."

Zwei gleichwertige Standorte

Majcan und Plauder arbeiten momentan einen Katalog mit 269 Kernleistungen ab, die die Bezirkshauptmannschaft zu erfüllen hat. Abteilungen, die es in beiden Bezirken gibt, werden zusammengelegt. Aus 13 Referaten sollen sieben werden. "Wir liefern ein Organisationskonzept mit zwei Standorten ab", sagt Majcan. "Wir müssen in beiden Städten die Leistungen anbieten."

Zusätzliche Einsparungen soll die Reduktion der Mitarbeiter bringen. Zwar wird niemand gekündigt, aber Personen, die in Pension gehen, werden nicht nachbesetzt. "Außer in den sehr sensiblen Bereichen, das ist die Sozialarbeit", merkt Majcan an.

Plauder und Majcan verteidigen den Wirkungsbereich ihrer Bezirksbehörden. Entgegen in den Medien verbreiteten Berichten, dass man die BH ohnehin nur brauche, wenn man einen neuen Führerschein beantragen will, sei das Repertoire an Tätigkeiten groß. "Es geht nicht nur um die Ausstellung des Führerscheins. Wir sind auch für den sozialen Frieden verantwortlich." So sei etwa das Jugendamt in der Bezirkshauptmannschaft angesiedelt. Auch die Zuständigkeit für Pflegegeld und Mindestsicherung befindet sich in den Bezirken.

Bezirkshauptmann als Friedensrichter

Überhaupt spiele Bürgernähe eine große Rolle. "Sehr oft gibt es Leute, die sich bei mir wegen fehlender Verkehrszeichen melden. Da fahre ich tagesaktuell hin und mache mir ein Bild von der Situation", sagt Plauder. "Man muss ein Gespür für die Region und die Leute haben." Aber auch eine gewisse Standfestigkeit und Strenge gehöre dazu. "Wir sind eine Behörde, die den Menschen in die Augen schaut. Ansonsten ist ja alles schon so entrückt. Österreich ist zum Richterstaat geworden. Wir aber arbeiten zu ebener Erde und sind ein Garant dafür, dass wir die Gesetze einhalten und auf der anderen Seite auch nach Lösungen suchen."

Plauder vergleicht die Funktion des Bezirkshauptmannes mit der eines Friedensrichters, "der vermitteln kann". Er deutet auf seinen Kollegen Majcan: "So wie er das macht mit Slowenien, das ist ihm ein Herzensanliegen."

Tatsächlich betont der Radkersburger Bezirkshauptmann Majcan mehrmals die außerordentliche geografische Lage seiner Stadt. "Wir befinden uns unmittelbar neben Slowenien, wir haben uns immer um eine gute Zusammenarbeit bemüht." Es gibt zahlreiche Kooperationen mit Nachbargemeinden. "Das ist einzigartig in der Steiermark, wir sind die einzige Bezirkshauptstadt direkt an der Grenze." Egal, wie die künftige Bezirkseinteilung aussehen wird, für Majcan steht fest: Diese einzigartige Rolle von Bad Radkersburg soll erhalten bleiben: "Das will ich nicht missen, auch in der Zukunft nicht."

Abspaltungstendenzen

Ob er mit diesem Argument jene Gemeinden in Radkersburg beruhigen wird können, die von der Bezirksfusion wenig begeistert sind? Die Murecker Vizebürgermeisterin Waltraud Sudy (ÖVP) ist die Sprecherin des protestierenden Personenkomitees. Im Gespräch mit derStandard.at legt sie energisch die Hauptforderungen dar: "Der Beschluss für die Zusammenlegung der Bezirke Feldbach und Radkersburg soll unverzüglich aufgehoben werden." Außerdem wünscht sie sich, dass die Entscheidung über die Zukunft des Bezirkes in die Hände der Radkersburger gelegt und nicht von oben oktroyiert wird. "Die Menschen, die in unserem Bezirk leben, die sollen auch mitentscheiden, wie er aussehen soll", sagt sie und fordert eine Volksbefragung.

Was passt den Kritikern nicht am Beschluss der Zusammenlegung? Sudy: "Jeder will in Wahrheit selbstständig bleiben. Wir wollen Radkersburger bleiben und haben nirgends deponiert, dass wir uns verändern wollen." Die Dorfpolitikerin stört, dass die Reform über die Köpfe der Bevölkerung hinweg entschieden worden ist.

Bürgermeister fordert Volksbefragung

Auch Murecks Bürgermeister Josef Galler (ÖVP) spricht sich für eine Volksbefragung aus. "Sobald wir wissen, wie die Zusammenlegung konkret ausschauen wird, wollen wir, dass die Bevölkerung entscheiden kann, ob sie damit einverstanden ist oder nicht."

Er geht davon aus, dass der Großteil der Murecker Bürger nicht einverstanden sein wird und sich lieber dem Bezirk Leibnitz anschließen will. Dazu gebe es auch schon einen einstimmigen Gemeinderatsbeschluss. "Die Feldbacher sind zwar auch ganz liebe Leute, aber da haben wir relativ wenig Kontakt", begründet er die Stimmungslage. Prosperierender sei die Schiene Graz - Leibnitz - Maribor. Dorthin wolle man sich orientieren, mit diesen Städten könne man sich identifizieren.

