"Krankheit ist ihr Schutz"

Interview4. Mai 2012, 09:00
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Harte "Gastarbeit" hat Spuren hinterlassen. Im Frauengesundheitszentrum FEM gibt es Hilfe bei gesundheitlichen und psychosozialen Problemen

Seit 13 Jahren können sich Frauen, Eltern und Mädchen im Frauengesundheitszentrum FEM Süd im Wiener Kaiser-Franz-Josef-Spital zu vielfältigen Gesundheitsfragen beraten lassen - und zwar auf Deutsch, Englisch, Arabisch, Türkisch, Bosnisch/Kroatisch/Serbisch (B/K/S) und Französisch. Für viele weitere Sprachen, etwa Somali und Amhari, werden Übersetzerinnen organisiert. Mit welchen Problemen sich die Frauen in ihren jeweiligen Muttersprachen an FEM Süd wenden und inwiefern das Thema Selbstbestimmung in den Beratungen Platz findet, darüber sprach daStandard.at mit Kathleen Löschke-Yaldiz, Gesundheitspsychologin und stellvertretende Leiterin des Zentrums, und den Beraterinnen Umyma El-Jelede und Slavica Blagojević.

daStandard.at: Im letzten Jahr kamen Frauen aus mehr als 60 Herkunftsländern zur Gesundheitsberatung zu Ihnen. Wie erfahren Ihre Klientinnen von der Möglichkeit, bei FEM Süd eine Beratung in Anspruch zu nehmen?

Löschke-Yaldiz: Unser Angebot hat sich sehr herumgesprochen. Wir sind aber auch viel draußen, und zwar dort, wo wir unser Publikum erreichen und auch aktiv ansprechen können, also in Parks, auf Spielplätzen, in Kirchen, Moscheen, Vereinen und so weiter.

El-Jelede: Bei den afrikanischen und arabischen Frauen, die ich berate, funktioniert viel über Mundpropaganda. Auch wenn ich privat unterwegs bin, spreche ich oft arabische oder afrikanische Frauen an. Viele dieser Frauen haben nämlich keine Ahnung davon, dass es auch für sie muttersprachliche Beratungsstellen gibt.

Blagojević: Ganz am Anfang, vor elf Jahren, war es ganz schwierig, die bosnischen, serbischen und kroatischen Frauen zu erreichen, aber durch die Mundpropaganda brauche ich jetzt gar keine Werbung mehr zu machen. In der Beratung auf B/K/S sind wir wirklich voll.

daStandard.at: Mit welchen Anliegen und Problemen kommen die Frauen zu Ihnen?

Blagojević: Die meisten Frauen, die zu mir in Beratung kommen, stehen vor der Pension, sind schwer belastet und haben Schmerzen. Viele von ihnen sind seit 20 oder 30 Jahren hier in Österreich, haben irgendwo als Hausbesorgerinnen gearbeitet, haben kaputte Wirbelsäulen und psychische Probleme. Jüngere Frauen kommen mit Ehe- oder Gewaltproblemen oder auch Schwierigkeiten in der Kindererziehung.

El-Jelede: Afrikanische Frauen werden oft von Spitälern oder Ordinationen zu uns geschickt, sie kommen häufig mit psychologischen Problemen oder einer Komplikation, die mit dem Thema Beschneidung in Zusammenhang steht.

Löschke-Yaldiz: Viele Frauen kommen über Ärzte zu uns. Ihr ganzer Körper tut weh, aber der Arzt sagt, dass sie nichts haben. Also werden sie zu uns "überwiesen". Dann müssen wir vorsichtig versuchen zu erklären, dass wir keine Spritze geben können und dann alles gut wird, sondern dass wir vieles aufarbeiten müssen. Wir müssen also schauen, dass sie sozial und finanziell wieder abgesichert werden, dass sie vielleicht eine Umschulung oder Berufsausbildung machen, dass wir sie einfach wieder fit machen für ein eigenständiges, selbstbestimmtes Leben.

daStandard.at: Frau El-Jelede, gerade Beschneidung ist ein sehr sensibles Thema für die Frauen selbst. Wie gehen Sie in der Beratung damit um?

