"Warum hören wir Kassandra nicht?"

3. Mai 2012, 17:50
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Mit "Das trojanische Pferd" geht Burg-Direktor Matthias Hartmann im Kasino auf den Spuren von Homer auf vielstimmige szenische Entdeckungsreise

Ronald Pohl erklärte er die Eckpunkte des Konzepts.

Troja: "Ich habe im Gemäuer des Kasinos schon ziemlich viele Bilder zum Themenkomplex Krieg gesucht. Ich habe das ganze Troja-Projekt aus zwei Gründen aufgegriffen: Erstens habe ich einen belastbaren Stoff gebraucht, der genug Material für Recherche zur Verfügung stellt, um damit auf eine Reise zu gehen. Zum anderen hat mich gereizt, die Figuren aus unterschiedlichen Perspektiven, das heißt: aus unterschiedlichen literarischen Gattungen, erzählen zu lassen. Die unterschiedlichen Stimmen auch von verschiedenen Autoren, von einander widersprechenden Standpunkten aus entstehen zu lassen. Ein Beispiel: Es gibt Situationen in dem Stück, da wird Helena schlicht und ergreifend wegbehauptet - obwohl sie auf der Bühne steht. Dann muss sie eben gehen. Noch im Vorfeld habe ich mich interessiert für die Phase, als der Krieg nach zehn Jahren vorbei zu sein schien. Das ist in der Ilias nicht beschrieben. Dazu gibt es nicht viel Literatur. Da ist man mit Vergils Äneis oder mit Peter von Matt unterwegs."

Hölzernes Pferd: "Wir haben an diesem Punkt begonnen, an dem scheinbar ersten Tag des Friedens nach zehn Jahren Krieg, während der Arbeit aber eine perspektivische Verschiebung vorgenommen: eine Aufarbeitungs- und Erinnerungsarbeit an die Zeit vor dem Krieg. Diese Erinnerungsarbeit wird vom Schauspielerkollektiv aus dem Hades heraus geleistet. Es ist ein wesentlicher Aspekt in der Ilias, dass die Figuren um ihr Nachleben bemüht sind. Die Lebensbedeutung reicht über den Tod hinaus, das Leben selbst ist gar nicht so bedeutsam. Bei Achilles kommt das am stärksten heraus, weil er die Prophezeiung vorliegen hat, dass er entweder ein langes Leben zu Hause führt oder ein kurzes berühmtes. Er entscheidet sich durchaus für den Ruhm. Die Figuren erinnern sich für uns, mit uns - und berichten. Und dabei komme ich zu dem formalästhetischen Punkt, der mich interessiert: In was für eine Wechselbeziehung tritt ein epischer Text mit einem situativen Text?"

Kassandra-Rufe: "Düstere Prophezeiungen sind ein fester Bestandteil unserer Kultur. Warum ziehen wir trotzdem immer wieder hölzerne Pferde in unsere Mauern? Warum hören wir die Kassandra-Rufe nicht? Ob es sich um die Umweltbedrohung handelt oder um etwas anderes: Die Wahrheit steht ja im Raum. Aber wir können sie nicht hören, und wenn wir sie hören, verhalten wir uns nicht entsprechend. Es gibt Texte in unserem Stück, die kehren mehrere Male wieder. Diese Stellen unterbrechen auch die Chronologie des Erzählens: Ich will nicht chronologisch von einem Punkt zum nächsten kommen und damit eine Geschichte umspannen. Ich möchte, dass der Abend Splitterwerk bleibt. Die große Identifikationsfigur ist doch Paris, der trojanische Prinz. Er erzählt die Geschichte seines Lebens, von der Geburt bis zum Tod."

Recherche: "Dramaturgin Amely Joana Haag hat alle Literatur herbeigeschafft, deren sie habhaft werden konnte. Was herauskam, passte in einen großen Obi-Baumarkt-Einkaufswagen. Die Spieldauer dieses Textmaterials hätte eine Woche konstanter Rezitation erforderlich gemacht. Wir haben daraufhin einen Leseplan erarbeitet und begonnen, Schauspielern Figuren zuzuordnen. Die Schauspieler wurden zu Anwälten der Figuren und berauschten sich an deren Texten. Wir haben das anschließend im Kollektiv diskutiert. Wir projizieren während des ganzen Abends die Textquellen auf eine graue Fläche. In freier Abwandlung eines ProSieben-Spruchs heißt es bei uns über die Götter: ,You kill to entertain us!'"

Schrott: "Ich habe Raoul Schrott getroffen und mich von seiner ,toughen' Sicht auf die Ilias vollständig überzeugen lassen. Seine Theorie ist zeitgemäß und aufregend. Man kann nachvollziehen, dass Homer ein Schreiber war, der in der Türkei lebte und dichtete. Er dichtete aus Gilgamesh nach, erzählte eine neue Geschichte und benutzte seinen Lebensort, um sie zu veranschaulichen."

Fazit: "Das Fazit vorab müsste vielleicht lauten: die Komposition unterschiedlicher sprachlicher und gedanklicher Ansätze. Vielstimmigkeit durch das Kaleidoskop einer Erinnerung. Das Stück endet da, wo es begonnen hat. Nach meinem Geschichtsverständnis ist kollektive Erinnerungsarbeit wesentlich. Die grauenhaftesten Fehler scheinen sich in der Geschichte zu wiederholen. Können wir nichts lernen?"

Mauer: "Sie stürzt ein. Tatsächlich."
(Ronald Pohl, DER STANDARD, 4.5.2012)

  • Bricht nach "Krieg und Frieden" wiederum in unmarkiertes Theatergelände 
auf: Matthias Hartmann auf der Probe im Kasino des Burgtheaters, wo er 17 
Schauspieler dirigiert.
    foto: burgtheater / reinhard maximilian werner

    Bricht nach "Krieg und Frieden" wiederum in unmarkiertes Theatergelände auf: Matthias Hartmann auf der Probe im Kasino des Burgtheaters, wo er 17 Schauspieler dirigiert.

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