Kein Studium abseits der ausgetretenen Uni-Pfade

3. Mai 2012, 14:39
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Obwohl das Uni-Gesetz individuelle Studien vorsieht, werden sie oft abgelehnt - oder gar nie eingereicht

Wien - Sich ein Studium zu schaffen, das einem wie auf den Leib geschnitten ist - mit diesem Anliegen kommen zwei bis drei junge Leute monatlich ins Büro der ÖH am Campus der Uni Wien. In dem sie die Lehre aus zwei oder mehreren Fächer zusammenfügen, wollen sie ein wissenschaftlich einzigartiges sogenanntes individuelles Studium kreieren.

Kevin Walkner ist einer, der es versucht hatte. Er wollte das Bachelor-Studium "Mathematische Philosophie" an der Uni Wien beantragen. Dafür stellte er ein Curriculum zusammen, ein Motivationsschreiben, ein Qualifikationsprofil - eben alles, was verlangt wird. Bevor er seinen Antrag einreichte, ging er zu den Curricularvorsitzenden der beiden Institute. "Am Institut für Philosophie wurde mir gesagt, dass ich Energie verschwende. Aus Kostengründen würden die meisten Fälle abgelehnt, vor allem, wenn sich der Output wirtschaftlich nicht rentiere" , sagt er. Von der mathematischen Fakultät kam dann aus inhaltlichen Gründen die Absage.

Derzeit absolvieren rund 1500 Personen von den insgesamt 90.000 Studierenden der Uni Wien ein individuelles Studium. Die Voraussetzung dafür ist, dass die Struktur eines regulären Studiums erhalten bleibt und keine zu großen Ähnlichkeiten zu einem bestehenden Curriculum vorhanden sind.

"Die Zahl der Ablehnungen ist äußerst gering. Es handelt sich um zwanzig bis dreißig Fälle pro Jahr", sagt Cornelia Blum, Sprecherin der Uni Wien.

Kein individueller Bachelor

Das könnte auch daran liegen, dass sich viele schon vor der Einreichung abschrecken lassen. Sigrid Maurer, die ehemalige ÖH-Vorsitzende, hat vergangenes Semester ein individuelles Bachelorstudium aus den Bereichen Volkswirtschaftslehre und Soziologie zusammengestellt. "Christa Schnabl (Vizerektorin für Lehre der Uni Wien, Anm.) hat mir damals davon abgeraten, weil Bachelorstudien gar nicht genehmigt würden", sagt Maurer. Weil sie die Mühen einer Klage scheut, reichte sie das Studium gar nicht ein. "Das Uni-Gesetz sieht individuelle Studien aber klar vor. Ein Rechtsstreit würde nur vermutlich länger dauern als mein jetziges Studium", sagt Maurer.

Vonseiten der Uni Wien sieht man keinen Bedarf an Ausbau und Förderung des individuellen Studiums. Mit mehr als 170 Studien gäbe es ein breites Studienangebot, in dem Kombinationsmöglichkeiten und individuelle Schwerpunktsetzungen möglich seien.

Internationale Vorbilder

Am bildungspolitischen Referat der ÖH ist die Wahrnehmung eine andere. " Die Uni will die Bewilligung Individueller Studien unterbinden, weil einmal genehmigte Studien immer wieder genehmigt werden müssen. Es ist nicht erwünscht, dass Studierende innovative Studienmöglichkeiten schaffen", sagt eine Mitarbeiterin des Referats. Diese Entwicklung schließe direkt an die Verschulung von Bachelor und Master an, in denen Studierende kaum Mitbestimmung über den Studienverlauf hätten, meint die ÖH.

Dabei gibt es international etliche Vorbilder für Initiativen zur individuelle Studienverläufe. Etwa in den Vereinigten Staaten setzen viele Universitäten inzwischen auf Institute für individuelle Studien. So hat die New York University ein eigenes Institut für "Individualized Studies", an dem Studierende unter persönlicher Betreuung nach ihren individuellen Studienplänen Kurse der gesamten Uni belegen können.

Sicher ist, dass individuelle Studien in Österreich ein enormer Mehraufwand sind. Allein die Bewilligung dauert zwischen sechs Monaten und einem Jahr, und auch danach erfordert der eigene Lehrplan viel Eigeninitiative.(Katharina Mittelstaedt, UNISTANDARD, 3.5.2012)

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