El-Jelede: Beschneidung ist noch immer ein Tabuthema. Die Frauen kommen meistens mit anderen Gesundheitsproblemen zu mir, sie wissen oft nicht, dass ihre Probleme eigentlich von der Beschneidung, also FGM (Female Genital Mutilation, Genitalverstümmelung, Anm.) kommen. Mein Schwerpunkt ist es, die Frauen an dieses sensible Thema heranzuführen, ihnen die Verbindung aufzuzeigen, die zwischen ihren Beschwerden und FGM besteht. Wirklich selbstbestimmt können Frauen erst dann sein, wenn für sie alles transparent und klar ist. Darum ist die Aufklärung und Informationen in ihrer Muttersprache so wichtig.

daStandard.at: Wie ist das bei Frauen, die aus sehr patriarchalisch organisierten Gesellschaften kommen? Nehmen sie ihren Mann häufig zur Beratung mit?

El-Jelede: Es muss immer sehr klar sein, dass wir ein Frauengesundheitszentrum sind, das heißt, Männer haben hier eigentlich keinen Platz. Bei meinen Klientinnen ist es zum Glück nicht so schwer, dass eine Frau alleine herkommt, weil sie ihrem Mann sagen kann, dass sie zum Frauengesundheitszentrum geht, wo es eine sudanesische Ärztin gibt, die ihre Muttersprache spricht und dieselbe Religion hat. Das weckt Vertrauen und nimmt den Druck.

Löschke-Yaldiz: Türkische Frauen werden schon manchmal von ihren Männern begleitet. Aber wenn diese dann sehen, dass wir hier ein reines Frauenteam in einem Spital sind, dann sind sie beruhigt.

Blagojević: Wenn es notwendig ist, zu zweit zur Beratung zu kommen, dann gehen die Männer leider oft nicht mit. Obwohl es gerade bei Ehe- oder Familienberatung so wichtig wäre.

El-Jelede: Wenn ein Mann bei meiner Beratung dabei ist, versuche ich ihm zu vermitteln, dass auch er etwas davon hat, wenn er seiner Frau mehr Freiraum lässt. Zum Beispiel wenn es darum geht, dass die Frau gerne Deutsch lernen möchte, ihr Mann sie aber nicht lässt. Dann sage ich zum Beispiel: "Sie arbeiten und haben wenig Zeit für die Kinder. Lassen Sie Ihre Frau doch in den Deutschkurs gehen, dann kann sie die Kinder bei den Schulaufgaben besser beobachten, und so kann sie Ihnen auch helfen." Ich mache ihm klar, dass auch er davon profitiert.

daStandard.at: Gesundheit spielt sich ja nicht nur auf körperlicher, sondern auch auf psychischer und sozialer Ebene ab. Auch selbstbestimmtes Handeln gehört zum Wohlbefinden dazu, und die scheinbare Ohnmacht, nichts in seinem Leben tun zu können, kann einen noch kränker machen.

Löschke-Yaldiz: Ja, das ist unser Hauptfokus. Wir erklären unseren Klientinnen, dass sie sich selbst um ihren Körper kümmern müssen, weil es ihr Köper ist. Niemand anderer wird darauf schauen, dass es ihnen gut geht, wenn nicht sie selbst. Das muss man aber sehr sensibel und Schritt für Schritt vermitteln.

daStandard.at: Frau Blagojević, viele Ihrer Klientinnen stehen kurz vor der Pension und fühlen sich krank. Wie steht es um das Selbstbewusstsein dieser Frauen, ihr Leben wieder selbst in die Hand nehmen zu können?

Blagojević: Die meisten meiner Klientinnen haben ein verlorenes Selbstwertgefühl. Sie sind als junge Frauen mit 20 Jahren nach Österreich gekommen, da war es sehr wichtig, eine Existenz zu schaffen, also Arbeit zu finden, sich um die Familie zu kümmern oder ein Haus zu bauen. Gesundheit war für sie nie ein Thema. Für uns geht es jetzt darum, ihnen zu vermitteln, dass es auch andere Werte gibt, als ein schönes Haus zu haben oder sich um das Essen für die Familie zu sorgen. Zum Beispiel, sich Zeit für die Familie und sich selbst zu nehmen. Das ist ein schwieriger Prozess. Diese Frauen sind nach Österreich gekommen, um sich eine Existenz zu schaffen, und jetzt sind sie plötzlich krank. Dabei ist das ganz normal, dass diese psychosomatischen Beschwerden kommen, wenn man sich selbst vernachlässigt.

daStandard.at: Wie wird in den Familien der Frauen mit ihren gesundheitlichen Problemen umgegangen?

