Stronachs "Wegweiser für Österreich": Obacht, Revolution!

Kolumne3. Mai 2012, 19:19
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Stronach wittert im Mief der Koalition die Morgenluft einer revolutionären Situation

Mit dem Elan eines Heizdeckenverkäufers, der sich anhaltendes Desinteresse an seiner Ware nicht verdrießen lässt, hat sich nach den Piraten nun gar ein Revolutionär des Denkens entschlossen, in Österreich nach der Macht zu greifen. Jahrelang weigerten sich die etablierten Parteien zur Kenntnis zu nehmen, was er allsonntäglich tröpfchenweise in der bunten Krone als politischer Denker absonderte. Jetzt wittert er im Mief der Koalition die Morgenluft einer revolutionären Situation - und öffnet die Geldbörse.

Ja, ein Gespenst geht um in Österreich, ein Gespenst, das mit einem Mix aus Arnold Schwarzeneggers sozialwissenschaftlichen und Hans Dichands medienpraktischen Talenten in der ÖVP angeblich Schrecken erzeugt und bei ähnlich revolutionären Oppositionsparteien eine Sehnsucht nach dem von ihm verheißenen Fleischtopf. Nicht zufällig am 1. und 2. Mai war's, als der Prophet der "sozialökonomischen Gerechtigkeit" die Sau raus und sein Manifest in "Krone" und "Heute" reinlegen ließ.

Der richtige Weg

"Eine Revolution für Österreich" nennt Frank Stronach seinen "Wegweiser für Österreich", und weil des Patriotismus nie genug sein kann, lautet eine seiner Maximen, "Politiker sein heißt, seinem Land zu dienen", was nicht für Revolutionäre gelten muss, die ihrer Heimat unbedingt den richtigen Weg weisen und sich selber gleichzeitig den richtigeren in ein steuerschonendes Klima, etwa in die Schweiz, offenhalten wollen.

Wie die Revolution aussehen könnte, wird für die Bewohner des Dichand'schen Medienuniversums nichts Neues gewesen sein, deckt sie sich doch mit den Vorgaben, die der jeweilige Familientycoon der innenpolitischen Redaktion auferlegt: EU-Feindlichkeit, Flat Tax, ökonomische Rezepte, wie sie jedem vertraut sind, "der einen Haushalt führt", belebt von einem patriarchalischen Unternehmertum, das in den "fleißigen Mitarbeitern" jede Sehnsucht nach einer Gewerkschaft im Keim erstickt. Und das generelle Verunglimpfen von Politik und Politikern, den Typus Grasser ausgenommen.

Leimrute Stronachs

Noch blieb niemand als Parteigründer an der finanziellen Leimrute Stronachs picken - er selbst scheut das persönliche Risiko -, doch schon hat seine Revolution ihre Zentralorgane! Wenn Stronach Arm in Arm mit Dichand die Koalition in die Schranken fordert, ist für revolutionäre Disziplin gesorgt, womöglich bis in die Reihen der SPÖ.

Es müsste sich halt nur einer finden, der anbeißt. Das BZÖ würde offenbar schon gern, hat es doch nichts zu verlieren als die Ketten zur FPÖ. Wäre da nur nicht die andere Maxime, die Stronachs Denken prägt: Wer das Gold hat, der schafft an! Und unter diesem ehernen Prinzip, sich von ihm fördern zu lassen, wäre das der Todeskuss für jede Partei, die auf demokratische Eigenständigkeit Wert legt und Transparenz nicht selbstbeschädigend übertreiben will.

Ist man in seinen Ansprüchen nur bescheiden genug, hat Stronachs Manifest trotz aller Einwände dagegen dennoch etwas Gutes. Es macht einen das Regierungsinserat vom Wochenende unter dem Motto "Österreich weiterbringen" irgendwie sympathisch. Es verspricht zwar keine Revolution, spart aber an populistischen Heilsversprechen. (Günter Traxler, DER STANDARD, 4.5.2012)

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