"Wir haben nur noch Imitate"

4. Mai 2012, 17:54
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Verregelung, Angst, Sachzwänge: Alfred Goubran über sein neues Buch, Katastrophen und innere Freiheit

Nach seinem Roman "Aus" und dem Erzählband "Ort" legt der Schriftsteller Alfred Goubran nun mit "Kleine Landeskunde" im Braumüller Verlag einen Langessay vor, der sich mit der zunehmenden Unfreiheit des Einzelnen in einer normierten Gesellschaft auseinandersetzt, sich aber auch als Manifest gegen Uniformierung und Effizienzsucht lesen lässt.

STANDARD: Die "Kleine Landeskunde" kann man vordergründig als Bestandsaufnahme unserer Gesellschaft lesen.

Goubran: Es handelt sich um einen Versuch, die Welt, in der wir leben, und das System in den Blick zu bekommen. Vor allem das Denksystem, das hinter allem steckt und sich nicht zeigt.

STANDARD: Wie meinen Sie das?

Goubran: Ich versuche im Buch klarzumachen, dass es um unser Verhältnis zum Schöpferischen geht. Die Grenzlinie zum Schöpferischen und den Bereichen, wo das Schöpferische noch möglich ist, verläuft nicht außen, sondern in einem selbst. Man muss die Maximen des Kollektivs aus sich selbst vertreiben, um wieder Zugang zum Schöpferischen zu erlangen. Oder anders gesagt, man muss sich klarwerden, wo man lebt, damit man nicht das Falsche unterstützt.

STANDARD: Das versuchen viele, es gibt Hessels "Empört Euch", Düringers Wutbürgerrede.

Goubran: Ich glaube, die erwähnten Beiträge befassen sich nur mit den Symptomen. Sie haben therapeutischen Charakter, ändern aber nichts. Dahinter steckt der Glaube, dass sich das System von innen heraus verändern lässt. Der zentrale, mich interessierende Punkt ist zu versuchen, eine Art von Denken sichtbar zu machen, das für viele Irrwege und unsere heutige Situation verantwortlich ist. Wobei es sich genau genommen nicht um eine Art zu denken handelt, sondern um ein Berechnen und Verrechnen, also Kalkül.

STANDARD: Wie sieht dieses aus?

Goubran: Es ist ein Kalkül, das auf das Leben angewandt wird - und immer fehlgeht. Wenn ich sage, das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile, dann weiß ich, dass ich das Ganze nicht berechnen kann. Ich kann eine Summe berechnen, aber nicht einen Gesamtzusammenhang. Ich habe nichts gegen das Kalkül, wenn es an seinem Platz ist. Wenn ich meine Buchhaltung mache, ein Geschäft betreibe oder ein Haus baue, dann brauche ich das Kalkül. Aber wenn ich über die Lebenszeit eines Menschen nachdenke, ist Kalkül fehl am Platz. Wir sprechen ja heute ganz selbstverständlich von Humankapital. Menschsein erschöpft sich im Kalkül darin, zu einer berechenbaren Größe oder Einheit zu werden.

STANDARD: Wer sind die Berechner?

Goubran: Es geht um Imitation, und hier bin ich wieder bei der Grenzlinie zur Schöpfung. Um schöpferisch tätig zu sein, ist es wichtig, sich auch nichtberechenbaren Dingen zu überlassen, der Inspiration und der Intuition beispielsweise. Das ist immer ein Risiko. Wer sich auf das Kalkül verlässt, wird versuchen, Dinge zu imitieren. Wir haben ja den Anspruch, die Welt und alles, was in ihr vorkommt, nachzubauen. Kennzeichnend für unsere Epoche ist die Verdopplung. Durch die industrielle Produktion sind wir uns gar nicht bewusst, dass es eine Zeit gab, in der jedes Ding einzigartig und einmalig auf der Welt war. Das bestimmt natürlich unser Verhältnis zum Einmaligen, zum Ursprünglichen, zum Wert des Einzelnen. Wir haben nur noch Verdopplungen, Imitate.

