Sein und Stein

Das vielfältige kulturelle Erbe überzieht die Insel Java. Buddhistische Tempelanlagen und koloniale Kaffeeplantagen ebenso wie Semarangs Chinatown

Buddhas in der Badewanne - auch damit kann Javas Mitte an diesem samtig weichen Morgen aufwarten. Zumindest sieht es ganz danach aus. Wie im Whirlpool sitzen sie im Sockel geöffneter Mini-Stupas, scheinen über den aufziehenden Bodennebel zu meditieren. Viel Grün zeichnet sich jetzt, am Ende der Regenzeit, zu ihren Füßen ab: Rund um Javas berühmtestem Bauwerk, dem Borobudur-Tempel, schmatzt der vollgesogene Inselboden wie ein feuchter Schwamm. Aber eben nicht nur.

Die feinen Luftwurzeln und Tänzerinnen, die Schirme und Sarong-Falten der detailgetreuen Reliefs, die Borobudur auszeichnen - auch sie finden sich in der gesofteten Umgebung wieder. Sogar die Jumbos, die in Stein gemeißelt durch die Friesbänder trampeln, kann man zwischen den umliegenden Reisfeldern live erleben. Elefantenritte durch die üppig-grüne, ländliche Szenerie sind längst ein fixer Bestandteil von Borobudurs touristischem Angebot. Im Idealfall tragen einem die Dickhäuter bis ins Fünf-Sterne-Nirwana des terrassierten Amanjiwo Resorts. Duftende Spa-Blütenbäder und Suiten mit privaten Pools lassen hier die trockenen "Steinwannen" der Borobudur-Buddhas ziemlich alt aussehen - was sie ja auch sind.

Stein um Stein

Wie ein Krimi liest sich die erst 1814 erfolgte Wiederentdeckung des größten buddhistischen Denkmals der Welt, dessen frech verschleppte Statuen, Reliefs und Friese in Museen und Kunstsammlungen in aller Welt landeten. Doch auch die Gier der kolonialen Pfeffersäcke blieb eine vorübergehende Episode, ebenso wie das später in Angriff genommene Restaurierungsprojekt - eines der umfassendsten aller Zeiten. Mehr als die Hälfte der zwei Millionen Steinblöcke, die sich über neun Terrassen verteilen, wurden abgetragen, der darunter liegende Erdhügel gegen ein völlig neues Fundament getauscht. Auf einer nervösen Insel wie Java, an der die Erde zu Krämpfen neigt, arbeiten auch Archäologen im Akkord.

Das verrät auch der Besuch der nicht allzu weit entfernten Tempel von Prambanan - steinerne Zeugnisse jener Tage, als die Schiffe aus Südindien hier Javas frühe Hochkultur begründeten, mit vielarmigen Hindu-Göttern und exquisitem architektonischem Know-how im Reisegepäck. Letzteres brauchte es auch, denn immer wieder hätte der Hausvulkan Mt. Merapi die 856 fertiggestellte Unesco-Stätte fast ausradiert. Vom Aschenregen überschüttet, überwuchert, von einem desaströsen Erdbeben im Jahre 1549 zerstört, schließlich als Steinbruch missbraucht - so lagen die schönsten Tempel der Insel im Argen. Doch seit 1918 geht es mit dem "Tal der Könige", in dem sich neben dem Haupttempel Candi Shiva Mahadeva noch zahlreiche weitere Relikte verteilen, wieder aufwärts. Freilich nicht ohne Hindernisse. Auf umfassende Restaurierungen folgten Rückschläge, wie etwa das Erdbeben von 2006, dessen Spuren bis heute zu sehen sind.

Tee oder Kaffee

Die Götter auf den verwitterten Fresken - Shiva als Zerstörer und Vishnu, der Errichter - finden sich so in Javas hyperaktiver Natur wieder und im bestimmenden Rhythmus des Sunda-Archipels. Die Extraportion Reis, die die fruchtbare Vulkanasche abwarf, machte die Insel einst zur Schatztruhe des Sunda-Archipels, mit dessen Namen sich von jeher tiefe Wurzeln verbinden: Wiege des Java-Menschen, des ältesten bekannten Homo erectus, ist die langgestreckte Insel. Die genialen Schnörkel der lokalen Batikstoffe und exzentrische Gamelan-Klangwolken verweben sich mit diesem Bild ebenso wie die Raffinesse einer am Kreuzungspunkt der großen Kulturen Asiens gereiften Kochkunst. Doch Java bietet noch mehr raffinierten Genuss: Java Tabak etwa oder Java Kaffee. Auch diese Qualitätsstandards trugen, spätestens im Zuge der niederländischen Herrschaft, zu einer Corporate Island Identity bei - und inspirieren heute touristische "Java-Programme".