Blagojević: Ich habe bemerkt, dass es in der Familie oft nicht anerkannt wird, wenn eine Frau Probleme hat, wenn sie keine Tabletten nimmt. Nur wenn sie Tabletten nimmt, wird ihr Mann glauben, dass sie krank ist. Deswegen werden häufig Antidepressiva und Psychopharmaka genommen, obwohl es bei vielen gar nicht notwendig wäre. Die Tabletten sind ihr Schutz vor dem Mann und der Familie, die Krankheit ist ihr Schutz.

Bei uns bekommen diese Frauen durch Gespräche die gesamte Spiegelung ihrer eigenen Geschichte, und nach und nach erkennen sie, dass es auch mit weniger oder sogar ohne Medikamente geht. Auf einmal kommen sie selbst auf die Lösung ihres Problems.

daStandard.at: Es geht also vor allem darum, eine Gesprächsbasis zu schaffen, auf der die Frauen die Möglichkeit und Zeit bekommen, ihre Gesundheit und ihr Leben zu reflektieren?

El-Jelede: Wir helfen, ihnen den Weg zu zeigen. Wenn ich eine Klientin, die aufgrund ihrer Beschneidung unter Schmerzen leidet, frage, wo ihre Ängste liegen, wenn sie sich für eine Operation entscheidet, dann höre ich oft: "Dann bleibe ich nicht Jungfrau und dann wird mich niemand heiraten wollen." Dann beginne ich behutsam zu erklären, dass die Dinge, die sie jahrelang geglaubt hat, einfach nicht der Wahrheit entsprechen. Gerade über den Genitalbereich gibt es wirklich viele Fantasien, weil nie darüber gesprochen wird. Es ist wie eine geschlossene Tür, drinnen im dunklen Zimmer weiß man nicht, was es draußen zu sehen gibt. Es ist unsere Aufgabe, diese Türen zu öffnen. (Jasmin Al-Kattib, daStandard.at, 3.5.2012)

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    Harte "Gastarbeit" hat Spuren hinterlassen: "Viele von ihnen sind seit 20 oder 30 Jahren hier in Österreich, haben irgendwo als Hausbesorgerinnen gearbeitet, haben kaputte Wirbelsäulen und psychische Probleme", erzählt eine FEM-Beraterin über ihre Klientinnen.

  • Im Jahr 2011 gab es Frauen aus 61 Herkunftsländern, die die Gesundheitsberatungen im Kaiser-Franz-Josef-Spital in Anspruch nahmen.
    foto: fem

    Im Jahr 2011 gab es Frauen aus 61 Herkunftsländern, die die Gesundheitsberatungen im Kaiser-Franz-Josef-Spital in Anspruch nahmen.

  • Kathleen Löschke-Yaldiz (dritte Reihe, ganz links), Umyma El-Jelede (zweite Reihe, ganz links), Slavica Blagojević (erste Reihe, 2. von links) sowie das übrige Team von FEM Süd beraten ihre Klientinnen in allen Fragen zur Frauengesundheit.
    foto: fem

    Kathleen Löschke-Yaldiz (dritte Reihe, ganz links), Umyma El-Jelede (zweite Reihe, ganz links), Slavica Blagojević (erste Reihe, 2. von links) sowie das übrige Team von FEM Süd beraten ihre Klientinnen in allen Fragen zur Frauengesundheit.

  • FEM Süd ist Beratungszentrum, bietet Kurse mit Entspannungs- und Bewegungsangeboten sowie zu den Themen Ernährung und Gesundheitsförderung und leistet Projektarbeit im Bereich der Frauengesundheit.
    foto: fem

    FEM Süd ist Beratungszentrum, bietet Kurse mit Entspannungs- und Bewegungsangeboten sowie zu den Themen Ernährung und Gesundheitsförderung und leistet Projektarbeit im Bereich der Frauengesundheit.

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