Ein Zugeständnis an den Schweinehund

  • Für den UniStandard-Selbstversuch blieb mein Platz im Hörsaal letztes 
Semester frei. Mein Ziel: ein Semester mit weniger als zehn Besuchen an 
der Uni positiv zu absolvieren.
    foto: standard/corn

    Für den UniStandard-Selbstversuch blieb mein Platz im Hörsaal letztes Semester frei. Mein Ziel: ein Semester mit weniger als zehn Besuchen an der Uni positiv zu absolvieren.

Kann man ein ganzes Semester einfach blaumachen? Beschreibung eines Selbstversuchs

Es schneit, es stürmt, es ist bitterkalt. Meine Motivation, mich Richtung Universität zu bewegen, sinkt gegen null. Oder: Ein Seminar steht an, aber auch der Nebenjob drängt sich kräftig auf.

Zerrissen zwischen Schweinehund und Sachzwang, entscheide ich mich, ein Experiment zu begehen: Gelingt es, ein Semester lang zu studieren, ohne dass die Anzahl der Uni-Besuche den einstelligen Bereich übersteigt?

Fünf Vorlesungen und zwei Seminare sollte ich dieses Semester absolvieren, um im Magisterstudium Publizistik in Mindestzeit zu bleiben. Vorlesungen stellen dabei noch das geringste Problem dar, am wenigsten jene, deren didaktische Konzeption das wortwörtliche Vorlesen eines seit Jahren unveränderten Skripts nicht übersteigt. Also auf zur Uni-Buchhandlung, um mir mithilfe jener Skripten den Besuch zweier Vorlesungen ersparen zu können.

In dieselbe Kategorie wie jene "Skripten-VOs" fallen die ebenfalls eher ruhmlosen "Power-Point"-Vorlesungen: Alles, was Professoren in diesen außer dem Inhalt der präsentierten Folien verbreiten, ist eher von kaffeeklatschhaft-anekdotischem Interesse oder dazu geeignet, selbst Vorschulkindern den Sachverhalt einleuchtend zu machen.

Streaming sei Dank

Um herauszufinden, ob meine Vorlesung in dieses Muster fällt, melde ich mich einfach nachträglich für die Veranstaltung des letzten Semesters an, woraufhin ich im E-Learning-System freigeschalten werde und die Folien selbst überprüfen kann.

Zumindest eine Vorlesung ist auf den ersten Blick als reine Folien-Präsentation ausmachbar, eine weitere macht mein Glück dadurch komplett, dass sie Audiostreaming anbietet - mein Semester an der Peripherie der Uni scheint gerettet.

Im Internet angebotene Audio- oder Videofiles können, so überzeuge ich mich, de facto als Einladung, die Vorlesung nicht zu besuchen, gewertet werden. Deshalb ist es auch nicht unmoralisch oder dem Studienerfolg abträglich, solche Lehrveranstaltungen zu schwänzen; noch dazu leiste ich einen Beitrag zum Versuch, die Uni-Kapazitätsprobleme via solcher Streamings zu lösen!

Schwieriger hingegen gestalten sich Seminare: Der Anwesenheitsliste ist nicht zu entkommen. Schnell meine Aufgabenstellung rekapituliert: möglichst selten auf der Uni sein. Wenn sich meine raren Besuche dafür hochkonzentriert an einem Tag im Monat verdichten, was mich sonst wöchentlich anstoßen müsste, bewegt sich dies im legitimen Rahmen meines Experiments. Kurz: Blockseminare müssen her! Mit etwas Glück finde ich zwei mehrstündige Seminare, die am selben Wochentag angeboten werden. Da man sich im Lauf eines Semesters naturgemäß so manche Krankheit einfängt, muss ich lediglich dreimal sechs und viermal fünf Stunden über mich ergehen lassen.

Fazit nach einem Semester: Ich habe fünf Vorlesungen und zwei Seminare absolviert und, die Prüfungstermine ausgenommen, insgesamt vier Tage auf der Universität verbracht. Allerdings musste ich viel Disziplin aufwenden, um die absichtlich verpassten Vorlesungsinhalte daheim durch Folien oder Lektüre aufzuholen. Mein Selbstversuch hat mir vor allem gezeigt, wie verschult und standardisiert die universitäre Lehre mittlerweile geworden ist. Ich würde mir wünschen, dass es einen Unterschied macht, ob ich die Vorlesung besuche oder nicht. (Fabian Schmid, UniStandard, DER STANDARD, 3.5.2012)

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