Menschliches Leiden ganz ohne Profit

Interview |
  • In Bolivien sind 3,7 Millionen Menschen gefährdet an Chagas zu erkranken, rund 1,8 Millionen Menschen sind schon erkrankt. Chagas ist ein leiser Killer: Die betroffenen Menschen wissen nicht, dass sie krank sind, bis sie Herz- und Magaen-Darm-Probleme bekommen und ihre Gesundheit schon stark angegriffen ist.
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    foto: msf/mads nissen

    In Bolivien sind 3,7 Millionen Menschen gefährdet an Chagas zu erkranken, rund 1,8 Millionen Menschen sind schon erkrankt. Chagas ist ein leiser Killer: Die betroffenen Menschen wissen nicht, dass sie krank sind, bis sie Herz- und Magaen-Darm-Probleme bekommen und ihre Gesundheit schon stark angegriffen ist.

  • Chagas kommt in den meisten lateinamerikanischen Ländern vor. Die Infektionskrankheit wird durch einen Parasiten verursacht und durch eine blutsaugende Raubwanze (kissing bug, im Bild) übertragen, die in ländlichen Gegenden und Stadtrandgebieten, wo Menschen in Stroh- und Lehmhütten leben, häufig vorkommt. Die Übertragung geschieht auch von Mutter zu Kind, über Bluttransfusionen, Organtransplantationen oder kontaminiertes Essen.
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    Chagas kommt in den meisten lateinamerikanischen Ländern vor. Die Infektionskrankheit wird durch einen Parasiten verursacht und durch eine blutsaugende Raubwanze (kissing bug, im Bild) übertragen, die in ländlichen Gegenden und Stadtrandgebieten, wo Menschen in Stroh- und Lehmhütten leben, häufig vorkommt. Die Übertragung geschieht auch von Mutter zu Kind, über Bluttransfusionen, Organtransplantationen oder kontaminiertes Essen.

  • Julien Potet von Ärzte ohne Grenzen setzt sich für die vergessenen Krankheiten ein.
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    Julien Potet von Ärzte ohne Grenzen setzt sich für die vergessenen Krankheiten ein.

Sind Wirkstoffe nicht gewinnbringend, werden sie schon einmal vom Markt genommen, obwohl Millionen Menschen geholfen werden könnte

Hinter Kala Azar, Chagas oder Buruli-Ulkus verbergen sich menschliche Schicksale, von denen Pharmaindustrie und Forschung nicht viel wissen wollen. Millionen armer Menschen weltweit sind von diesen sogenannten "vergessenen" Krankheiten betroffen, tausende sterben Jahr für Jahr daran, weil Diagnose- und Behandlungsmethoden kaum oder schlichtweg gar nicht vorhanden sind. Im Gespräch mit Marietta Türk erklärt Julien Potet von Ärzte ohne Grenzen, warum eine Enthaarungscreme im Kampf gegen eine Krankheit letztendlich doch noch Menschen in Afrika zugutegekommen ist und wie Menschen mit der Krankheitsbürde leben.

derStandard.at: Wann gilt eine Krankheit als "vergessen" oder "vernachlässigt"?

Potet: Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) listet 17 vernachlässigte tropische Krankheiten auf. Der Name Neglected Tropical Diseases (NTD) soll Aufmerksamkeit erregen. Die Liste ist nicht vollständig, aber es sind jene Krankheiten, die aufgrund ihres Ausmaßes und der Mortalität Tuberkulose oder Malaria nahekommen.

derStandard.at: Millionen von Menschen weltweit sind betroffen. Wie kommt es, dass es zu wenig Diagnosemethoden, Medizin und Forschung für diese Krankheiten gibt?

Potet: Nehmen wir das Beispiel der Schlafkrankheit, einer parasitären Tropeninfektion, die durch die Tsetsefliege übertragen wird. Millionen Menschen müssen jedes Jahr untersucht werden. Es gibt zwar einen großen quantitativen Markt für Screening- und Diagnosetests, aber keinen qualitativ hochwertigen, weil die meisten Kranken in armen ländlichen Gegenden in Zentralafrika leben. Investitionen privater Unternehmen in Diagnoseinstrumente sind daher sehr selten.

Folglich bleibt die Diagnose der Schlafkrankheit ein zeitaufwendiger, komplizierter Prozess mit drei separaten Tests und einer riskanten Lumbalpunktion. Die Therapie selbst ist veraltet, mit schmerzhaften Nebenwirkungen.

derStandard.at: In den 1990er Jahren wurde die Produktion des Wirkstoffs Eflornithin gegen die Schlafkrankheit eingestellt.