Fehlende Öffis

Zudem sei die Verkehrsanbindung nach Feldbach schlecht. Nur mit mehrmaligem Umsteigen komme man von Mureck mit öffentlichen Verkehrsmitteln in die neue Bezirkshauptstadt. Das hält Galler für wenig zufriedenstellend: "Wenn ich neue Verwaltungseinheiten schaffe, sollte ich im Vorfeld schon schauen, dass ich aus allen Teilen des neuen Bezirkes die Stellen gut erreiche."

Doch sind es tatsächlich die fehlende Identität und die schlechte Verkehrsanbindung, die die Murecker von Feldbach abschrecken? Die Antwort könnte auch in den schlechten Wirtschaftszahlen des Bezirks liegen, die ihn wenig attraktiv machen. Feldbach ist bei der Kaufkraft seit Jahren Schlusslicht in der Steiermark, österreichweit reiht es sich gemeinsam mit dem 15. Wiener Gemeindebezirk, Lienz in Ostirol und Zwettl im Waldviertel in die ärmsten Bezirke ein. Die Auspendlerquote ist mit über 70 Prozent sehr hoch. Die Erwerbsquote betrug im Jahr 2010 69,3 Prozent und lag damit unter dem landesweiten Vergleichswert von 72,8 Prozent.

"Politische Wellen"

Die Landesregierung lässt sich durch die Bürgerproteste aber nicht aus der Ruhe bringen. "Die Aufregung hat sich primär auf die Namensgebung bezogen", sagt Helmut Hirt im Gespräch mit derStandard.at. Er ist Landesamtsdirektor und für die Bezirksfusionen an oberster Stelle zuständig. "Offenbar scheint der Name Vulkanland zwar eine ausgezeichnete Markenstrategie zu sein, ist aber nicht tief in der Bevölkerung verwurzelt." Daher habe es "ein Rauschen" gegeben, meint Hirt. "Das ist aber mittlerweile korrigiert worden."

Zu den Bürgerprotesten in Mureck sagt er: "Ich glaube, dass viele der Argumente aus der Emotion heraus überzeichnet sind. Das sind politische Wellen. Die nächsten Wochen werden zeigen, inwieweit das wirklich relevant wird." Jetzt werde die Politik einmal entscheiden, wie die Struktur der Landesverwaltung in den neuen Bezirken ausschauen wird. Dann werde man weitersehen.

Nicht wie beim Großeinkauf

Hirt hält fest, dass das Ziel der Fusion nicht sei, das Service-Angebot vor Ort zurückzunehmen. "Alle, die bisher ihre Angelegenheiten in Radkersburg erledigt haben, werden das auch weiter können." Er ist ohnehin der Meinung, dass immer mehr Menschen ihre Amtswege online erledigen werden. "Aus der Bezirkszusammenlegung in Judenburg und Knittelfeld wissen wir, dass der durchschnittliche Kontakt der Bevölkerung zu ihrer BH 0,65 Mal pro Jahr beträgt." Sonst hielten sich die persönlichen Kontakte sehr in Grenzen. "Es ist ja nicht so, dass man einmal im Monat - so wie zum Großeinkauf - auf die Bezirkshauptmannschaft fährt."

Alexander Majcan und Wilhelm Plauder schwelgen am Besprechungstisch im Radkersburger Büro mittlerweile in Jugenderinnerungen. Sie sind sich bewusst, dass die Bezirkszusammenlegung eine sehr "emotionale Geschichte" ist. Ihnen fällt auf, dass sie beide selbst schon an Bürgerprotesten gegen politische Entscheidungen teilgenommen haben. "Als die Geburtenstation im Bad Radkersburger Krankenhaus geschlossen wurde, habe ich auch eine Demonstration organisiert", erzählt Majcan. Plauder: "Ich habe gegen Zwentendorf gestimmt wegen dem Kreisky. Ich wollte ihm eine verpassen."

Wie sie ihre Bezirkskollegen in Mureck noch überzeugen wollen? Plauder antwortet nüchtern: "Wir können nur Sachinformationen liefern. Wie sie wahrgenommen werden, können wir nicht beeinflussen. Die Entscheidung treffen die Landespolitiker." Für ihn steht nur eines fest: "Alles bleibt besser." Egal, was letztendlich herauskommt. 

Eigener Amtstag für Mureck

Voves und Schützenhöfer haben mittlerweile einen Schlussstrich gezogen. Am Freitag - vier Tage vor der geplanten Verkündung - gaben sie auf einer eilig einberufenen Pressekonferenz die Einigung bekannt. Die Debatte darüber, dass einige Gemeinden rund um Mureck lieber zum Bezirk Leibnitz als zur Südoststeiermark gehören wollen, bezeichneten sie dabei als beendet. "Es ist entschieden", so Schützenhöfer. Murecks Wunsch nach einer Volksabstimmung wurde nicht stattgegeben. Die Bewohner der Stadtgemeinde will die Landesspitze mit einem eigenen Amtstag zufriedenstellen. Sitz des Bezirks "Südoststeiermark" wird Feldbach sein. (Rosa Winkler-Hermaden, derStandard.at, 11.5.2012)

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