EU-Kommission bleibt EM in der Ukraine fern

4. Mai 2012, 06:19
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Laut Erklärung der EU-Delegation in Kiew - Putin bietet Timoschenko Behandlung in Russland an - Ihr Zustand verschlechtert sich

Kiew - Aus Protest gegen die Politik von Präsident Viktor Janukowitsch wird die gesamte EU-Kommission der Fußball-Europameisterschaft in der Ukraine fernbleiben. Das geht aus einer am Donnerstag von der EU-Delegation in der ukrainischen Hauptstadt Kiew veröffentlichten Erklärung hervor. Die Führung in Kiew steht wegen ihres Umgangs mit der inhaftierten Oppositionspolitikerin Julia Timoschenko massiv unter Beschuss.

"EU-Kommissionspräsident (Jose Manuel) Barroso hat nicht die Absicht, in die Ukraine zu reisen oder an den Veranstaltungen im Zusammenhang mit der Euro-2012 teilzunehmen", hieß es in der auf der Facebook-Seite der EU-Vertretung veröffentlichten Erklärung. "Diese Haltung wird von allen EU-Kommissaren geteilt." Barroso selbst hatte bereits zuvor angekündigt, dass er nicht in die Ukraine reisen werde.

Gesundheitszustand verschlechtert sich

Der Gesundheitszustand von Julia Timoschenko hat sich nach Einschätzung ihrer Tochter indes weiter verschlechtert. "Sie ist viel schwächer, als sie noch vor ein paar Tagen war", sagte Jewgenija Timoschenko, die ihre Mutter nach eigenen Angaben am selben Tag im Gefängnis besucht hatte, am Donnerstagabend im ZDF. Sie müsse liegen und könne sich zurzeit "praktisch gar nicht bewegen". Die Bitten der Familie, den Hungerstreik zu beenden, seien bisher erfolglos. "Sie hat aus verschiedensten Gründen ein Interesse an diesem Hungerstreik", sagte die 32-Jährige.

Boykott spaltet Polen

Tagelang herrschte in Polen Schweigen zu den immer lauter werdenden Boykottforderungen westlicher Politiker, die der Ukraine bei der Fußballeuropameisterschaft die kalte Schulter zeigen wollen. Angesichts der Vorreiterrolle des Co-Veranstalters Polens beim Versuch, den östlichen Nachbarn stärker nach Europa zu holen, war die Stille an der Weichsel besonders auffällig.

Lediglich Außenamtssprecher Marcin Bosacki wunderte sich in der vergangenen Woche über die Reaktionen im Westen, sprach von "Missverständnissen". "Diejenigen, die jetzt mit einem Boykott der Ukraine während der EM drohen, waren in der Vergangenheit nicht so prinzipientreu, wenn es sich um größere Länder handelte", mokierte er sich.

Der nationalkonservative Oppositionsführer Jaroslaw Kaczynski hielt am Donnerstag dagegen, auch Polen müsse den ukrainischen Teil der EM boykottieren. "Europa muss ein klares Signal zur drastischen Verletzung der Menschenrechte in der Ukraine setzen", forderte der Ex-Premier und Chef der Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS).

Boykott treibt Ukraine in die Arme Russlands

Mehr noch: Ein Boykott alleine werde die Ukraine kaum zu einem Kurswechsel im Umgang mit der Opposition bewegen. "Die entsprechenden europäischen Institutionen sollten ein Szenario vorbereiten, das der Ukraine das Recht nimmt, die EM zu organisieren und die Spiele in ein anderes Land verlegt", schlug Kaczynski vor.

Staatspräsident Komorowski dagegen warnte, ein Boykott der Ukraine treibe das Land nur in die Arme Russlands und mache die Bemühungen der vergangenen Jahre um eine Westintegration zunichte.

Amnesty: "Falscher Weg"

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International hält einen Boykott ebenfalls für den falschen Weg. Stattdessen sollten Politiker und Sportfunktionäre, die in die Ukraine reisten, die Gelegenheit nutzen, um auf die schweren Menschenrechtsverletzungen aufmerksam zu machen und von der ukrainischen Regierung einen besseren Menschenrechtsschutz fordern, sagte der Generalsekretär von Amnesty Deutschland, Wolfgang Grenz, gegenüber Handelsblatt Online.

Putin für Behandlung in Russland

Präsident Wladimir Putin hat sich für eine Behandlung von Julia Timoschenko in Russland ausgesprochen. Moskau übernehme die erkrankte Oppositionsführerin "gerne", falls sie selbst dies wünsche und die Führung in Kiew zustimme, sagte Putin am Donnerstag nach Angaben der Agentur Interfax in Moskau. Er kritisierte erneut die Verurteilung von Timoschenko zu sieben Jahren Haft wegen eines angeblichen fehlerhaften Gasvertrags. Das Abkommen sei rechtens, betonte Putin. Er kritisierte zugleiche westliche Politiker für ihren Boykott der Fußball-EM in der Ukraine. (APA)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Timoschenko als politischer Spielball der EM.

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