Stadtgestänke von mild bis wild

Kolumne4. Mai 2012, 17:43
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Urbaner Umgang mit herben Gerüchen

Letzten Sonntag, ich lege gerade im Billa die Frühstückseier aufs Band, blies mir mein Hintermann plötzlich und unvermutet einen solchen Pesthauch über die Schultern, dass ich mich ums Haar auf die Kassa übergeben hätte. Der Mundgeruch des Lindwurms von Klagenfurt - ein Maienlüftchen dagegen.

Als ich mich umdrehte, um zu sehen, welchen Schalk ich da im Nacken hatte, erblickte ich einen gut mit Billigwein geölten Herrn mit Seppelhut, rotkariertem Hemd und knielanger Lederhose. Ganz offenbar also ein nach Wien übersiedelter Alm-Alkie, der hier die Vorteile des urbanen Lebens ausschöpft. In Puchberg am Schneeberg kann man am Sonntagmorgen lange nach einem offenen Laden mit knackevollen Weinregalen suchen.

Als versierter Städter bin ich daran gewöhnt, mehrmals täglich in den dubiosen Geruchsorbit eines Mitstädters einzutreten. Auf dem Land ist das ja anders. Dort pickt man nicht so aufeinander, sodass auch der ungewaschene Bauer nicht ohne weiteres über den Rübenacker hinweg zum Nachbarn fäulen kann. Grenzquerende Geruchsbelästigungen ("Heit homma Westwind - es riacht nochm Huaberbauern") sind die Ausnahme.

In Wien teilen wir die Stadtstinker nach zunehmendem Pestilenzgrad in drei Kategorien ein: Moderate Miachtler (MM), Kräftige Fäuler (KF) und Stinkvögel der Extraklasse (sog. Stexe). Auf MMs reagiert die Umwelt mit Naserümpfen, auf KFs mit gelinden Absetzbewegungen, und wo immer ein Stex auftaucht, da setzt umgehend ein Stieben ein.

Hier ein klassisches Stieb-Beispiel. Kürzlich wollte ich am Schottentor einen Waggon der Linie D nehmen, der augenscheinlich mit nur einem Fahrgast besetzt war. Schon beim Einsteigen nahm ich umgehend Witterung auf: Aha, ein Stex! Ich machte blitzartig kehrt, drückte mich durch die Falttür und erklomm den vorderen Waggon.

Von dort aus bekam ich kurz darauf eine Gruppe von Asiaten zu sehen, die bei der Station Rathaus in den hinteren Waggon einstieg. Die Asiaten bewahrten in der Gegenwart des gemütlich dösenden Stexen erst asiatischen Gleichmut, doch nach einer halben Minute hob ein heftiges Stieben in die Wagenextreme an, dem am Karl-Renner-Ring ein ultraflottes asiatisches Kollektiv-Aussteigen folgte. Ich fürchte, diese Episode wird der Linie D im Fernen Osten eine recht üble Nachrede bescheren. (Christoph Winder, Album, DER STANDARD, 5./6.5.2012)

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