Wie genüsslich Reisen entlang dieser Spuren ausfallen können, beweist der luxuriöse Aufenthalt in historischen Kaffeeplantagen wie der "Losari Coffee Plantation". Noch immer wird hier, nördlich des zentraljavanischen Magelang, und am Gelände einer ehemals niederländischen Kaffeeplantage, das mokkabraune Gold der umliegenden Hügel geröstet. Doch das wahre Aroma der Hausmarke "Losari Coffee" entfaltet sich erst beim Spaziergang über die parkähnliche Anlage selbst. Verspielte Holzpavillons, der kreisende Ventilator einer alten Bar, feucht glänzende Steinwege, ein Infinity Pool mit Vulkanblick - so sehen die besten Momente des Plantagenlebens aus.

Dabei ist der Losari-Luxus bloß ein postkoloniales Guckloch neben anderen. Relikte einer kompletten Infrastruktur tauchen auch weiter nördlich auf. Mitunter sind sie so rußig und riesig wie Javas letzte Dampflokomotiven, die einst Kaffeesäcke beförderten und heute im Eisenbahnmuseum von Ambarawa auf ihre Abfahrt warten. Im Rahmen individueller Touren schnaufen die Loks bis heute die Serpentinen nach Bedono hoch.

Geologenkitsch

Nostalgisch gibt sich auch Semarang, die Hafenstadt an Zentraljavas Nordküste. Allein das Stuhlensemble der holländischen Kirche Gereja Blenduk aus 1753 wäre Grund genug, andächtig niederzuknien. Doch Semarangs Outstadt - die historische Altstadt - lässt dafür keine Zeit. Schon lange wurde gegenüber der Kirche ein altes Lagerhaus ins feine Kolonialstil-Restaurant "Ikan Bakar Cianjur" verwandelt, während rund um den Tay-Kak-Sie-Tempel Semarangs Chinesen-Community ihr eigenes Süppchen kocht - auch die von Kanälchen durchzogene, alte Chinatown ist eine Entdeckung díeser weltoffenen Millionenstadt.

Wer Richtung Osten weiterreist, lernt weitere Facetten des Java-Business kennen. Da wäre Jepara, die nahe Stadt der Tischler, die Galerien in Bali und in aller Welt mit Edelholz-Inventar beliefert. Viel weiter im Osten fordert der riesige Hafen von Surabaya sogar Jakarta heraus - und konnte sich zugleich charmante Enklaven bewahren. Das nach Kardamom duftende, pittoreske arabische Viertel zählt dazu ebenso wie die Grandezza des kolonialen Hoteljuwels "Majapahit". Dass im Hinterland Javas bekanntester Show-Vulkan wartet, der pünktlich zum Sunriser-Termin eruptierende Mount Bromo - fast schon Geologen-Kitsch.

Doch man kann Semarang auch Richtung Norden verlassen, Richtung blitzblaues Meer. Flug nach Karimun Jawa, einer Gruppe kleiner Inselchen, dreieinhalb Bootstunden nördlich der Küste. Ein wenig Frischluft gönnt einem der Pilot der kleinen Cessna gern, die hier im Dienst der Mini-Airline "Kura Kura Aviation" Gäste zu den Korallenriffs bringt. Vertragen kann man die salzige Luft allemal, die jetzt durch die Luke hereinströmt. Denn atemberaubend ist die Vogelperspektive auf den für viele besten Beach-Geheimtipp der Java-See. Der grauschwarze Vulkansand, der weite Teile von Javas Küsten mit einer Art Trauerflor umgibt, hat sich hier in das kalkweiße Zahnpastalächeln von Korallenstränden verwandelt.

Wie Spielzeugboote schweben die Ausleger über türkisem Grund, und neben Buchten glänzen grünschwarze Kronen des tropischen Baumbestands. Karimun Jawa ist ein Badeparadies, unbeleckt fast wie vor Touristi Geburt. Zwei feinere Resorts gibt es hier, eines residiert auf einer eigenen Insel. Und wer für eine Rundfahrt ein Taxi reserviert, wird mitunter von der Feuerwehr abgeholt. Aber keine Angst: Sie rast kein bisschen dahin. Das Einzige, was gerade brennt, ist die Sonne. (Robert Haidinger, Rondo, DER STANDARD, 4.5.2012)

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