IWF hinterfragt eigene Griechenland-Therapie

4. Mai 2012, 09:17
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Währungsfonds-Experten bekennen: Was EU und IWF umsetzen wollen, ist oft der Weg in den ökonomischen Kollaps

Im jüngsten Griechenlandbericht des Internationalen Währungsfonds (IWF) setzen sich dessen Experten überraschend offen mit dem theoretischen Überbau ihres Programms auseinander. Dabei bekennen sie: Was EU und IWF in Griechenland umsetzen wollen, ist oft der Weg in den ökonomischen Kollaps.

Mit dem Reformprogramm soll die griechische Staatsverschuldung abgebaut werden. Ziel ist zudem, die Wirtschaft wettbewerbsfähiger zu machen, indem Löhne und Preise gedrückt werden. Dadurch soll das Handelsdefizit sinken. Weil Griechenland dafür seine Währung nicht abwerten kann - wodurch sich Exporte sofort verbilligen würden -, wird diese Strategie " internal devaluation", also interne Abwertung, genannt.

Wenige Erfolgsbeispiele

Historisch "hat sich das als ein schwieriges Unterfangen mit wenigen Erfolgsbeispielen" erwiesen, schreiben die IWF-Analysten. Länder, die eine interne Abwertung durchmachen, können bestenfalls mit einer langen, aber milden Rezession rechnen, schlimmstenfalls mit einem "tiefen ökonomischen Kollaps, mit verheerender Arbeitslosigkeit und einer Auswanderungswelle".

Im Laufe der letzten Jahrzehnte haben Hongkong (1997), Argentinien (1998), die Niederlande (80er-Jahre), Lettland (2009) und aktuell Irland und Portugal eine interne Abwertung versucht. In Argentinien setzte es ein Fiasko, in den Niederlanden folgte eine milde Rezession.

Entlassungen statt Lohnkürzungen

Die Schwierigkeit bei der internen Abwertung ist, dass Löhne sich in einer freien Marktwirtschaft nur schwer drücken lassen. Wenn das Wachstum einbricht, reagieren Unternehmen eher mit Entlassungen denn mit Lohnkürzungen. So auch in Griechenland, wo die Arbeitslosigkeit seit 2010 von über elf auf 21,8 Prozent gestiegen ist. Die Produktionskosten sind wegen der höheren Steuern (Inflation) nicht gesunken.

Hilfreich für eine interne Abwertung sind laut IWF eine niedrige Verschuldung, geringe Sozialausgaben, ein flexibler Arbeitsmarkt und breite politische Unterstützung. Der Ökonom Jay Shambaugh, der interne Abwertungen in 26 US-Städten untersuchte, nennt zudem eine hohe Inflation (über fünf Prozent) in anderen Regionen als Erfolgsvoraussetzung. Wenn die Preise anderswo stark steigen, wird der Anpassungsdruck niedriger. Auf Europa umgemünzt hieße das, die Inflation müsste in Deutschland und anderswo massiv anziehen.

"Die meisten Voraussetzungen für eine erfolgreiche interne Abwertung fehlen in Griechenland", schreiben die IWF-Experten. Damit das Programm in den kommenden drei Jahren funktioniert, sei eine strikte Implementierung der Reformvorgaben von EU und Währungsfonds notwendig. Das wird heißen: Wer auch immer die Wahlen gewinnt, der Spielraum der Griechen bleibt minimal. (András Szigetvari, DER STANDARD, 4.5.2012)

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