Verausgabung bis zum letzten Mann

3. Mai 2012, 17:00
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Gustavo Dudamel mit den Berliner Philharmonikern

Wien - Auf dem Papier las es sich wie so ziemlich das Spektakulärste, was als Programm für ein Orchesterkonzert denkbar ist: Beethovens 5. Symphonie und Also sprach Zarathustra von Richard Strauss, also zwei der absolut publikumsträchtigen klassischen Stücke überhaupt, dirigiert vom Shootingstar Gustavo Dudamel, gespielt von den Berliner Philharmonikern im Goldenen Saal.

Entsprechend lange prangten auch schon Zettel mit dem Hinweis " Ausverkauft" auf den Plakaten des Musikvereins, entsprechend dicht war am Mittwochabend das Gedränge, entsprechend hochgeschraubt die Stimmung. Beide Stücke sind indessen nicht nur deshalb so schwer zu interpretieren, weil sie so abgespielt sind.

Mehr Balance als Schwung

Vielmehr sind sie beide gespickt mit gestalterischen Schwierigkeiten, reicht bloßer Schwung nicht aus, um über ihre Sollbruchstellen hinwegzukommen. Um Beethovens Partitur mit ihrem engmaschigen Netz an motivischen Verflechtungen mit einem großen Symphonieorchester transparent hinüberzubringen, brauchen Dirigent und Orchester ein untrügerisches Gespür für Balance und Feinabstimmung zwischen den Instrumenten.

Beides demonstrierten beide Parts in hohem Maß, wobei sich die Berliner buchstäblich bis zum letzten Mann ins Zeug legten - bei weitem keine Selbstverständlichkeit im üblichen Orchestergetriebe. Dass ihre beispielhaft genaue und vor allem bei den Holzbläsern delikate Wiedergabe insgesamt dennoch ein wenig schwerfällig wirkte, lag dabei nicht nur am großen Klangapparat, sondern auch an Dudamels Neigung, bei eher gemäßigten Tempi den Notentext bis ins letzte Glied ausmusizieren zu lassen und jeden Übergang überlegt auszugestalten.

Bei Strauss half genau diese Überlegtheit, das Stück davor zu bewahren, ins bloß Effektvolle zu kippen - ebenso wie die behutsame Abstufung der Klangmassen nicht nur der Blechbläser, die wohl wiederum zu gleichen Teilen auf das Konto des Dirigenten und der Orchestergruppen ging. Dem Jubel des Publikums dankte man mit Le jardin feerique aus Ma mère l'oye von Maurice Ravel als ätherische Zugabe. (Daniel Ender, DER STANDARD, 4.5.2012)

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