Umbauarbeiten in Wien Mitte: Der Weg ist das Ziel

2. Mai 2012, 20:24
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Baustellen in Wien Mitte und am Karlsplatz erschweren so manchem Reisenden das Erkennen des richtigen Wegs - Vor allem Menschen mit Behinderung müssen deswegen einige Umwege in Kauf nehmen

Wien - Der Homo Sapiens Touristikus - bestens zu erkennen am schiefen Gang (wegen des einseitigen Koffer-über-die-Treppe-Wuchtens) bei gleichzeitig heraushängender Zunge und suchendem Blick - treibt sein Unwesen in den Untiefen von Wien Mitte.

Der Umbau für das Megaprojekt an einem der wichtigsten Frequenzpunkte Wiens dauert nun seit 2007 und soll Ende diesen Jahres abgeschlossen werden. Bis dahin müssen Reisende von oder nach Wien allerlei Analysefähigkeit an den Tag legen. Zum einen ändern sich Zu- und Abgänge zu U- und S-Bahnen wie auch zum CAT (City Airport Train) laufend. Zum anderen ist die sich ebenfalls im Wandel befindliche Beschilderung nicht für alle deutlich genug.

Treppe bei Invalidenstraße

Wo denn die blaue S-Bahn sei, fragen zwei Touristinnen aus der Slowakei am Bahngleis der U4. Dass sie dafür aus dem Gebäude raus und zweimal ums Eck und danach durch den Bautunnel müssen, ist nunmal ein Nebeneffekt der Umbauarbeiten. Problematisch wird es vor allem für Menschen mit Gehbehinderung oder schwerem Gepäck: Wer den Zugang von der Invalidenstraße wählt, findet hier nur eine Treppe vor. Der Bautunnel Richtung S-Bahn auf der um die Ecke liegenden Landstraßer Hauptstraße wiederum verfügt weder über Lift noch Rolltreppe.

Nachgefragt beim Vorverkaufsschalter der Wiener Linien, wo denn ein barrierefreier Zugang sei, verweist die Dame auf die ÖBB. (Wer es trotz Barriere über die Treppe auf der Invalidenstraße schafft, findet dort eine Hinweistafel mit dem provisorischen Zugang für Menschen mit Behinderung.) Die ÖBB wiederum verweist auf den Bauträger Austria Immobilien (BAI), da die eigenen Bauarbeiten bereits seit Mai 2011 abgeschlossen seien.

"Die Leute schauen einfach zu wenig"

Warum denn eigentlich das Stiefkind S7 Richtung Flughafen nicht barrierefrei sei, und immer als alte Garnitur daherkomme? "Mit dem CAT decken wir die Bedürfnisse aller Reisenden ab", heißt es aus der Pressestelle. Nur: Der CAT kostet One-Way 12 Euro, die S-Bahn maximal vier.

Ein dänisches Ehepaar, seltenes Exemplar des wandernden H.S. Touristikus in Wien Mitte, hat trotz zurückhaltender Information seitens der ÖBB geschafft und die günstigere S-Bahnvariante vorgezogen. Ein schlauer Reiseführer aus der Heimat machte es möglich. Jetzt wüssten sie allerdings nicht so recht, wie sie zum Schwedenplatz kommen. "Die Leute schauen einfach zu wenig", ärgert sich eine Mitarbeiterin der Wiener Linien.

Auch eine Frau hinter dem AUA-Schalter meint, sie selbst würde sich nicht verlaufen, habe aber Verständnis, dass sich ausländische Gäste nicht so gut zurechtfinden würden. Etwa 20 davon beschwerten sich deswegen bei ihr. Täglich.

Personal verweist auf Beschwerdehotline

Der bisherige Ein- und Ausgang zur CAT-Halle auf der Marxergasse ist derzeit geschlossen, ein Schild verweist auf den Ausgang durch das Gebäude. Wer den Eingang von Straßenseite sucht, muss über die Gigergasse gehen. Das Personal von CAT selbst möchte keine Auskunft geben und verweist enerviert auf die Beschwerdehotline. Deren Bestimmung sei eine Infohotline, stellt die Frau am Telefon klar. Beschweren würde sich bei ihr kaum jemand.

Prominentester Vertreter der Gattung der Suchenden am Mittwoch ist Ex-EU-Kommissar Franz Fischler. Sein Büro befinde sich gleich um die Ecke, mittlerweile würde er sich zurechtfinden. Die wechselweise Sperre von Zugängen und die mangelhafte Beschilderung sei jedenfalls verbesserungsfähig. Er könne verstehen, dass sich einige Reisende im Kreis bewegen würden.

Lift nur bei Resselpark

Eine weitere Großbaustelle ist derzeit die U-Bahnstation am Karlsplatz. Bis Anfang September ist die Kulturpassage gesperrt. Einige Schilder verweisen auf den barrierefreien Alternativweg: Wer einen Lift braucht um zur U-Bahn oder zur Operngasse zu gelangen, muss derzeit über den Resselpark ausweichen. (Julia Herrnböck, DER STANDARD, 3.5.2012)

  • Homo Sapiens Touristikus in seiner reinsten Form: Die Koffer ziehend, 
der Blick unsicher wandernd zwischen Info-Broschüre und Insignien der 
Realität.
    foto: christian fischer

    Homo Sapiens Touristikus in seiner reinsten Form: Die Koffer ziehend, der Blick unsicher wandernd zwischen Info-Broschüre und Insignien der Realität.

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