Tanzgesang der Nachtigall

Helmut Ploebst
2. Mai 2012, 17:12

Die neuseeländische Künstlerin Sriwhana Spong im Neuen Kunstverein Wien

Wien - Die Natur ist allemal besser als ihre mechanische Imitation, behauptete schon Hans Christian Andersen in seinem Märchen Die Nachtigall, das zur Musik von Igor Strawinsky von den berühmten Ballets Russes vertanzt wurde. Mit deren Stück hat sich nun die neuseeländische Künstlerin Sriwhana Spong intensiv beschäftigt. Die Ergebnisse sind derzeit im Neuen Kunstverein Wien zu sehen.

Das heute fast vergessene Ballett Gesang der Nachtigall in der Ausstattung von Henri Matisse und der Choreografie von Leonid Massine kam 1920 zur Uraufführung. Nun greift Spong, 33, das Thema vom Wettlauf der Technik gegen die Natur bei Massine auf. Mit so einfachen wie wirksamen Mitteln: den Apparaten von Film und Video.

Zwei Videoinstallationen, Lethe-wards und Costume for Mourner, sowie fünf Collagen genügen für die Ausstellung in der spartanischen Galerie des Neuen Kunstvereins. In Lethe-wards sind zwei kurze, parallel laufende Projektionen zu sehen. Hier die mechanische Nachtigall in Schwarzweiß, dargestellt von einer Tänzerin. Und da der Kaiser von China in Farbaufnahme, wie er unter dem Gezwitscher des Geräts dahinsiecht. Costume for Mourner zeigt ein Tanzsolo, in dem der nahende Tod des Kaisers beklagt wird.

Der Titel Lethe-wards spielt auf das Ballett an, von dem nur ein paar Beschreibungen und Fotos erhalten sind. Lethe ist ja in der griechischen Mythologie der Unterweltfluss des Vergessens. Und das komplizierte Kostüm des Mourner ist eine Referenz auf Matisse' künstlerische Gestaltung, die übrigens bei der Zweitfassung von Gesang der Nachtigall durch keinen Geringeren als George Balanchine 1925 übernommen wurde.

Schade, dass über die begeisterten Kooperationen von Choreografen, bildenden Künstlern und Komponisten im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts allgemein nur relativ wenig bekannt ist. Sriwhana Spong greift diese Realität auf, aber nicht unter dem Aspekt der Musealisierung. Sie rekonstruiert Szenen aus dem Gesang der Nachtigall und bringt sie mit dem kreativen Aspekt des Erinnerns in Verbindung. Das tut sie eben nicht als Historikerin, sondern als Künstlerin, die aus altem Material neue Formulierungen generiert. (Helmut Ploebst, DER STANDARD, 3.5.2012)

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