Mehr Schulden als Chancen für Amerikas Studenten

Valentin Schwarz
3. Mai 2012, 14:28

US-Studierende haben mit steigenden Uni-Gebühren, schwindenden Jobchancen und hoher Verschuldung zu kämpfen. Die Kandidaten im laufenden Wahlkampf um die Präsidentschaft reagieren darauf mit teils bizarren Vorschlägen

Washington/Wien - Gedimmtes Licht und entspannende Soulklänge - dieses ungewöhnliche Ambiente wählte Barack Obama im April für einen bildungspolitischen Auftritt. Im Duett mit dem Talkshow-Master Jimmy Fallon jammte der US-Präsident gegen die Verteuerung subventionierter Studienkredite. Diese tritt planmäßig im Sommer in Kraft.

Die musikalische Darbietung gilt als Versuch Obamas, Studierende für seine Wiederwahl im Herbst zu gewinnen. Dabei ist Uni-Politik grundsätzlich Sache der Bundesstaaten. Der Einfluss der Regierung in Washington beschränkt sich auf Zuschüsse: Neben den Krediten, auf die viele Studenten angewiesen sind, vergibt sie auch die Studienbeihilfe.

Eine Billion Dollar Schulden

Beides passt zu dem Thema, das Studierende in den USA aktuell am meisten beschäftigt: ihr wachsender Schuldenberg. "Steigende Studiengebühren haben in den letzten Jahren dazu geführt, dass viele Studenten sich mehr Geld ausborgen mussten", sagt Scott Jaschik, Bildungsjournalist und Herausgeber des Blogs insidehighered.com. Die Zahlen bestätigen die Brisanz des Themas. Über eine Billion Dollar beträgt die Gesamtverschuldung der US-Studierenden. In nur fünf Jahren hat sie sich verdoppelt. Ein durchschnittlicher Absolvent häuft im Laufe seines Studiums gut 25.000 Dollar Schulden an.

Diese später durch ein höheres Akademikereinkommen abzuzahlen ist heute schwerer denn je: Gut die Hälfte aller Absolventen unter 25 ist arbeitslos oder in Jobs tätig, die ihrer Qualifizierung nicht entspricht, etwa in der Gastronomie. "Studenten kommen mit höheren Schulden von der Uni als früher - und haben zugleich größere Probleme, einen Job zu finden", beschreibt Jaschik das Dilemma vieler junger Amerikaner.

Hauptgrund dafür ist die Steigerung der Studiengebühren. Laut der Uni-Vereinigung CollegeBoard wachsen sie seit Jahrzehnten deutlich stärker als die allgemeine Teuerung - 2011 um durchschnittlich 8,3 Prozent. Ursache sind Kürzungen in den Budgets der Bundesstaaten. Weniger öffentliche Mittel führen zu höheren Gebühren. Insgesamt kommen in den USA zwei Drittel aller Ausgaben für Hochschulen aus privaten Quellen - viermal so viel wie in Österreich.

Romney für Privat-Unis

Der studentische Schuldenberg wurde im Vorwahlkampf der Republikaner mehrfach thematisiert. Die Lösungsvorschläge der Kandidaten erscheinen aus europäischer Perspektive bizarr.

Mitt Romney, der wahrscheinliche Herausforderer Obamas, setzt auf profitorientierte Privat-Unis. "Sie halten die Kosten niedrig", sagte Romney, schließlich stünden sie im Wettbewerb. Die Fakten sehen anders aus: Profitorientierte US-Unis verlangen doppelt so hohe Gebühren wie öffentliche. Zugleich geben sie weniger Geld pro Student aus. Dieses fließt in hohe Managergehälter, Werbungskosten - und Profit soll auch übrig bleiben.

Kritiker erklären sich Romneys Position damit, dass Privat-Unis zu seinen Großspendern zählen. Auch unterstützt er den Budgetentwurf seines Parteifreunds Paul Ryan, der die Studienbeihilfe für zehn Millionen Studenten kürzen oder ganz streichen will.

Noch weiter geht Ron Paul, Konkurrent Romneys im Vorwahlkampf: Er will die Studienbeihilfe völlig abschaffen. Für den libertären Kandidaten ist sie ein Eingriff in den freien Markt, der einen Anreiz für die Unis darstelle, ihre Gebühren zu erhöhen.

Gar nichts von Hochschulbildung hält Rick Santorum, lange Zeit Romneys stärkster Konkurrent. In Reaktion auf Obamas Aussage, alle Amerikaner sollten sich nach der Schule weiterbilden, erklärte er diesen zum "Snob" . Die Unis seien Zentren linker Indoktrination und machten aus gläubigen Jugendlichen Atheisten.

Doch auch Obama, der sich gerne als ein Freund der Unis gibt, hat viele enttäuscht: Angekündigte Investitionen fielen einem parlamentarischen Deal für die Gesundheitsreform zum Opfer. Sein Plan, Studienkredite nicht zu verteuern, würde zwar das Wachstum der studentischen Verschuldung einbremsen, bedeutet aber keine echte Entlastung. Von einem " Rettungspaket", das etwa die Occupy-Bewegung für "Studenten statt für Banken" fordert, ist Obama weit entfernt. (Valentin Schwarz, UniStandard, DER STANDARD, 3.5.2012)

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Das Absurde daran ist:

Die Hardliner, die von amerikanischen Verhältnissen schwärmen und "marktübliche" Studiengebühren auf Kredit auch bei uns einführen wollen, sind dieselben, die das Schuldenmachen verteufeln.

"Gar nichts von Hochschulbildung hält Rick Santorum" - Nein, Rick Santorum hält nichts davon, daß jeder - unabhängig von seiner Begabung - auf die Uni soll.
Dieser Sektor ist ein perfektes Beispiel, wie Staatsinterventionen Preise in die Höhe treiben. Die Lösung laut Obama? Noch mehr Staatsintervention.
Stattdessen sollte man Studentenkredite wie jeden anderen Kredit behandeln (im Gegensatz zu anderen Schulden wird man die nicht durch einen Konkurs los) und die Unis zur Verantwortung ziehen, indem man sie am finanziellen Risiko teilhaben läßt, wenn Leute ihre Schulden nicht zahlen können.

Vorbild USA.

Schlechtes Vorbild.

Die ÖVP hätte das in AT auch gerne so.

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