Potet: Eflornithin, ursprünglich ein Wirkstoffkandidat gegen Krebs, stellte sich als wirksam gegen die Schlafkrankheit heraus und bekam 1990 die Zulassung für diese Indikation. Allerdings stellte die damalige Herstellerfirmer Hoechst Marion Roussel die Produktion ein, weil der Markt nicht profitabel war.

Nur wenige Jahre später brachte die Firma Aventis eine kosmetische Creme zur Gesichtshaarentfernung mit demselben Wirkstoff heraus. Ärzte ohne Grenzen prangerte das damals an. Daraufhin stimmte Aventis zu, Eflornithin auch zur Therapie der Schlafkrankheit zu produzieren und zu stiften.

derStandard.at: Zu wenig Profit - ist das das Schicksal der vergessenen Krankheiten?

Potet: Ja, diese Situation gibt es noch immer. Das marktgetriebene Modell der Forschung und Entwicklung verabsäumt es, neue Mittel gegen die vergessenen Krankheiten zu liefern. Aber es gibt auch Grund zur Hoffnung - in Form neuer Finanzierungsmechanismen, die die Entwicklungskosten vom potenziellen Profit des Endprodukts abkoppeln, etwa durch Innovationspreise oder Förderprogramme. So kann Marktversagen entgegengewirkt werden.

derStandard.at: Wie leben Menschen mit einer "vergessenen" Krankheit? Was sind ihre Probleme - etwa am Beispiel der Infektionskrankheit Chagas in Südamerika, die durch eine blutsaugende Raubwanze übertragen wird?

Potet: Die chronische Form der Chagas-Krankheit betrifft Millionen Menschen hauptsächlich in Lateinamerika und kann zu Langzeitkomplikationen wie lebensbedrohlichen Herzfehlern führen. Das Problem ist, dass die vorhandenen Behandlungsmethoden Nebenwirkungen haben und ihre Wirkungsweise nicht vollständig bekannt ist. Außerdem gibt es keinen Test für Patienten, damit sie wissen, ob sie geheilt sind oder nicht. Auch für Chagas brauchen wir unbedingt neue und bessere Medikamente und einen Test.

derStandard.at: Wie sieht der Alltag der daran erkrankten Menschen in Bolivien und Paraguay aus?

Potet: Chagas kommt in verschiedenen Phasen. In der akuten Phase zeigen sich meist noch keine Symptome. In der chronischen Phase bekommen zehn Prozent der Patienten Magen-Darm-Komplikationen und 30 Prozent Herzprobleme. Herzinsuffizienz kann tödlich sein und zum plötzlichen Tod führen. Die kranken Herzen machen die Menschen müde und weniger mobil, sie bekommen Schmerzen in der Brust und Atemlosigkeit.

In den betroffenen Ländern gibt es auch nur sehr begrenzten Zugang zur Behandlung von Herzkrankheiten, daher leiden die Menschen ein Leben lang unter den schweren Symptomen. Daher wäre es so wichtig, Chagas zu behandeln, bevor diese Komplikationen auftreten.

derStandard.at: Ärzte ohne Grenzen ist Gründungsmitglied der Drugs for Neglected Diseases Initiative (DNDI). Gab es seit der Gründung 2003 Fortschritte?

Potet: Ja, es hat definitiv Fortschritte gegeben. Mit beschränkten Mitteln hat DNDI neue Kombinationen bestehender Arzneimittel herausgebracht, was unter anderem sicherere, kürzere und wirksamere Therapien für die Schlafkrankheit und die parasitäre Erkrankung Kala Azar (Viszerale Leishmaniose) gebracht hat.

Momentan sind neue chemische Substanzen in pharmazeutischer Entwicklung. Allerdings brauchen wir dringend zusätzliche Ressourcen, um die Entwicklung voranzutreiben, neue vielversprechende Wirkstoffe in klinische Studien zu bringen und wichtige Durchbrüche zu schaffen.

derStandard.at: Was sollte passieren, damit diese Krankheiten in Zukunft nicht mehr vergessen werden?

Potet: Was bis jetzt fehlt, ist politischer Wille - sowohl in den Geber- als auch in den Entwicklungsländern. Ich bin überzeugt, einige dieser Krankheiten könnten ausgerottet werden. Aber dafür braucht es mehr als ein paar Medikamentenspenden von Pharmafirmen. Bessere und nachhaltige Ressourcen für Kontrollprogramme sind notwendig.

Es ist außerdem an der Zeit, ein internationales Übereinkommen über Forschung und Entwicklung unter Federführung der WHO zu verhandeln. Nur so kann die Forschung zu vergessenen Krankheiten priorisiert, koordiniert und finanziert werden. (Marietta Türk, derStandard.at, 11.5.2012)

Julien Potet ist Neglected Tropical Diseases Policy Advisor bei Ärzte ohne Grenzen.

Link

dndi.org

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