Bawag-Prozess ist aus dem Rhythmus geraten

3. Mai 2012, 14:00
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Helmut Elsner hat den Prozessfahrplan Bawag II durcheinandergebracht; er ist krank und nicht zu seiner Einvernahme gekommen

Helmut Elsner hat den Prozessfahrplan Bawag II durcheinandergebracht; er ist krank und nicht zu seiner Einvernahme gekommen. Statt seiner wurde Christian Büttner befragt; der belastete den abwesenden Ex-Bankchef.

 

Wien - Die Verärgerung stand Strafrichter Christian Böhm am Mittwoch ins Gesicht geschrieben: Entgegen dem Bawag-Prozessfahrplan, aber gemäß der Erwartungen, ist der Angeklagte Ex-Bawag-Chef Helmut Elsner nicht bei Gericht aufgetaucht. Sein Anwalt, Tassilo Wallentin, erklärte die unangekündigte Absenz mit Herzrhythmusstörungen seines Mandanten (liegt seit Donnerstag im Wilhelminenspital), eine Prognose könne der behandelnde Kardiologe, Kurt Huber, nicht abgeben. "Elsner ist in höchstem Maße interessiert, an der Verhandlung teil zu nehmen, aber der Arzt lässt ihn einfach nicht raus", beteuerte Wallentin - und es schien, als wäre das Publikum im Verhandlungssaal 203 etwas amüsiert.

Den Richter ließ die Erklärung hörbar tief ausatmen, und er quittierte sie mit: "Herr Elsner könnte ja auch unter Ignorierung dessen kommen, hält sich aber an den ärztlichen Rat." Ob der 76-Jährige heute, Donnerstag, zu Gericht kommt, um zu seiner Pensionsabfindung Rede und Antwort zu stehen, blieb offen. Wahrscheinlich ist es nicht; schließlich soll sich Elsner einer Bronchoskopie unterziehen. Wie dringend die ist, soll bei Medizinern umstritten sein.

Statt Elsner nahm also - nach einer Umgruppierung der Angeklagten (Elsner sollte nicht neben Wolfgang Flöttl sitzen) - Christian Büttner auf dem heißen Stuhl vor dem Richter Platz. Bei brütender Hitze im Saal ("Zu diesen Bedingungen halten andere Alligatoren", so ein Anwalt) hinterfragte der Richter ruhig und präzise die Rolle Büttners im Herbst 1998. Damals waren die ersten Verluste (639 Mio. Dollar) durch Flöttls Investments aufgeflogen, der Vorstand informierte Aufsichtsratschef Günter Weninger und beschloss, Flöttl weitere Kredite zum Spekulieren/Investieren zu geben. Er überließ der Bank seine (belastete) Gemäldesammlung.

Der zum "kleinen Vorstand" zählende Büttner war gegen die weitere Beschäftigung und Kreditierung Flöttls, die fand dann aber trotzdem statt.

Die Tage, in denen diese Entscheidungen gefallen sind, waren am Mittwoch stundenlang Thema - schließlich muss das Gericht heraus filtern, ob die " kleinen Vorstände" bei der weiteren Kreditvergabe Untreue begangen haben - also wissentlich ihre Befugnisse missbraucht und der Bank so vorsätzlich Schaden zugefügt haben. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Büttner wurde nicht müde zu betonen, dass er nach der Information über den großen Verlust (am 23. Oktober 1998) "extrem schockiert war". Im Vorstand, in den ihn Minderheitsaktionär BayernLB entsandt hat, sei er der schlecht informierte Außenseiter gewesen. Bei der geheimen Krisensitzung des Vorstands am Staatsfeiertag '98 etwa habe er den anwesenden Flöttl mit dem Spekulanten Nick Leeson verglichen, der die britische Barings Bank versenkt hatte. Die Folge: "Elsner hat mich total gerügt, wie ich dem tollen Herrn Flöttl so auf die Zehen steigen kann". Und: "Wir unterschätzen alle, was es bedeutet hat, sich gegen Elsner zu stellen. Der Druck, der da auf mir lastete, ist auch ein Rucksack". Dass der nächste Flöttl-Kredit gleich aus der Vorstandssitzung heraus von Peter Nakowitz überwiesen wurde, sei ihm "nicht aufgefallen".

Bargeld im Dienstwagen

Im übrigen sei er von Elsner damals in einem Vieraugengespräch unter Druck gesetzt worden: "Er sagte, ich hätte die Verantwortung zu tragen, wenn ich einen Verlust, der gar keiner ist, öffentlich mache und dann ein Run auf die Bank stattfindet." Was so ein Ansturm der Sparer auf ihre Bank bedeutet, habe er dann übrigens 2006 erlebt. Da musste die Notenbank die Bawag täglich mit Barem versorgen, wie die Bawag das dann an die Filialen weiterverteilt hat, beschrieb der Ex-Banker so: "Sie haben dazu den Kofferraum meines Dienstwagens bis obenhin mit Bargeld vollgefüllt." (Renate Graber, DER STANDARD, 3.5.2012)

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