Einsamer Terrorpate sorgte sich um Zukunft

3. Mai 2012, 16:36
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Der Al-Kaida-Chef beschwerte sich über die Inkompetenz lokaler Ableger und empfahl nordafrikanischen Terroristen, Bäume zu pflanzen

Die Anführer der Terrororganisation Al-Kaida waren gespalten über die Strategie, Taktiken und die Zukunft der Bewegung. Diesen Schluss legen Dokumente nahe, die bei der Erstürmung des Bin-Laden-Anwesens gefunden wurden. Insgesamt wurden rund 6.000 Unterlagen im pakistanischen Versteck des Al-Kaida-Chefs am 2. Mai 2011 entdeckt. 17 davon wurden am Donnerstag vom Center for Combating Terrorism der US-Militärakademie West Point veröffentlicht. Das 175 Seiten lange Dokument (knapp 200 Seiten in der englischen Übersetzung) beinhaltet auch den Briefverkehr mit anderen hochrangigen Al-Kaida-Mitgliedern, viele davon tragen die Handschrift Bin Ladens.

Anschlag auf Obama und Petraeus

In einem undatierten und nicht unterschriebenen Brief wird sogar über eine Änderung des Namens von Al-Kaida nachgedacht. Der Autor schlägt mehrere Namen mit stärkerem islamischen Bezug vor, um die Identifikation der Muslime mit dem Terrornetzwerk zu stärken.

Wie US-Medien schon zuvor berichteten, belegen die Aufzeichnungen auch, dass der Al-Kaida-Chef einen Anschlag auf US-Präsident Obama in Erwägung zog. Vize-Präsident Joe Biden, so Bin Laden, wäre auf das Präsidentenamt "völlig unvorbereitet" und die Vereinigten Staaten würden automatisch in einen Krisenzustand verfallen. Auch General David Petraeus, ehemaliger Kommandeur der internationalen Streitkräfte in Afghanistan, war ein potentielles Ziel. "Der Tod von Petraeus hätte schwere Auswirkungen auf den Verlauf des Krieges", so Bin Laden.

Arabischer Frühling ein "kolossales Ereignis"

Den Arabischen Frühling nannte der Terrorchef in einem Schreiben vom April 2011 ein "kolossales Ereignis" in der jüngeren Geschichte der Muslime. Doch er warnte vor "halben Lösungen", wie zum Beispiel, sich im neuen demokratischen System zu engagieren und politische Parteien zu gründen. Eine mediale Kampagne sollte Muslime dazu aufrufen, zu revoltieren.

In Afghanistan wollte Bin Laden den Kampf gegen die Amerikaner weiterführen. Er glaubte, der Krieg am Hindukusch würde die USA so sehr schwächen, dass der Westen nicht mehr in der Lage wäre, Revolutionen in anderen Ländern der islamischen Welt zu verhindern und arabische Diktatoren zu unterstützen.

Unzufrieden mit Ablegern

Laut der 64-seitigen Zusammenfassung der Dokumente gab es heftige Diskussionen über die regionalen Ableger Al-Kaidas zwischen Bin Laden und anderen Mitgliedern der Terrororganisation. Der Al-Kaida-Boss beschwerte sich unter anderem über die Inkompetenz der lokalen Filialen. Vor allem der irakische Ableger soll ihm zu viele Fehler begangen haben. Das US-amerikanische Al-Kaida-Mitglied Adam Gadahn riet Bin Laden sogar, sich von den irakischen Terroristen zu distanzieren.

Dem Anführer des jemenitischen Arms von Al-Kaida (AQAP) empfahl Bin Laden, keine Expansionspläne zu verfolgen und kein islamisches Emirat im Süden der Arabischen Halbinsel einzurichten. Ein Ratschlag, den die Al-Kaida auf der Arabischen Halbinsel ignorierte - die Gruppe kontrolliert mittlerweile Teile des Südjemen. Kritisch sah der Al-Kaida-Chef auch die militante somalische Islamisten-Bewegung Al-Shabaab. Bin Laden sah wenig Sinn in einer Allianz mit der seiner Meinung nach schlecht organisierten Gruppe. Nach dem Tod Bin Ladens wurde der Zusammenschluss allerdings Realität. Al-Shabaab gab Anfang 2012 ihr Bündnis mit Al-Kaida bekannt.

Sorge über Drohnenangriffe

In den 17 veröffentlichten Dokumenten zeigt sich Bin Laden außerdem besorgt über amerikanische Drohnenangriffe auf mutmaßliche Al-Kaida-Stellungen in Pakistan (mehr dazu auf der interaktiven Karte). Für den CNN-Terrorexperten Peter Bergen neigte Bin Laden zunehmend dazu, sich um jede Kleinigkeit zu kümmern - ein Zeichen seines verzweifelten Versuches, die Kontrolle über die Al-Kaida zu behalten und weiter "bedeutend" zu sein. So habe er in einem Fall Verbündeten in Nordafrika geraten, Bäume zu pflanzen, damit sie sich im Fall von Drohnen- und anderen Angriffen darunter verstecken könnten. Insgesamt, so der Experte, spiegelten die Papiere die zunehmende Isolation Bin Ladens in den sechs Jahren wider, die er sich in Pakistan versteckt gehalten habe. (red, derStandard.at, 3.5.2012)

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    Al-Kaida-Chef Osama Bin Laden zeigte sich besorgt über den Zustand seiner Organisation.

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