Erfolgreicher Schrei nach neuem Rekord

3. Mai 2012, 19:22
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Über eine Versteigerung trennte sich ein norwegischer Geschäftsmann von Munchs Meisterwerk des Expressionismus

Edvard Munch soll an Platzangst gelitten haben. In jungen Jahren habe ihm das Überqueren einer Straße Schwierigkeiten bereitet, später soll er auf weite Landschaften nicht minder sensibel reagiert haben. Und diese Agoraphobie habe er, so die Theorie eines Historikers, in seinen Bildern zum Ausdruck gebracht. Dies würde erklären, warum Bilder wie Der Schrei von Betrachtern bisweilen als bedrückend erlebt werden.

Authentischer erklärte der 1863 als Sohn eines Militärarztes in Norwegen geborene Künstler die Genesis dieses Bildes: Bei einem Abendspaziergang sah er hinaus über den Fjord, "die Sonne ging unter, die Wolken färbten sich rot wie Blut. Ich fühlte, wie ein Schrei durch die Natur ging. Ich malte dieses Bild, malte die Wolken als wirkliches Blut."

Das Ergebnis war ein Werk, das wie kein anderes zuvor und kaum eines danach zeigte, wie eine Erregung alle unsere Sinneseindrücke verändert. Angst in ihrer pursten Form, die eher einer verzerrten Fratze bedarf, als dekorativen Ansprüchen genügen zu wollen. "Irgendetwas Furchtbares muss da passiert sein, und es wirkt umso beunruhigender, weil wir niemals wissen werden, was der Schrei bedeutet", beschrieb es der Kunsthistoriker Ernst Gombrich treffend. Zwischen 1893 und 1910 malte Edvard Munch vier Fassungen dieses Motivs: Drei befinden sich in Museumssammlungen, darunter auch jene zwei ehemals in Oslo gestohlenen (1994 Nationalgalerie, 2004 Munch-Museum).

Die vierte, 1895 in Pastell ausgeführte Version hütete ein norwegischer Geschäftsmann seit sieben Jahrzehnten in seiner Privatsammlung. Nun traf Petter Olsen den Entschluss, sich von diesem Meisterwerk des Expressionismus zu trennen: nicht über einen diskreten Verkauf, sondern über eine Versteigerung in aller Öffentlichkeit (Sotheby's, New York), bei der potenzielle Kaufinteressenten mit ihren Geboten auf die demokratischste Weise über den Preis entscheiden.

Am Abend des 3. Mai setzte sich der neue Besitzer (gerüchteweise aus Katar) gegen sieben Konkurrenten durch und bewilligte mit 119,92 Millionen Dollar den höchsten je in einer Auktion für ein Kunstwerk erzielten Wert. Vorerst.

Petter Olsen beschert dieser Rekord ein Vermögen: 2013 jährt sich der Geburtstag des Künstlers zum 150. Mal, dann soll das über den Verkauf des Publikumsmagneten finanzierte neue Munch-Museum eröffnen und trotz der Abwesenheit von Der Schrei zahlreiche Besucher locken. (Olga Kronsteiner, DER STANDARD, 4.5.2012)

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    Munchs "Der Schrei" brachte 119,2 Millionen Dollar ein.

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