CIA-Angriff auf die englische Grammatik

10. Mai 2012, 05:30
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Al-Kaida veröffentlichte zwei neue Ausgaben ihres Magazins "Inspire" - CIA wollte das durch Drohnenangriffe unterbinden - ohne Erfolg

"Im Feld gewinnen", titelt die neueste Ausgabe des englischsprachigen Jihadisten-Magazins "Inspire". Die Ausgabe fällt jedoch düster aus: Der Großteil der Publikation beschäftigt sich nämlich mit dem Tod zahlloser Terroristen von Al-Kaida auf der Arabischen Halbinsel in den vergangenen Monaten. Veröffentlicht wurden die achte und die neunte Ausgabe der Zeitschrift am 2. Mai 2012, dem Todestag von Osama bin Laden, in einem radikal-islamistischen Online-Forum.

Das besondere dabei: US-Geheimdiensten zufolge dürfte es die neuen Ausgaben gar nicht geben. Denn Samir Khan, Herausgeber und Chefreporter des Magazins, wurde bei einem CIA-Drohnenangriff im September 2011 im Jemen getötet. Auch Anwar al-Awlaki, der regelmäßig Auftritte in "Inspire" hatte und als Zugpferd der Publikation galt, kam bei dem tödlichen US-Schlag ums Leben. Die beiden waren führend an der Produktion des Magazins beteiligt, ohne sie – so mutmaßten US-Behörden nach ihrem Tod – sei eine Veröffentlichung unmöglich.

Bombenbasteln leicht gemacht

Awlaki und Khan gelten als Gründungsväter von "Inspire" – der Name ist nach eigenen Angaben aus einem Koran-Vers abgeleitet: "Oh Prophet, inspiriere die Gläubigen zum Kampf" (Sure 8, Vers 65). Die erste Ausgabe wurde am 1. Juli 2010 veröffentlicht und beinhaltete das, was das Magazin auch in den folgenden Ausgaben im Westen berühmt machen sollte: Farbenprächtig illustrierte Porträts gefallener Terroristen, aufwendig gestaltete Anleitungen zum Bombenbasteln und Tricks, um den Behörden zu entkommen. Auch die beiden nun veröffentlichten Magazine erklären ausführlich, wie man in der eigenen Küche Sprengsätze baut.

Westliche Behörden beobachteten die Veröffentlichungen des Magazins in der Vergangenheit immer mit Besorgnis. Ziel der Publikationen war es, Muslime im Westen zu radikalisieren und sie zu Terroranschlägen zu verleiten. In Großbritannien wurde ein Teenager sogar verhaftet, weil er Kopien des Magazins auf seinem Computer gespeichert hatte.

Awlakis Kontakt zu Attentätern

Awlaki genoss die besondere Aufmerksamkeit sowohl der US-Geheimdienste als auch der amerikanischen Medien. Seine genaue Bedeutung innerhalb Al-Kaidas ist bis heute umstritten, sein Einfluss auf terroristische Einzeltäter hingegen nicht. Nidal Malik Hassan, der in Fort Hood in Texas im November 2009 13 Menschen erschoss, hatte vor seinem Amoklauf E-Mail-Kontakt mit Awlaki. Der Unterhosenbomber Umar Farouk Abdulmutallab traf sich mit Awlaki, bevor er vergeblich versuchte, eine US-Passagiermaschine zum Absturz zu bringen.

US-Präsident Barack Obama nannte Awlaki den "Anführer für externe Operationen von Al-Kaida auf der Arabischen Halbinsel" und rechtfertigte damit die gezielte Tötung des US-Staatsbürgers. Der Tod des Amerikaners mit jemenitischen Wurzeln sei ein schwerer Schlag für Al-Kaida im Jemen gewesen.

Zweifelhafter Erfolg

Doch die Erfolgsmeldungen der USA sind fragwürdig. Denn sollte Awlaki tatsächlich der "Anführer für externe Operationen" gewesen sein, war es für die Terrororganisation offenbar nicht schwer, Ersatz zu finden. Am vergangenen Sonntag wurde Fahd al-Quso ebenfalls durch einen US-Drohnenangriff im Jemen getötet – abermals wurde berichtet, es handle sich um den "Leiter für externe Operationen von Al-Kaida auf der Arabischen Halbinsel". Auch der Versuch, die englischsprachige Jihad-Propaganda durch die CIA-Operationen im Jemen zu stoppen, ist alles andere als erfolgreich: Nicht nur, dass "Inspire" weiterhin ungehindert veröffentlicht wird, die neuen Ausgaben strotzen nur so von Anleitungen zum Bombenbau und Terroranschlägen.

Einzig bei Grammatik und Orthografie der englischen Sprache scheinen die Nachfolger der US-Amerikaner Awlaki und Khan größere Schwierigkeiten zu haben. Neben zahlreichen Fehlern in den Artikeln lautet der englischsprachige Originaltitel der neunten Ausgabe "Wining (sic!) on the ground". (Stefan Binder, derStandard.at, 10.5.2012)

  • "Wining on the Ground" - außer Rechtschreibfehlern im Titel und einigen Artikeln im Magazin richtete die Drohnenkampagne der Amerikaner wenig Schaden an.
    foto: screenshot/inspire

    "Wining on the Ground" - außer Rechtschreibfehlern im Titel und einigen Artikeln im Magazin richtete die Drohnenkampagne der Amerikaner wenig Schaden an.

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