STANDARD: Leben wir in einer realitätslosen Welt?

Goubran: Wir haben im Deutschen den schönen, von der Realität zu unterscheidenden Begriff des Wirklichen. Man kann also in der deutschen Sprache artikulieren, dass die Realität unwirklich ist. Dem gehe ich in dem Buch nach. Das heißt, es wird versucht, Wirklichkeiten abzudrängen. Oder anders gesagt: Wirklichkeit kann es nur geben im Zusammenhang mit dem Ganzen. Dort, wo etwas in Zusammenhängen mit dem Ganzen lebt, wird es durch sogenannte Funktionszusammenhänge ersetzt. Das sind die Zusammenhänge, die mir einsichtig erscheinen, die meiner Vorstellung zugänglich sind. Es handelt sich dabei allerdings nicht um das Ganze, sondern um die Summe meiner Vorstellungen.

STANDARD: Kann man sich gegen diese Funktionszusammenhänge wehren?

Goubran: Wogegen sollte man sich wehren? Die Entscheidung, welchen Stellenwert ich dem Kalkül in meinem Denken, in meinem Leben gebe, ob ich mich auf das Leben einlasse oder nur ein Leben lebe, das meiner Vorstellung entspricht, muss ich selber treffen.

STANDARD: Sindbad spielt im Buch eine Rolle. Soll man gefährlich leben?

Goubran: Man muss nicht, aber es kann gefährlich werden. Hauptsächlich muss das Leben erfahren sein.

STANDARD: Es geht im Buch auch um das Verhältnis des Einzelnen zur Gesellschaft oder, wie Sie es nennen, zum Kollektiv.

Goubran: Wir sind natürlich alle mit Propaganda aufgewachsen, und wenn ich meine Generation anschaue, muss ich sagen, dass leider sehr viele Leute die Kollektivmythen glauben und nicht versuchen, klar zu sagen, in welcher Welt sie leben, was die Aufgabe einer jeden Generation wäre. Es gibt tiefergreifende Kritik an diesem System, die niemand liest, die viel weiter reicht als alles, was heute gesagt wird. Zu erwähnen wäre etwa die deutsche Technikkritik, wie sie von F. G. Jünger und später auch von Heidegger kolportiert wurde. Es gibt also eine Lösung im Denken. Außerhalb stehen heißt, dass man den Maximen für sich die Gültigkeit abspricht.

STANDARD: Die sogenannten Sachzwänge sind also nur eingebildet?

Goubran: Wir sind alle gezwungen, in diesem System zu leben und täglich Dinge zu tun, die wir nicht machen wollen. Das müssen wir ganz klar sagen. Es gibt im Äußeren in diesem System keine Freiheit, also keine, die man sich nicht irgendwie kaufen oder verdienen muss. Im Äußeren ist das Leben sehr geregelt und die Sachzwänge gegeben. Für alle. Es soll hier nicht der Eindruck entstehen, dass ich da darüberstehen würde. Ich stehe mittendrin.

STANDARD: Sie halten das System für nicht revidierbar?

Goubran: Die Katastrophenerwartung gehört inzwischen zu den Heilserwartungen dieses Systems. Ich kann das nicht teilen, vor allem, wenn ich weiß, dass dieses Denken, das auf Sicherheit beruht, ja immer gegen die Katastrophe gedacht war. Das heißt, es hängt ursächlich mit der Katastrophe zusammen, und jede Katastrophe würde nur dazu dienen und hat dazu gedient, diesem Denken neue Gebiete zu erschließen. Jeder, der heute sagt, er wisse die Lösung, kreiert nur eine weitere Vorstellung. Das heißt, die Vorstellung muss gelebt werden. An die Katastrophe glaube ich nicht, aber daran, dass wir unsere Vorstellungen neu überdenken müssen. Das Schöne ist ja, jeder Einzelne kann die Entscheidung treffen.

