Prekäre Stütze für Schwangere

2. Mai 2012, 18:13
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Hebammen fordern Einbindung in die Mutter-Kind-Pass-Untersuchungen, wie es bereits in vielen europäischen Ländern üblich ist

Pünktlich zum internationalen Welthebammentag präsentieren die österreichischen Geburtshelferinnen ihre Forderungen in der Öffentlichkeit. Neben dem Dauerthema steigende Kaiserschnittraten plädiert das Hebammengremium vor allem für eine bessere Verankerung der Hebammen in Schwangerenvorsorge und der Wochenbettbetreuung.

Rundumbetreuung

Derzeit sind in Österreich rund 1.900 Hebammen sowohl in Krankenhäusern als auch in freier Praxis aktiv. Ihre Aufgabe sehen die Berufsvertreterinnen aber nicht nur darin, die werdende Mutter bei der Geburt zu begleiten. "Eine Hebamme betreut eine Schwangere im Idealfall bereits während der Schwangerschaft und besucht sie im Anschluss an die Geburt zuhause", so Petra Welskop, Präsidentin des Österreichischen Hebammengremiums.

Derzeit ist es allerdings so, dass Schwangere sich eine solche Vorbetreuung privat hinzukaufen müssen, denn die Krankenkassen bezahlen nur Hausbesuche nach der Geburt und auch nur dann, wenn die Mutter nach einer komplikationsfreien Entbindung das Krankenhaus innerhalb von drei Tagen verlässt. „Aus der Praxis wissen wir allerdings, dass der dritte und vierte Tag nach der Geburt kritisch sind, weil es in dieser Zeit meist zum Milcheinschuss kommt und in der Regel viele Fragen auftauchen." Welskop plädiert deshalb für eine Ausweitung dieser Frist.

Zuwenig Kassenhebammen

In Ballungszentren wie in Wien gibt es zudem das Problem, dass zu wenige Hebammen mit einem Kassenvertrag arbeiten. Sie erhalten für einen Hausbesuch von der Krankenkasse 35 Euro und dürfen, anders als die Wahlhebammen, keinen Zuschlag von den Patientinnen verlangen. "Unter diesen Bedingungen ist es für Hebammen nicht attraktiv, einen Kassenvertrag anzustreben", so Welskop.

Zahlen für Österreich fehlen

Im europäischen Vergleich sieht die Wochenbett-Situation in Österreich nicht gut aus. In der Schweiz nimmt z.B. jede zweite Frau die Wochenbettbetreuung durch eine Hebamme in Anspruch. Auch in Deutschland sei Hebammenbetreuung nach der Geburt zu Hause für sehr viele Frauen eine Selbstverständlichkeit. Für Österreich gibt es dazu keine verlässlichen Zahlen, für Wien geht Hebamme Johanna Sengschmid von "vielleicht fünf Prozent der Frauen aus", die die Hebamme zur Nachbetreuung zu sich nach Hause holen.

Informationsdefizit

Doch ein Mangel an Hebammen mit Kassenvertrag ist nur ein Problem, das die Berufsvertretung beschäftigt. Sie orten auch ein enormes Informationsdefizit bei den betroffenen Frauen. "Oftmals wissen die Mütter nicht, dass sie Anspruch auf Hebammenbetreuung im Wochenbett haben. Oder sie melden sich erst an, wenn sie mit dem Baby schon zuhause sind", so Welskop. Viel besser wäre es, wenn die werdende Mutter schon während der Schwangerschaft mit der betreuenden Hebamme Kontakt aufnehmen würde.

Drei Untersuchungen für Hebammen

Das Gremium fordert auch deshalb, dass Hebammen, wie z.B. in Deutschland, Schweden oder Holland, in die verpflichtenden Voruntersuchungen im Rahmen der Mutter-Kind-Pass-Untersuchungen miteinbezogen werden. Drei vorgeschriebene Untersuchungen, in denen kein Ultraschall vorgesehen ist, könnten Hebammen übernehmen. Welskop: "Diese finden allesamt in der zweiten Schwangerschaftshälfte statt." Erfahrungen in Ländern, wo Hebammen eine zentrale Betreuungsrolle bei normal verlaufenden Schwangerschaften einnehmen, hätten gezeigt, dass dieses Modell zu größerer Zufriedenheit und Sicherheit bei den werdenden Müttern führe und zudem kostengünstiger sei.

Für den kommenden Aktionstag am 5. Mai sind österreichweit mehrere Aktionen geplant. In Wien wird das Hebammengremium bei der Babyexpo (4. bis 6. Mai) vertreten sein und Interessierten Frage und Antwort stehen. (red, dieStandard.at. 2.5.2012)

Zur Institution:

Das Österreichische Hebammengremium (ÖHG) ist eine öffentlich rechtliche Körperschaft und vertritt die beruflichen Interessen der Hebammen in Österreich. Es herrscht Pflichtmitgliedschaft für alle rund 1.900 Hebammen, die in Österreich tätig sind. Hebammen arbeiten freiberuflich und/oder in einem Krankenhaus mit geburtshilflicher Abteilung, im Geburtshaus, im Entbindungsheim oder als Familienhebammen in Mutter-Eltern-Beratungen.

Link

www.hebammen.at

  • ÖHG-Präsidentin Petra Welskop fordert mehr Einbindung ihres Berufsstandes in die öffentliche Schwangerenbetreuung.
    foto: österreichisches hebammengremium

    ÖHG-Präsidentin Petra Welskop fordert mehr Einbindung ihres Berufsstandes in die öffentliche Schwangerenbetreuung.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Beim Hausbesuch einer Hebamme wird noch Handarbeit geleistet. Im Bild: Eine Hebamme wiegt das Gewicht eines Neugeborenen mit einer Handwaage.

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