STANDARD: Viele haben Angst, sich zu entscheiden.

Goubran: Man kann gewisse Fragen, wie Fragen der Identität und des Lebens, nicht auf wissenschaftliche Weise klären, man kann auch Ängsten, die die Menschen haben, nicht ständig mit Kompensationen begegnen. Natürlich haben die Menschen Angst, weil jeder weiß, dass dieses System nicht haltbar ist. Deswegen sprechen wir inzwischen so, als wäre die Katastrophe etwas ganz Normales. Wenn man weiß, womit man es zu tun hat, ist sehr genau zu prüfen, ob etwas den Menschen mehr Freiheit gibt oder ob einfach nur weitere Gebiete dem Kalkül zugänglich gemacht werden. Wir sehen ja, dass die Regelung von Tag zu Tag zu- und die Freiheit abnimmt.

STANDARD: Sie schreiben vom "rechtlosen Menschen".

Goubran: Diese Passagen sind mir wichtig, es geht um den Menschen im Kollektiv, in dem Gesetze nur noch zu Verordnungen werden. Diese Gewöhnung an das Unmenschliche, also was wir selbstverständlich in Kauf nehmen, ist besorgniserregend. Es wäre niemandem vorstellbar gewesen, dass wir wieder ganz selbstverständlich über die Wiedereinführung der Folter diskutieren. Auch die Boulevardisierung nimmt zu. Notgedrungen, denn wenn wir in einem System leben, in dem jeder ersetzbar ist, geht das natürlich auf die Qualität. Das Nächste wäre die Wertediskussion. Ein anderes Wort für Qualität ist Güte, die Güte von etwas. Qualität ist nicht nur hoch oder niedrig, was schon wieder quantifizierend ist. Wir sehen dieses berechnende Denken überall eingeflossen, und wir sehen uns selber im Zentrum von diversen Berechnungen.

STANDARD: Diese Kontrollierbarkeit ist auch ein mediales Thema.

Goubran: Der Mensch war noch nie in all seinen Bedürfnissen, in seinem ganzen Sein, so sehr verrechnet wie heute. Das klingt an, wenn wir vom gläsernen Menschen sprechen. Aber diese Ängste, dass man den Einzelnen total kontrollieren kann, heben sich auch auf, weil wir wissen, dass diese Summe an Informationen nicht mehr verarbeitbar ist. Natürlich bleibt die Möglichkeit der Kontrolle, weil es Verarbeitungsprogramme gibt. Aber ich glaube, es geht um Wandel und nicht nur um Veränderung. Das sind Begriffe, die ich unterscheide. Der Wandel findet immer im opaken Raum statt, das heißt in Räumen, die wir nicht einsehen können. Jede Entwicklung, jedes Neue kommt immer aus dem Nichts. Darin liegt auch das Problem. Je mehr wir beobachtet werden, desto weniger Neues kommt in die Welt. Wenn wir Wandel wollen, brauchen wir opake Räume. Wir müssen auch selbst zu opaken Menschen werden und dürfen nicht alles preisgeben. Das heißt, wir haben Geheimnisse, wir schützen Denkräume. Wir müssen uns schützen, damit wir Möglichkeiten schaffen, damit etwas wächst. (Stefan Gmünder, Album, DER STANDARD, 5./6.5.2012)

Alfred Goubran (geb. 1964) lebt in Wien. Umfangreiche literarische Tätigkeit als Schriftsteller, Rezensent, Übersetzer. Zu seinen Publikationen zählen u. a.: "Der Pöbelkaiser. Ein Brief" (2002); "Aus. Roman" (2010) sowie "Schiffe aus Schnee. Ein Radio-Roman" (ORF, 2011/2012).

  • "Man muss sich klarwerden, wo man lebt, damit man nicht das Falsche 
unterstützt": Alfred Goubran.
    foto: corn

    "Man muss sich klarwerden, wo man lebt, damit man nicht das Falsche unterstützt": Alfred Goubran.

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